Eigentlich soll die elektronische Patientenakte, kurz ePA, der zentrale Speicherort für Patientendaten sein. Ärzte, so die Idee, sollen damit schnell und übersichtlich Zugriff auf alle relevanten Gesundheitsinformationen des Patienten haben – und das alles datenschutzkonform. Nur: Die ePA wird kaum genutzt. Zwar haben 70 von 74 Millionen gesetzlich Versicherten eine ePA von ihrer Kasse angelegt bekommen. Aber: „Wir bekommen viele Rückmeldungen von Versicherten, dass sie den Registrierungsprozess für die ePA zu kompliziert finden“, sagt Jens Baas, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse. Fürs erste Verwenden der App muss man sich einmal identifizieren und freischalten lassen: mit einem elektronischen Personalausweis mit Geheimnummer (PIN) oder per E-Gesundheitskarte mit PIN. Baas hat jetzt angeregt, das Verfahren zu vereinfachen.
Wenn KI zum Arzt-Ersatz wird: Trend Selbstdiagnosen per ChatGPT und Co.
Viele Menschen suchen sich in jeder Lebenslage Rat bei KI-Tools – auch wenn es um medizinische Fragen geht. Wie schätzen zwei Ärzte aus Neckarsulm das ein, und was sagt KI-Experte Daniel Abbou dazu?
Krankheitssymptome bei Google eingeben und damit eine Selbstdiagnose stellen – das haben wahrscheinlich viele schon einmal getan. Doch was, wenn ein Patient seine komplette Krankengeschichte inklusive Laborwerten, Arztbriefen und Entlassberichten des Krankenhauses in ein Large Language Modell (LLM) wie ChatGPT hochlädt und sie dort analysieren lässt?
Die Hamburger Ärztin Alexandra Widmer hat in der vergangenen Woche auf der Plattform Linkedin über einen solchen Fall in ihrer Praxis berichtet.
KI im Gesundheitswesen: LLMs liefern Hinweise, ersetzen aber nicht den Arztbesuch
Daniel Abbou, Geschäftsführer des KI-Bundesverbands in Berlin, überrascht die Schilderung wenig: „LLM werden in allen Lebenslagen genutzt, auch im Gesundheitssektor“, sagt er unserer Redaktion. Die Leute würden sich zu Symptomen schlau machen oder ChatGPT als Gesprächspartner und Therapeut nutzen.
„Als erster Hinweis kann das hilfreich sein“, meint Abbou und fügt hinzu: „Aber das ersetzt natürlich nicht den Besuch beim Arzt.“ Zum einen seien die Ergebnisse aus solchen Modellen nicht immer zuverlässig, es sei bekannt, dass sie gelegentlich halluzinieren – so nennt man es, wenn LLM Ergebnisse erfinden. Gleichzeitig könne nur medizinisches Fachpersonal Befunde individuell einordnen und Konsequenzen ableiten.
Neckarsulmer Hausarzt Tobias Neuwirth: Keine persönlichen Daten in KI-Programme hochladen
Mit KI-Selbstdiagnosen kämen zwar noch wenige Patienten zu ihm, sagt der Neckarsulmer Hausarzt Tobias Neuwirth. „Ich hab das gegoogelt und ich habe Krebs“ sei allerdings ein immer wieder gehörter Satz in seiner Praxis. „Das liegt daran, dass im Internet scheinbar immer das Schlimmste als erstes kommt.“

Man nehme die Sorgen der Patienten, die mit solchen Selbstdiagnosen in die Praxis kämen, absolut ernst und schaue genau nach, sagt er. Grundsätzlich sei es sinnvoll, wenn Patienten sich informieren, meint Neuwirth: „Dann fällt uns das Erklären leichter.“ Er warnt aber gleichzeitig vor dem Risiko, das entsteht, wenn personalisierte Daten in KI-Programme hochgeladen werden, etwa Dokumente mit Name und Geburtsdatum. „Ich würde das nicht tun.“
Neckarsulmer Orthopäde Boris Brand: KI-basierte Infos können falsch sein
Der Neckarsulmer Orthopäde Boris Brand nutzt Tools wie ChatGPT selbst im medizinischen Kontext, auch um das Werkzeug in solchen Situationen beurteilen zu können. „Da sind schon manchmal sachliche Fehler drin“, ist seine Erfahrung. Brand sieht es grundsätzlich positiv, wenn Patienten sich im Internet informieren.
Gleichzeitig sagt er: „Nur weil ich vielleicht eine Diagnose bekomme, bedeutet das noch lange nicht, dass zwangsläufig eine medizinische Konsequenz folgen muss.“ Beispiel Bandscheibenvorfall – sehr viele Menschen hätten einen oder mehrere Bandscheibenvorfälle, die man auch im MRT erkennen kann, nur ein geringer Teil davon müsse aber operiert werden. Brand sagt: „Man muss Infos aus dem Internet oder einer KI also grundsätzlich verifizieren und vom Arzt einordnen lassen.“
KI-Anwendung sinnvoll nutzen: Leitfaden gibt Orientierung
Die Digital-Health-Unternehmerin Inga Bergen hat auf Linkedin einen Leitfaden veröffentlicht, der zeigen soll, wie Patienten KI-Anwendungen sinnvoll nutzen können. So rät sie, Arztgespräche im Vorfeld mithilfe von KI klar zu strukturieren, um damit sicherzugehen, dass man in den wenigen Minuten beim Arzt nichts vergisst. Außerdem hilfreich sein könne eine KI, um einen Arztbrief in verständliche Sprache zu übersetzen.
Ein weiterer Anwendungsfall: Die KI kann dem Patienten dabei helfen, das Für und Wider einer Operation abzuwägen. Gerade im orthopädischen Bereich gibt es eine Reihe von Indikationen, zum Beispiel Kniebeschwerden, die man zunächst mit konservativen, nicht-operativen Methoden, angehen kann. Auch Bergen rät dazu, keine personenbezogene Daten einzugeben.
KI als schnelle Hilfe, wenn Arzttermine rar sind
Die Hamburger Ärztin Alexandra Widmer berichtet, sie haben den Patienten dann gefragt, warum er nicht seine elektronische Patientenakte (ePA) genutzt habe, um eine strukturierte Zusammenfassung seiner medizinischen Unterlagen zu bekommen. „Seine Antwort war, er habe es versucht. Aber das, was er sich davon erhofft hatte, habe er dort nicht bekommen. Keine Übersicht, keine Auswertung, keine echte Hilfe.“
Ein weiteres Problem dürfte sein: Arzttermine, vor allem bei Fachärzten sind schwer zu bekommen. Teilweise warten Patienten monatelang auf einen Termin.

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