Ex-Türsteher aus Heilbronn hatte Messer an der Kehle – so hat das Nachtleben ihn verändert
Der Heilbronner Sascha Nickl hat in Clubs wie dem Creme 21 und dem Barococo für Sicherheit gesorgt. Dieser Zeit hat er heute enorm viel zu verdanken.

Alles ist eine Frage der Perspektive: Für die einen ist der Türsteher der Spaßverderber. Für die anderen macht der Muskel-Mann am Club-Eingang als Sicherheitsmanager entspanntes Feiern erst möglich. Sascha Nickl hat 15 Jahre lang in den angesagtesten Clubs in Heidelberg und Heilbronn – wie zum Beispiel im Barococo und im Creme 21 – „die Tür gemacht“.
Heilbronner Ex-Türsteher: Selbstdisziplin und Beherrschung im Nachtleben entscheidend
Im Gespräch schildert der Böckinger, wie die Anwendung erfolgreicher Kommunikationsstrategien aus dem Nachtleben für jeden in sämtlichen Situationen zu einem bewussteren Leben führen kann und, warum er sich als „Gedanken-Türsteher“ begreift. Zudem verarbeitet der Familienvater seine Erfahrungen in kurzen Beiträgen als preisgekrönter Speaker. Darin zeigt er anhand realer, lebensbedrohlicher Erlebnisse, was man mit mutigen Entscheidungen erreichen kann – für sich selbst und für andere.
Eine Gruppe aggressiver, betrunkener junger Männer nähert sich dem Club, verlangt pöbelnd Einlass. Wie geht ein professioneller Türsteher mit dieser Situation um?
Sascha Nickl: Man muss in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen und sich ins Gegenüber hineinversetzen. Als Türsteher muss ich sofort einschätzen, ob die Männer ein Risiko darstellen. Dann wirke ich deeskalierend, als Risiko-Manager. Deutlich und verbindlich muss ich klar machen, dass die Gruppe in diesem Zustand heute keinen Einlass bekommt. Eine der größten Stärken des Türstehers ist es, ruhig zu bleiben.
Wie sollte das Selbstverständnis eines Türstehers aussehen?
Nickl: Der Türsteher ist die Visitenkarte des Clubs. In seiner Rolle verkörpert er das Lokal, ist Teil der Marke. Rückblickend und reflektierend liegt die wahre Stärke eines Türstehers für mich nicht allein in dessen physischer Präsenz, sondern in der souveränen Ausstrahlung, in der scharfen Beobachtungsgabe und in überzeugender Kommunikation. Der Türsteher übt sich in Selbstdisziplin und Beherrschung, ist ein geschickter Problemlöser mit ausgeprägter Menschenkenntnis, trifft schnelle Entscheidungen und bringt eine natürliche Empathie mit, um Situationen intuitiv zu erfassen und entsprechend zu handeln.
Ehemaliger Heilbronner Türsteher: Gedanken erschaffen die Realität des Lebens
Welche Rolle spielen dabei die eigenen Gedanken, die eigene Geisteshaltung?
Nickl: Was ich denke, strahle ich aus. Meine Gedanken und meine Einstellung sind die Grundlage, wie sich die Interaktion entwickelt. Begegne ich einer aggressiven Gruppe ebenfalls aggressiv, wird die Situation eskalieren. In meiner Zeit als Türsteher habe ich das vielfach erlebt. Der Gedanke ist der Ausgangspunkt für Emotionen. Diese werden zu Worten – daraus werden Handlungen. All dies führt zum Ergebnis. Gedankenkraft ist Schöpfungskraft.
„Der Vergleich mit anderen ist der Tod des individuellen Glücks.“
Sascha Nickl
Das gilt nicht nur an der Eingangstür des Clubs, sondern in vielen Bereichen des Lebens...
Nickl: Nicht nur in vielen, sondern in allen. Mit seinen Gedanken ist man der Schöpfer seines Lebens. Nicht der Ausgangspunkt ist entscheidend für das Ergebnis, sondern die Antwort auf die jeweiligen Umstände, abhängig von den eigenen Gedanken, Emotionen und Handlungen. Daher sehe ich mich auch als Gedanken-Türsteher.
Selbstbewusstsein: In jedem Moment können neue Entscheidungen die Richtung ändern
Was verstehen Sie unter diesem Begriff genau?
Nickl: Ich entscheide selbst, welche Gedanken ich in meinen Kopf lasse. Was du säst, das erntest du. Umgebe ich mich mit Negativem und beschäftigte ich mich mit destruktiven Ideen, liegt in meinem Alltag auch genau darauf der Fokus. Sehr viel Positives entgeht mir, und ich schaffe es nicht, mein Potenzial zu entfalten. Trenne ich mein Denken von negativen Glaubenssätzen sowie unberechtigten Sorgen und Zweifeln, ist das der richtige Weg für bewusstes Handeln. Wenn du schon denkst, dann denk’ doch gleich positiv.
Es ist also alles eine Frage der Entscheidung?
Nickl: Ja, die Macht liegt komplett bei jedem Einzelnen. Fokussiere ich mich auf hemmende Gedanken voller Angst, ist das auch eine Ausrichtung, für die man sich selbst entschieden hat. Man kann nicht nicht entscheiden. Jeder Tag bietet eine Vielzahl neuer Chancen, neue Richtungen einzuschlagen. Denn das Jetzt muss nicht die Fortführung des Gestern sein.
