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Schieflage im Weinbau

Ex-Intersport-Präsident Jost zeigt Winzern Wege aus der Krise auf

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Die Schieflage der Branche lässt Klaus Jost keine Ruhe. Im Stimme-Interview nimmt der Ex-Intersport-Präsident kein Blatt vor den Mund, sagt klipp und klar, wo es hakt – und was er ändern würde.


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Klaus Jost aus Eppingen-Kleingartach war 25 Jahre im Genossenschaftswesen unterwegs, unter anderem sogar weltweiter Präsident von Intersport International. Nach wie vor engagiert sich der Vollblutmanager, meist ehrenamtlich, in Firmengremien, Verbänden und Vereinen.

Und: Jost ist ein großer Weinkenner. So lässt ihm die Schieflage der Branche, speziell vieler Württemberger Weingärtnergenossenschaften (WG), keine Ruhe. Im Stimme-Interview nimmt der gebürtige Hesse kein Blatt vor den Mund, sagt klipp und klar, wo es hakt – und was er ändern würde.

 

Herr Jost, viele kennen sie noch als Intersport-Chef. Wie aber wurden sie zum Weinkenner?

Klaus Jost: Das ist eine ganz besondere Geschichte: Bei der Bundeswehr wurde Peter Kinback aus Rheinhessen mein „bester Freund“. Er ist Winzersohn, da half ich oft mit: vom Rebenschnitt bis zur Lese, nebenbei lernte ich tolle Weine kennen. Kinback ist heute Export-Vertriebschefs der Groupe Grands Chais De France. Wir tauschen uns sehr viel über die Weinbranche aus und genießen dabei den einen oder anderen guten Tropfen. So bin ich seit 45 Jahren ein absoluter Weinzahn, liebe die Materie – bis hin zum Medoc-Marathon im Bordeaux-Gebiet.

Württembergs Krise hat nichts mit Weinqualität zu tun, eher mit dem Image

 

Insgesamt läuft es in der Weinbranche nicht so gut. Nach Corona ging es bergab, warum so plötzlich?

Jost: Es hat sich schon länger abgezeichnet, dass die Weinkunden weniger werden und insbesondere weniger in Lokalen Wein genießen. Wenn, dann wird „preiswert“ eingekauft, was sich während Corona rasant verstärkt hat, vor allem im Lebensmittelhandel (LEH), wo der Auslandsanteil bei 60 Prozent liegt.

 

Württemberg scheint es besonders hart zu treffen. Warum, liegt es an der Qualität oder am Image?

Jost: Eindeutig nicht an der Qualität, eher am Image. Man hat zu lange an den zu hohen Trollinger-Mengen festgehalten, sich auf Lemberger ausgeruht und ein altbackenes Marketing mit „Kenner trinken Württemberger“ betrieben.

 

Jahrelang waren die WGs mit einem Rebflächenanteil von 70 Prozent das Rückgrat der hiesigen Weinwirtschaft. Gleichzeitig konnten sich die Mitglieder über satte Erlöse freuen und sich ihren Mercedes leisten. Was war damals anders?

Jost: Früher hatten wir eine ganz andere Kostenstruktur und insbesondere viele fleißige Helfer aus der Großfamilie, Freunde, Nachbarn. Heute kostet eine Neuanlage 50 000 Euro pro Hektar. Wenn man dann noch die gestiegenen laufenden Kosten für Löhne, Dünger, Bewässerung, Energie, Spritzmittel plus Versicherungen rechnet, wird der Weinbau ein Minusgeschäft. Bei einem Traubengeld von teils unter 50 Cent pro Kilo braucht man keinen Taschenrechner, um festzustellen, dass aus dem Mercedes nicht mal ein Smart übrig bleibt.

Was in der Branche und speziell in WGs schief gelaufen ist

Klaus Jost in den Weinbergen um Eppingen
Klaus Jost in den Weinbergen um Eppingen  Foto: Seidel, Ralf

Was ist eigentlich schief gelaufen, speziell in WGs?

Jost: Zunächst möchte ich festhalten, dass ich sehr großen Respekt vor allen WGs habe. Ich war nicht umsonst im Präsidium aller Verbundgruppen/Genossenschaften in Berlin, um die Strukturen und Bedingungen mit der Politik zu optimieren. In WGs gibt es vielfach zu große Gremien: bis zu 15 Aufsichtsräte, fünf ehrenamtliche Vorsitzende, teils noch einen geschäftsführenden Vorstand plus Geschäftsführer und dann noch locker fünf bis zehn Beiräte für spezielle Bereiche. Da sind Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse zu lange, oft werden wichtige Änderungen verschoben, da ja die Entscheider selbst die Betroffenen sind. Deshalb würde ich die Gremien verschlanken und ein Drittel externe Fachleute dazu nehmen. Natürlich kann man in den Satzungen alles so festlegen, dass die Mitglieder zum Schluss über die Generalversammlung das Sagen behalten, aber eben nicht im täglichen Klein-Klein. Dann werden die Mitarbeiter im Team nicht richtig motiviert und weitergebildet: weil man dafür ja weder Geld noch Zeit hat. Aber das wichtigste Gut in einer WG sind neben tollen Weinen nun mal die Mitarbeiter.

Führen weitere Fusionen zu Synergieeffekten?

 

Fusionen waren kein Allheilmittel und scheinen durch zu sein, oder sehen Sie noch Potenzial?

Jost: Es gibt bestimmt noch weitere kleine Möglichkeiten, aber bei einer Entfernung von über 30 Kilometern zur Traubenablieferung sollten WGs nicht fusionieren. Wenn man zusammengeht, müssen auch alle möglichen Synergien gehoben werden, damit es sich wirklich lohnt! Das heißt nun mal, aus zwei mach eins: Verwaltungen, Keller, Vertrieb, Lager, Logistik ...

