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Exklusiv-Interview

"Vertrauen ist missbraucht worden": Güglingens Bürgermeister Heckmann zieht Kandidatur zurück

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Am Dienstagabend verkündete Ulrich Heckmann, dass er seine Kandidatur für die Güglinger Bürgermeisterwahl im Februar zurückziehen wird. Im Interview erhebt er schwere Vorwürfe. Sein Mitbewerber reagiert auf die Äußerungen.

„Ich hätte Güglingen gerne zur Kultur- und Kunststadt weiterentwickelt“: Bürgermeister Ulrich Heckmann im Rathaus.
Foto: Lina Bihr
„Ich hätte Güglingen gerne zur Kultur- und Kunststadt weiterentwickelt“: Bürgermeister Ulrich Heckmann im Rathaus. Foto: Lina Bihr  Foto: Lina Bihr

Ulrich Heckmann macht Ernst: Am Dienstagabend erklärte der 54-Jährige in der Gemeinderatssitzung, dass er seine Kandidatur für die Bürgermeisterwahl am 16. Februar 2025 zurückziehen wird. Noch im Oktober hatte Güglingens Bürgermeister erklärt, eine zweite Amtszeit anstreben zu wollen. Im Interview spricht er über seine Meinungsänderung, die Beweggründe und was er für seine Zukunft plant. 

Herr Heckmann, wie ist Ihr Entschluss gereift, nun doch nicht bei der Bürgermeisterwahl antreten zu wollen? 

Ulrich Heckmann: Es ist eine Entscheidung, die mir sehr schwergefallen ist, für die es aber auch Mut brauchte. Ein solcher Entschluss muss reifen. Ich habe ihn vor einer Woche getroffen, weil ich in mir gespürt habe, dass mir aktuell die Kraft fehlt, in einen Wahlkampf zu gehen. Mein Wille hat mich mein ganzes Leben getragen und hat mich immer stark gemacht, ich habe mein Leben immer selbst gestaltet. Und es hat mich persönlich getroffen, dass Menschen, denen ich geholfen und die ich in den vergangenen acht Jahren in starkem Maße unterstützt habe, mich nicht so öffentlich unterstützen können, wie ich mir das wünschen würde. Ich bin unendlich traurig darüber zu gehen, aber ich bin mit mir im Reinen.

Sie haben Ihre Kandidatur frühzeitig bekannt gegeben, als der Wahltermin festgelegt wurde. Wussten Sie zum damaligen Zeitpunkt nicht, was auf Sie zukommen würde?

Heckmann: Es ist wie gesagt eine Frage des Mutes, und den hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

 

Dann hat Ihr Rückzug auch nicht damit zu tun, dass seit kurzem eine weitere Bewerbung – die von Michael Tauch – vorliegt?

Heckmann: Seit Jahresbeginn erreichen mich Gerüchte, wonach Herr Tauch sich ebenfalls um das Amt bewerben wird. Seit Mitte des Jahres arbeitet sein Ehemann bei uns im Güglinger Rathaus, seine Einstellung habe ich vorgenommen. Ich bin deshalb davon ausgegangen, dass die Bewerbung von Herrn Tauch obsolet ist. Es wäre naiv zu glauben, dass die rathausinternen Themen, die Beziehungsgeflechte, sowie meine offen vorgetragenen Strategien nicht Thema am heimischen Küchentisch sind. Mir ist durch dieses Verhalten der Glaube an das Gute genommen worden. 

 

Gäbe es denn Dinge, die Ihre Arbeit als Bürgermeister belasten würden?

Heckmann: Nein. Es geht rein um Strategien, aber es geht auch um Vertrauen. Und ich fühle: Mein Vertrauen ist missbraucht worden.

 

In Ihrer Rücktrittserklärung gaben Sie an, dass unter anderem die Zusammenarbeit im Gemeinderat ausschlaggebend war.

Heckmann: Die Zusammenarbeit im Gemeinderat war häufig von gegenseitigem Misstrauen und Respektlosigkeit geprägt. Der Gemeinderat hat von mir Wertschätzung eingefordert, aber Wertschätzung ist nun mal keine Einbahnstraße. Es ist mir leider zu selten gelungen, die Gräben, die viele Jahre vor mir bereits geöffnet wurden, zu schließen. Das bedauere ich sehr. Zu häufig sind die Entscheidungen im Gemeinderat von rein persönlichen Interessen geleitet worden. Und es gibt Entscheidungen, die ich sehr bedauere: Wegen drei Tagen im Mai einen Kindergarten in die Riedfurt zu bauen, halte ich schlicht für falsch (Eine Mehrheit im Gemeinderat sah mögliche Beeinträchtigungen des Maientagfests im Kernort und stimmte für den Standort in Frauenzimmern, Anm. d. Redaktion).  