Gewinner sind nicht von äußeren Wertungen abhängig – Sieger schon
Man sagt: „Gleiches zieht Gleiches an“. Sehen Sie das genauso?
Nickl: Absolut. Positive Menschen ziehen auch andere positive Leute an. Dasselbe gilt für negativ Eingestellte. Die Energie konzentriert sich darauf, wohin ich meinen Fokus richte. Wer mit Freude und Tatendrang in die Welt hinausgeht kann für andere auch ein Vorbild sein, das es erlaubt, ihren Wünschen und Bedürfnissen nachzugehen und das für sie bestmögliche Leben zu leben – nach eigenen Maßstäben. Frei von der Wertung anderer. Kennen Sie den Unterschied zwischen Siegern und Gewinnern?
Ich habe eine ungefähre Ahnung, aber klären Sie mich bitte auf.
Nickl: Ein Gewinner definiert seinen Erfolg aus sich selbst heraus und bewertet nicht nach fremden Maßstäben. Ein Sieger ist von äußerem Zuspruch abhängig, vom Vergleich. Ich verstehe es als gesunden Egoismus, dass man persönlichen Erfolg komplett selbst definiert. Jeder ganz für sich. Der Vergleich mit anderen ist der Tod des individuellen Glücks. In dieser Hinsicht lässt sich aus meiner Sicht auch der tägliche Umgang mit seinen Mitmenschen betrachten. Man sollte diesen stets offen und neutral begegnen, anstatt sie zu bewerten.
Heilbronner Ex-Türsteher tritt als Speaker auf
Haben Sie ein Beispiel?
Nickl: Wenn ich beispielsweise eine attraktive junge Frau mit einem 35 Jahre älteren Mann im Cabrio durch die Landschaft brausen sehe, dann ist es ein Leichtes zu denken: „O, der ist bestimmt reich und sie gibt sich nur wegen Geld und Glamour mit dem Senioren ab.“ Vielleicht ist der Mann aber auch todkrank und gönnt sich mit seiner Tochter nur noch eine letzte sorgenfreie Ausfahrt bei schönem Wetter. Es ist selten der Fall, dass einem alle Umstände und Motive des Handelns der Mitmenschen bekannt sind. Die Dinge sind grundsätzlich neutral. Erst wir geben einer bestimmten Sache durch unsere Bewertung einen Stempel. Urteile in der Alltagskommunikation laufen daher sehr oft ins Leere.
„Wenn du schon denkst, dann denk’ doch gleich positiv.“
Sascha Nickl
Mit Ihren Erlebnissen treten Sie auch als Speaker auf, haben im September 2024 den 14. Internationalen Speaker Slam in Mastershausen, organisiert von Hermann Scherer, mit einem vierminütigen Beitrag gewonnen. Sie erzählen, dass zwei Männer, die Sie an einer Clubtür abgewiesen hatten, später aufgelauert haben, diese in Ihr Auto gestiegen sind und Ihnen ein Messer an die Kehle gehalten haben. Eine lebensbedrohliche Situation. Was wollen Sie mit diesem Beitrag vermitteln?
Nickl: Ich lege meine Erfahrungen aus der Türsteher-Zeit auf das alltägliche Leben um und zeige, was man mit intuitiven und mutigen Entscheidungen erreichen kann. Manchmal ist es lebensrettend. Die Summe der Entscheidungen definiert das persönliche Leben.
Sascha Nickl: Wertvolle Erfahrung aus der Heilbronner Türsteher-Zeit
Nach 15 Jahren sind Sie 2011 aus dem Türsteher-Nachtleben ausgestiegen? Warum?
Nickl: Zwei Dinge haben zu meiner bewussten Entscheidung geführt. Erstens: In meiner Wahrnehmung gab es eine gesellschaftliche Veränderung und Qualität der Nachtschwärmer. Diese Entwicklung und neuen Rahmenbedingungen, wie zunehmende Gewaltbereitschaft, waren nicht mehr meine Welt, in der ich arbeiten und mein Leben riskieren wollte. Zweitens: Es hat sich die Chance ergeben, ein neues Kapitel in meinem Lebensbuch aufzuschlagen. Diese ließ sich für mich nicht mit meiner bisherigen Tätigkeit als Türsteher in Einklang bringen. Zurückblickend bin ich sehr dankbar für die vielen Erfahrungen und Begegnungen aus diesem prägenden Lebensabschnitt. Zahlreiche meiner erworbenen Fähigkeiten aus der Türsteher-Zeit sind in vielen Lebensbereichen, im Privaten und im Beruflichen, von unschätzbarem Wert.
Zur Person Sascha Nickl
In Helmstadt-Bargen aufgewachsen, beginnt Sascha Nickl neben seiner achtjährigen Tätigkeit als Zeitsoldat, im Nachtleben zu arbeiten. Während seiner Zeit als Türsteher baut er sich seine eigene Sicherheitsfirma mit zwischenzeitlich 20 Mitarbeitern auf. Im Jahr 2011 zieht er sich aus dem Nachtleben zurück und findet im Bereich Logistik seine Passion. Seither arbeitet er bei einem regionalen IT-Dienstleister. Der 48-Jährige ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Heilbronn-Böckingen


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