 

... und Vermarktung: Sind die Schwaben darin, anders als Pfälzer oder Rheinländer, generell zu schwerfällig und maulfaul?

Jost: Man hat sich zu lange darauf ausgeruht, dass die Schwaben ihren heimischen Wein selber trinken. Aber heute greifen die jungen Kunden im Supermarkt um die Ecke vermehrt zu Pinot, Primitivo, Rioja, ohne zu überlegen, wo die Weine her kommen und unter welchen Bedingungen sie billig produziert wurden, Stichwort: Löhne, Steuern, Abgaben, Umweltauflagen.

Württemberg sollte auch außerhalb der Region mehr Wein verkaufen

 

Müssen andere Verkaufswege erschlossen werden?

Jost: Natürlich ist die Abhängigkeit vom LEH, insbesondere von Discountern gefährlich und nicht margentauglich, um das notwendige Traubengeld zu erzielen. Die Direktvermarktung, inklusive Festen und touristischen Angeboten – wenn man es gut kann – ist natürlich lukrativer. Aber dazu müssen auch die Shops besser aufgestellt sein, stationär und digital. Für die Gastronomie müssen edle Etiketten her, die eine besondere Wertigkeit signalisieren, damit der Gasthauskunde auch bereit ist, mehr zu zahlen und nicht die selbe Flasche im LEH für fünf Euro im Regal findet. Und nochmal: Das Vertriebspersonal muss gut motiviert und geschult sein. Wir müssen auch außerhalb der Region mehr verkaufen. Aber das geht nicht über Handelsvertreter, die zehn bis 20 Betriebe im Koffer haben und den Weg des geringsten Widerstands gehen.

„Ich berate sehr gerne auch Württemberger WGs, wenn ich gefragt werde“

 

Zum Sortiment:. Könnte man auch hier sparen?

Jost: Hier liegt das wichtigste Erfolgspotenzial, welches man preiswert, schnell und sinnvoll ändern kann. Es braucht eine starke Fokussierung auf wenige Varianten, klare Preisstufen und einen logischen Aufbau der Angebote.

 

Welche Rebsorten haben Zukunft?

Jost: Wie schon gesagt, wir haben zu viel Trollinger, aber das ist generell eine Frage jeder WG ganz individuell, abhängig von den Böden, der Historie und den Möglichkeiten im Vertrieb, im Wettbewerb zu den anderen Marktteilnehmern.

 

Was früher eine Stärke war, scheint heute eine Schwäche: Der hohe Rotweinanteil.

Jost: Ja. Generell ist der deutsche Weißwein stark im Kommen. Nicht nur weil sie leichter und erfrischender sind, auch wegen der gestiegenen Qualität. Schließlich sind deutsche Winzer seit jeher über den Riesling bekannt. Heute sind Weiß- und Grauburgunder stark nachgefragt. Aber auch das muss jeder Betrieb individuell für sich erkennen und je nach den eigenen Stärken und Möglichkeiten festlegen.

 

Wie stehen Sie zu alkoholfreien Weinen?

Jost: Ich sage schon sehr lange, dass unsere Weine genauso wie unsere Biere auch mit weniger oder gar keinem Alkohol angeboten werden müssen. Warum nicht einen guten Wein mit fünf Volumenprozent anstatt 13?

 

Herr Jost, mit Verlaub, wenn Sie sich so gut auskennen und auch sonst so engagiert sind: Warum bieten sie sich der Weinbranche nicht als Berater an?

Jost: (lacht) Ich berate sehr gerne, vor allem als Aufsichtsrat die Jako AG. Und wenn ich gefragt werde, würde mich das natürlich sehr reizen bei den Württemberger WGs.


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Zur Person Klaus Jost, Ex-Intersport-Präsident, Genossenschafts-Experte und Wein-Fan

Der aus Frankfurt stammende und in Eppingen-Kleingartach wohnende Manager Klaus Jost (64) arbeitete nach seiner kaufmännischen Ausbildung zunächst bei Kaufhof, Adidas und dann 25 Jahre im Genossenschaftswesen. In dieser Zeit hat er die Firma Sport 2000 gegründet und aufgebaut und war bis 2014 Vorstand von Intersport Deutschland sowie weltweiter Präsident der Intersport International. Ebenso war er im Präsidium aller Verbundgruppen/Genossenschaften in Berlin.

Zuletzt hat Jost drei Jahre die christliche Verlagsgruppe SCM (Holzgerlingen) als CEO geführt, um dort den wirtschaftlichen Turnaround zu gestalten. Heute ist er noch, meist ehrenamtlich, in einigen Gremien und als Berater tätig, etwa bei den Wirtschaftssenioren Heilbronn, der Familienherberge Lebensweg (Schützingen) oder als Stiftungsrat der Theologischen Hochschule Tabor und der Verlagsgruppe Stiftung Marburger Medien.

Zudem ist Jost Sprecher des Vereins Weitblick Eppingen, der sich gegen Windkraftanlagen im dortigen Stadtwald einsetzt. Am meisten Freude mache ihm seit zehn Jahren seine Aufsichtsratstätigkeit der Jako AG. Dem Wein fühlt er sich, „umzingelt von Weinbergen“, in Kleingartach verbunden, wo der fünffache Vater und 13-fache Großvater mit Ehefrau Andrea wohnt, aber auch durch gute Kontakte zu Genossenschaften und zahlreiche Freunde aus der der Branche. 

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