 

Was hätten Sie in Güglingen gerne umgesetzt?

Heckmann: Ich war voller Tatenkraft. Wir haben durch die Umgehungsstraße Güglingen-Pfaffenhofen, die noch im Dezember eingeweiht wird und für die ich mich hartnäckig eingesetzt habe, eine Riesenchance, die Ortsmitte zu richten. Wir haben eine riesige Chance, unsere Stadt städtebaulich neu aufzustellen. Ich hätte das Areal Linden-/ Gartenstraße gemacht, und ich hätte Güglingen zur Kultur- und Kunststadt weiterentwickelt. Das sind Dinge, die ich gerne für die Stadt gemacht hätte.

 

 

Trotzdem haben Sie sich entschieden, nicht weiterzumachen.

Heckmann: Ich habe den Eindruck, dass ich meine Selbstachtung verloren hätte. Ich habe mich mein ganzes Leben als Mensch, als Politikberater, als Bürgermeister für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit eingesetzt. Ich war immer fair und habe nie rote Linien überschritten, aber ich spüre einfach, dass meine Kraft nicht mehr reicht. Auch die permanente Beobachtung auf den Social-Media-Kanälen macht mich kraftlos. Ich will und werde auch in Zukunft komplexe Themen in 30 Sekunden nicht erklären können. 

 

Wie sind Sie bereits in den Wahlkampf eingestiegen?

Heckmann: Ich hatte mich professionell vorbereitet, eine Werbeagentur beschäftigt sowie die Zeit- und Ablaufpläne erstellt. Dadurch sind auch Kosten angefallen.

 

Auf welche Projekte blicken Sie mit Stolz zurück?

Heckmann: Ich habe viel angestoßen, ich denke dabei an den Schafhausplatz, wo über 50 neue, bezahlbare Wohnungen entstehen sollen. Die Baugenehmigung ist erteilt, im Februar wird mit dem Abriss begonnen. Ich habe für das Projekt einen verlässlichen Bauträger und Investor gefunden. Ich habe mit der Katharina-Kepler-Schule zusammen einen Markenkern entwickelt für die Naturparkschule. Wir haben das neue Familienzentrum eröffnet, und vor allem: Ich konnte in den vergangenen acht Jahren drei Arztpraxen in Güglingen ansiedeln, darunter eine Praxis für Kinder- und Jugendmedizin.

 

Wie geht es für Sie weiter, wenn Ihre Amtszeit im Mai endet?

Heckmann: Ich habe keine andere berufliche Alternative vorher aussondiert. Natürlich hoffe ich, dass meine gute Arbeit als Bürgermeister für Güglingen Begehrlichkeiten weckt, ich habe noch keinen Plan B. Aber ich habe keine Angst vor der Zukunft. 

 


Hintergrund: So reagiert Bürgermeisterkandidat Michael Tauch auf die Vorwürfe

Überrascht zeigt sich Bürgermeisterkandidat Michael Tauch von den Vorwürfen, die Ulrich Heckmann im Interview äußert. Tauch weist sie als „konstruiert und realitätsfern“ zurück. „Ich respektiere die persönliche Entscheidung von Herrn Heckmann und möchte einen transparenten und fairen Wahlkampf führen.“ Zum Zeitpunkt der Einstellung seines Mannes im Rathaus habe er seine Bewerbung noch nicht beabsichtigt. „Auch ist mein Mann in keiner Amtsleitungsfunktion mit strategischer Bedeutung, sondern Ansprechpartner für die Hausmeister und Handwerker. Er unterliegt, wie jeder Mitarbeiter, selbstverständlich der Verschwiegenheitspflicht.“ 


Zur Person: Ulrich Heckmann

Ulrich Heckmann, Jahrgang 1970, wurde in Pforzheim geboren und wuchs in Walzbachtal auf. Abschluss Diplom-Verwaltungswirt (FH), berufliche Stationen: Regionale Wirtschaftsförderung Bruchsal und Stadtverwaltung Pforzheim. Ab 2004 freiberuflicher Politik- und Kommunalberater. Nach seiner Wahl zum Güglinger Bürgermeister 2017 zog Heckmann aus Bruchsal ins Zabergäu. Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter. 

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