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"Ansprüche ans Personal wachsen"

Kita-Mitarbeiter öfter krank als andere Berufsgruppen? So ist die Lage im Raum Heilbronn

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Kita-Personal ist häufiger krank als andere Arbeitnehmer – das ergab eine bundesweite Analyse. In der Region Heilbronn zeigt sich ein etwas anderes Bild. 


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Das Personal in Kindertagesstätten ist deutlich häufiger krank als andere Arbeitnehmer. Das ist das Ergebnis einer Analyse der Bertelsmann-Stiftung, die Daten der Krankenkassen ausgewertet hat. Durchschnittlich fehlten 2023 Kita-Beschäftigte deutschlandweit knapp 30 Tage im Jahr, bei allen Berufsgruppen waren es rund 20 Tage. Die Stiftung spricht von "dramatisch hohen Krankheitsausfällen".

Trifft das auch auf die Region Heilbronn zu? Die Wahrnehmung in den Rathäusern ist größtenteils eine andere. Statistiken nach Berufsgruppen werden vor Ort aber nicht erstellt.

Kita-Personal öfter krank? Offenbar nicht in der Region Heilbronn

"Das hat mich etwas gewundert", meint Obersulms Hauptamtsleiter Jochen Dicht zur Auswertung der Bertelsmann-Stiftung. Er hat nicht den Eindruck, dass die rund 130 Fachkräfte in den Obersulmer Kitas häufiger krank seien als der Rest der Gemeindebeschäftigten.

Erkältungs- und Grippewellen zögen sich im Winter jedoch durch alle Einrichtungen. Durch den engen Kontakt mit Kindern und Kolleginnen bestehe ein erhöhtes Ansteckungsrisiko, lautet auch der Hinweis von Achim Bocher, Leiter des Amts für Familie, Jugend und Senioren bei der Stadt Heilbronn.

Diese liege, was die Arbeitsunfähigkeits-Quote der gesamten Stadtverwaltung betreffe, unter dem Schnitt der Erhebung des Deutschen Städtetags. "Verglichen zur Pandemie sind die Ausfälle zurückgegangen, verglichen zur Zeit davor sind sie geringfügig höher." 

Gründe für Personalausfälle in Kitas: Atemwegserkrankungen und Belastung

"Wir verzeichnen keinen vergleichbar größeren Ausfall bei unseren Mitarbeiterinnen in den Kindertagesstätten", teilt Vanessa Heitz, Pressesprecherin der Stadt Eppingen mit. Klaus Seber berichtet von anderen Erfahrungen in Weinsberg: In der Folge der Corona-Pandemie seien über das ganze Jahr verteilt höhere Krankenstände bei den rund 120 Beschäftigten in den zehn städtischen Kitas zu verzeichnen gewesen.

Die Zeiten eines stabilen Gesundheitszustands würden weniger, meint der Leiter des Amts Bildung, Betreuung und Personal. Wo der Personalschlüssel nicht voll erfüllt sei, komme es zu höheren krankheitsbedingen Ausfällen, kann Jonas Wölfle, Teamleiter Bildung und Betreuung bei der Stadt Brackenheim, durch seine Wahrnehmung einen Zusammenhang herstellen.

Die Gründe für Krankheitsausfälle seien vielfältig, merkt Bocher an. Wölfle sieht eine Belastung der Erzieherinnen durch weitere Aufgaben, etwa die Dokumentationspflicht. Und: Die Kinder benötigten noch mehr Aufmerksamkeit und Förderung, etwa in Sachen Sprache. Laut der Bertelsmann-Analyse rangieren nach Atemwegsinfektionen psychische Erkrankungen auf Platz zwei der Gründe für die Ausfälle.

Dass der Beruf psychisch und körperlich belastend sei, kann Jochen Dicht nur bestätigen. Das fange schon beim Lärmpegel an. Ständig müsse das Personal Action bieten, sei voll gefordert, und das niedrige Sitzen wirke sich auf die Körperhaltung aus. "Die Ansprüche an das Personal wachsen, auch von den Eltern", stellt Klaus Seber fest. Es würden immer mehr Kinder betreut, die Eingliederungshilfe benötigten. "Die Beanspruchung ist hoch und wächst und führt zu Belastungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen", so Seber. Und das bei ohnehin zum Teil knapper Personalausstattung.

Personalknappheit in Kitas: So reagieren die Einrichtungen darauf

"Wir gucken, dass wir Personalknappheit abfedern", sagt Seber und verweist auf einen Vertretungspool, den auch andere Kommunen haben. "Da sind wir nicht schlecht aufgestellt", meint er zu den 13 Kräften, die komplett ausgelastet seien oder nicht ausreichten, "so dass wir um Kürzungen der Öffnungszeiten und Gruppenschließungen punktuell nicht herumkommen".

Dazu sehen sich auch andere Kommunen immer wieder gezwungen. In Heilbronn gab es in drei der 36 Kitas mit rund 420 Stellen längere Betriebseinschränkungen. "Wir haben Puffer im bestehenden Personal", weist Brackenheims Teamleiter Wölfle darauf hin, dass die Stadt Kräfte über dem geforderten Schlüssel einstellen könne. Das sei attraktiver als ein Vertretungspool, wenn denn die Stellen auch besetzt werden können. Seit Januar hat die Stadt die Ganztagsöffnungszeiten teilweise reduziert und durch Spielgruppen ersetzt. Dafür braucht es keine Fachkräfte.

Wie reagieren Kommunen auf die hohe Belastung des Kita-Personals? Heilbronn zum Beispiel hat Teamtage für die Erzieherinnen eingeführt. Dabei werden Strategien für eine gute frühkindliche Bildung erarbeitet, erklärt Amtsleiter Achim Bocher. Die Digitalisierung werde vorangetrieben, um Elternkommunikation oder Dokumentationen effizienter zu gestalten. In den vergangenen beiden Jahren wurden in allen städtischen Einrichtungen Gefährdungsbeurteilungen vorgenommen. Sukzessive, so Bocher, würden Maßnahmen wie Schallschutz umgesetzt. Das Gesundheitsmanagement sieht Gesundheitstage und Qualifizierungsmaßnahmen vor. 

Die Bertelsmann-Stiftung und das Fachkräfte-Forum aus den Bundesländern plädieren für ein Gesetz, das vorschreibt, qualifiziertes Personal für alle Ausfallzeiten zu finanzieren. Dazu bräuchte es bundesweit 97.000 neue Fachkräfte, die 5,8 Milliarden Euro pro Jahr kosteten. "Die Forderung ist sinnvoll und entspricht dem Heilbronner System", weist Bocher auf den Springerpool mit zwölf Erzieherinnen, der aber durch längere Zuweisungen an einzelne Kitas wegen unbesetzter Stellen gebunden ist, hin. Aber: Es würde dauern, dies umzusetzen, angesichts der Situation am Arbeitsmarkt.  

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