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Verein berät, begleitet und bezahlt 
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Immer mehr Kriminalitätsopfer im Hohenlohekreis suchen Hilfe beim Weißen Ring 

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Die Zahl der betreuten Fälle ist zwischen 2019 und 2025 von sechs auf 50 gestiegen. Monika Chef leitet die Hohenloher Außenstelle des Weißen Rings. Sie berichtet, wie der Verein den Opfern ganz konkret beisteht. Und wie krass viele Schicksale sind.  

An ihren ersten Fall kann sich Monika Chef noch genau erinnern. „Da wurde eine Frau von einem Stalker geschlagen. Sie landete dreimal im Krankenhaus, ehe sie den Mut fasste, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten.“ Die Opfer solcher Gewalttaten leiden nicht nur akut, sondern meist ein Leben lang. Sie sind schwer angeschlagen: physisch, psychisch, wirtschaftlich. Sie fühlen sich machtlos, erniedrigt, alleingelassen. Der Weiße Ring kann ihre missliche Lage lindern: beratend, begleitend, bezahlend. So die Kriminalitätsopfer denn bereit sind, sich auf diese Hilfe einzulassen.

So kam Monika Chef zum Weißen Ring

Der deutschlandweit tätige Verein hat auch in Hohenlohe eine Außenstelle. Monika Chef leitet sie seit 2024. Ein Stimme-Artikel über den Weißen Ring, der 2021 erschien, brachte sie dazu, Mitglied zu werden und Opfern von Straftaten ehrenamtlich beizustehen. Das geht freilich nicht von jetzt auf nachher. Gründliche Schulungen sind Pflicht, die Akademie des Vereins kümmert sich darum. Sie absolvierte das Grundseminar, den Aufbaukurs und etliche Spezialkurse. Aktuell kann sie auf ein Team von sieben Mitstreitern bauen. Die einen sind ehemalige Polizisten, andere arbeiteten früher beim Landratsamt.

Deshalb liegt ihr der Job

Monika Chef war von 1994 bis 2018 Bürgermeisterin von Gemmrigheim. Heute wohnt sie in Künzelsau und fühlt sich mit 67 Jahren noch sehr fit. „Wenn das so bleibt, mache ich das sehr gerne noch eine Zeitlang weiter.“ Denn der Job liegt ihr. „Ich war schon immer ein Familienmensch und von meinen Eltern her sehr offen und sozial eingestellt.“ Diese menschliche Nähe kann sie beim Weißen Ring nun „sehr gut leben und weitergeben“. Dazu muss man am Anfang vor allem eines können: Genau zuhören. Empathie zeigen. Vertrauen aufbauen. Hoffnung vermitteln. Und insgesamt: sehr gut mit Menschen umgehen können. 

Lotsen im Verfahrensdschungel

Denn obwohl Opfer mittlerweile mehr Rechte haben als früher und - vor allem durch den Weißen Ring - mehr Beachtung finden, sind die meisten anfangs mit dieser Situation völlig überfordert. Sie wissen nicht, was zivil- oder strafrechtlich auf sie zukommt und wie sie konkret reagieren sollen. Und vor allem: wo sie ganz schnell und unkompliziert finanzielle Unterstützung finden können. Die Berater des Weißen Rings wissen, was möglich ist und was nicht. Sie sind wertvolle Lotsen in einem Verfahrensdschungel, der ebenso viele Chancen wie Probleme heraufbeschwören kann. Ob bei der Polizei oder vor Gericht, bei Behörden oder Verbänden.   

Ein schlichter Geldscheck ist Gold wert

Die allererste Hilfe besteht mitunter aus einem schlichten Geldscheck. Dann nämlich, wenn die Opfer finanziell so übers Ohr gehauen wurden, dass laufende Rechnungen oder selbst Lebensmittel nicht mehr bezahlt werden können. „Es gab einen Fall, da wurde eine Frau von einem Mann total kontrolliert. Sie hatte zu nichts Zugang, auch nicht zum Konto. Dann wurde es so schlimm, dass sie ins Frauenhaus flüchtete. Und keinen Cent hatte. Wir halfen ihr dann mit einem Erstscheck über 300 Euro“, sagt Monika Chef.

