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„Von Ohrfeige bis Tötungsdelikt“: Weißer Ring im Raum Heilbronn stark gefordert

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30 Prozent mehr Anfragen: Immer mehr Menschen wenden sich in der Stadt und im Landkreis Heilbronn an den Weißen Ring. Besonders häufig geht es um häusliche Gewalt, Sexualdelikte und psychische Übergriffe.


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Die Nachfrage nach Unterstützung beim Weißen Ring ist in der Stadt und im Landkreis Heilbronn stark gestiegen. Das berichtet Dieter Ackermann, Leiter des Weißen Rings, Außenstelle Heilbronn. Der pensionierte Erste Kriminalhauptkommissar ist für die Stadt und den Landkreis zuständig.

Allein im Jahr 2025 verzeichnete die Außenstelle 235 Anfragen – ein Plus von rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Zeiten des „Dornröschenschlafs“ vorbei – Nachfrage im Weißen Ring massiv gestiegen

„Der Weiße Ring war lange Jahre im Dornröschenschlaf“, sagt der Außenstellenleiter. Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeige aber, dass diese Zeiten vorbei seien. „Die Nachfrage ist massiv gestiegen.“ Beim Weißen Ring erhalten Leidtragende nach Kriminaltaten Hilfe. Neben telefonischen Gesprächen gibt es auch Fälle, in denen Berater persönlich zu Hilfesuchenden kommen. Zudem ebnet der Weiße Ring Wege zu Opferanwälten und Therapeuten.

Die Arbeit erfolgt ehrenamtlich. Derzeit engagieren sich in Heilbronn 15 Beraterinnen und Berater. Um eine Überlastung zu vermeiden, sucht der Weiße Ring weitere Ehrenamtliche, sagt Ackermann, damit das Ehrenamt nicht zum Fulltime-Job werde.

Gewalt findet oft im familiären Umfeld statt – Dunkelziffer groß 

Die Delikte, mit denen sich der Weiße Ring für die Stadt und den Landkreis Heilbronn befasst, lassen sich grob in drei gleich große Bereiche gliedern, so Ackermann: ein Drittel häusliche Gewalt, ein Drittel klassische Gewaltdelikte – „von der Ohrfeige bis zum Tötungsdelikt“ – und ein Drittel Sexualdelikte wie Missbrauch und Vergewaltigung.

Gerade bei häuslicher Gewalt sei die Dunkelziffer besonders groß. Die meisten Übergriffe fänden im familiären Umfeld statt, erklärt der Außenstellenleiter. Oft gehe damit ein massiver innerfamiliärer Druck einher, der Betroffene davon abhalte, Hilfe zu suchen. Rund 75 bis 80 Prozent der Betroffenen seien Frauen. 

Zahl männlicher Betroffener nimmt zu 

Neben körperlicher spiele auch psychische Gewalt eine große Rolle – etwa in Pflegesituationen. Er berichtet von dominanten Angehörigen, die Pflegekräfte oder pflegende Töchter psychisch drangsalieren. „Es gibt viele, die daran zerbrechen oder kaputtgehen“, sagt er.

Zugleich nehme die Zahl männlicher Betroffener zu, vor allem bei psychischer Gewalt. Kinder würden als Druckmittel benutzt, Männer über Verlustängste kontrolliert, teils gehe dies auch mit körperlicher Gewalt einher. Im vergangenen Jahr habe er rund zwölf Männer beraten, während es zu seinen Anfangszeiten vor vier Jahren noch null gewesen seien.

In anderen Unistädten üblich: Weißer Ring vermisst Traumazentrum in Heilbronn

Eine große Herausforderung sieht Dieter Ackermann in der fehlenden Akutversorgung für traumatisierte Opfer in Heilbronn. „Das große Problem ist, dass es kein Traumazentrum gibt, wie es eigentlich für Universitätsstädte üblich ist.“

Betroffene müssten oftmals an Hausärzte verwiesen werden. „Die können natürlich keinen Traumatherapeuten aus dem Hut zaubern.“ Die Wartezeiten auf Therapieplätze seien lang, teilweise bis zu einem Jahr. „Betroffene brauchen jetzt Hilfe und nicht erst Monate später.“ Das sei kein rein lokales, sondern ein bundesweites Problem.

Ein ähnlicher Trend zeigt sich auch im benachbarten Hohenlohekreis. Dort ist die Zahl der vom Weißen Ring betreuten Fälle in den vergangenen Jahren ebenfalls stark angestiegen: Während im Jahr 2019 noch sechs Fälle registriert wurden, waren es 2025 bereits rund 50. Die Außenstelle berichtet dabei vor allem von Fällen häuslicher Gewalt, sexualisierter Gewalt sowie von Stalking, Cybermobbing und Betrugsdelikten wie Love Scamming. Sichtbar werde jedoch nur ein Teil des tatsächlichen Ausmaßes, da viele Betroffene aus Scham, Angst oder familiärem Druck weiterhin keine Hilfe suchten.

Verein ist auf Spenden angewiesen, die sinken jedoch 

Finanziell gerät der Verein ebenfalls unter Druck. Der Weiße Ring erhalte keine kommunale Unterstützung und sei vollständig auf Spenden angewiesen, so Ackermann. Das Problem: Bundesweit gingen Nachlässe und Spenden zurück. Auch in Heilbronn sei die Belastung spürbar. Dabei greife der Verein in Einzelfällen auch finanziell ein – etwa wenn eine ältere Frau nach einem Überfall mit ihrer kleinen Rente die Miete nicht mehr bezahlen könne oder wenn nach einem sexuellen Übergriff ein neues Bett benötigt werde. 

Präventions- und Informationsarbeit leistet die Außenstelle mit Ständen in der Fußgängerzone oder Vorträgen zu häuslicher Gewalt und anderen Delikten. Kampagnen trügen dazu bei, dass sich mehr Betroffene trauten, Hilfe zu suchen. Dennoch sei der erste Schritt oft schwer. „Es ist halt oft schwer für Hilfesuchende, den Weg zu gehen, Fremden gegenüber aus ihren innerfamiliären Problemen zu berichten.“

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