Das Budget des Weißen Rings pro aufgenommenem Fall umfasst aber auch die Kosten den den ersten Termin bei einem Opferanwalt sowie für die erste Sitzung bei einem Psychotherapeuten. Ansonsten sind die Opfer zu jeder Zeit für die Berater ansprechbar. Das kann von Tagen und Wochen bis zu Monaten und Jahren dauern. „Die Erstgespräche dauern in der Regel zwanzig bis sechzig Minuten.“   

Zahl der Fälle ist stark gestiegen

Auffällig ist, dass die Zahl der vom Weißen Ring betreuten Fälle im Hohenlohekreis stark gestiegen ist: von sechs im Jahr 2019 auf 50 im Jahr 2025. Sichtbar wird so oder so aber nur die Spitze des Eisbergs, denn: „Die Dunkelziffer ist und bleibt enorm hoch.“ Überwiegend handele es sich um häusliche Gewalt oder Vergewaltigungen, hinzu kämen Cybermobbing und sexueller Missbrauch, Stalking oder Morddrohungen.

Und in zunehmendem Maße auch Cybergrooming und Love Scamming. Letztere Masche besteht darin, dass Betrüger gefälschte Profile auf Datingplattformen oder sozialen Medien nutzen, um emotionale Bindungen aufzubauen und damit Geld zu ergaunern. „Bei diesen Fällen haben die Frauen teilweise bis zu 20 000 Euro gezahlt“, so Chef. Übrigens: 46 Fälle betrafen im Jahr 2025 Frauen - und nur vier Männer.     

Wenn das Trauma von einst wieder aufploppt

Welche waren besonders? Chef fallen auf Anhieb zwei ein. Der erste: „Eine junge Frau, die vor 16 Jahren einer Internetbekanntschaft auf den Leim gegangen ist und infolge dessen von einem Mann zur Prostitution gezwungen wurde, hat sich später davon lösen können und ein normales Leben geführt - bis das Ganze plötzlich wieder aufploppte und ihr psychische Probleme bereitete. Dies zeigt, wie Opfer meist lebenslang unter den Folgen leiden. Wir sind auch dann für diese Menschen dann und hören ihnen, wie hier geschehen, auch nach dieser langen Zeit zu.“

41.000 Mitglieder hat der Bundesverband, 4500 der Landesverband Baden-Württemberg. Rund 280 ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich in den 38 Außenstellen des Landes um Kriminalitätsopfer. Eine mit acht Mitarbeitern ist zuständig für den Hohenlohekreis. Wer Hilfe benötigt oder als ehrenamtlicher Helfer einsteigen möchte, meldet sich bei Leiterin Monika Chef, Postfach 22, 74655 Ingelfingen, Telefon 0172/5473049, E-Mail: hohenlohekreis@mail.weisser-ring.de. Eine eigene Geschäftsstelle gibt es nicht. Mehr dazu: https://hohenlohekreis-baden-wuerttemberg.weisser-ring.de

Wenn ein Fall von einst wieder aufgerollt wird

Und der zweite Fall? „Eine junge Frau wurde jahrelang von ihrem Stiefvater vergewaltigt und sexuell missbraucht. Das kam vor 12 Jahren ans Licht. Sie hat ihn angezeigt, doch der Gutachter hat den Wahrheitsgehalt angezweifelt, damit schien der Fall erledigt. Dann kam 2025 heraus, dass der Stiefvater einem Kinderporno-Ring angehörte. Sein PC wurde durchsucht und Disketten mit 1200 Seiten sichergestellt. Daraufhin hat er gestanden, seine Steiftochter damals vergewaltigt zu haben, und so wurde der Fall sowohl vor Gericht und als auch bei uns im Weißen Ring neu aufgerollt.“      

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