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Zeitzeugen-Projekt

Der Alltag in Weinsberg zur Zeit des Nationalsozialismus

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Das neue Buch von Holger Wahl und Simon Bendel beleuchtet die Zeit zwischen 1933 und 1939 in Weinsberg. Zahlreiche Zeitzeugen kommen zu Wort. 

Hitlerjugend auf der neu gebauten Reichsautobahn Stuttgart – Heilbronn. Dem Autobahnbau ist im neuen Band des Zeitzeugen-Projekts ein eigenes Kapitel gewidmet.
Hitlerjugend auf der neu gebauten Reichsautobahn Stuttgart – Heilbronn. Dem Autobahnbau ist im neuen Band des Zeitzeugen-Projekts ein eigenes Kapitel gewidmet.  Foto: Privatsammlung Holger Wahl/Stadtarchiv Weinsberg

Wie war das damals in den 1930er Jahren, als gleich neben Weinsberg die Autobahn gebaut wurde? Wie war es, seinerzeit in der Weibertreustadt Kind zu sein? Was hatte es mit dem Landwehrübungslager auf sich? Antworten liefern Fotos, Erinnerungen von Zeitzeugen und offizielle Dokumente auf insgesamt 267 Seiten. Die Hobbyhistoriker Holger Wahl und Simon Bendel leuchten in ihrem neuen Buch den Alltag im Nationalsozialismus in Weinsberg aus.

Weinsberger Zeitzeugen-Projekt ist Ausdruck von Heimatliebe

Warum tut er das? Warum investiert er ehrenamtlich gefühlt eine Million Stunden in Interviews, versenkt sich in Dokumente, recherchiert, prüft nach, schreibt, korrigiert und füllt zum wiederholten Mal viele Seiten zwischen zwei Buchdeckeln im DIN A4-Format? Holger Wahl sitzt am heimischen Esstisch und blickt durchs Fenster – geradewegs auf die Weibertreu. Deshalb. „Ich liebe dieses Städtle.“

Holger Wahls Vater Helmut ist 1936 am Markplatz geboren, der damals Hindenburgplatz hieß. „Er hat mir immer von früher erzählt“, erinnert sich Holger Wahl. So wuchs die Heimatliebe. Wenn sich Helmut Wahl an diesem Freitag, 16. Januar, fit fühlt, kommt er in die Hildthalle. Dort stellen sein Sohn und Simon Bendel den dritten Band ihres Zeitzeugen-Projektes vor, der in Kooperation mit Moritz Kuhn entstanden ist. Kuhn ist fürs Layout verantwortlich.

Das Hakenkreuz weht überm Grasigen Hag: Gelöbnis auf dem Platz am Fuße der Weinsberger Weibertreu.
Das Hakenkreuz weht überm Grasigen Hag: Gelöbnis auf dem Platz am Fuße der Weinsberger Weibertreu.  Foto: Privatsammlung Holger Wahl/Stadtarchiv Weinsberg

„Weinsberg im Alltag des Nationalsozialismus“ lautet der Titel des neuen Werks. „Das kleine Städtchen an der Weibertreu auf dem Weg in den II. Weltkrieg“ heißt es weiter. Es geht um die Geschichte Weinsbergs zwischen 1933 und 1939 – „einer Zeit der Hoffnung und auch Verführung, der Anpassung, aber auch der Schuld“, schreibt Simon Bendel im Vorwort.

Der Kamermann hat mit Holger Wahl zwischen 2015 und 2024 Interviews mit rund 60 Zeitzeugen geführt – jedes bis zu eineinhalb Stunden lang. Viele der Befragten sind inzwischen verstorben, der älteste noch lebende ist 101. Die Erinnerungen sind wie bei den Vorgängerbüchern wesentlicher Bestandteil des neuen Bandes, ergänzt durch historische Dokumente wie Gemeinderatsprotokolle und knapp 300 Fotos aus dieser Zeit. Etwa 20.000 Aufnahmen, alle aus Weinsberg und Umgebung, hat Wahl inzwischen nach eigenen Angaben digitalisiert und archiviert. Die Zahl ist erstaunlich, vor allem wenn man bedenkt, dass die Stadt kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs fast vollständig zerstört wurde. Der Heimatforscher sucht und findet historische Fotos überall: bei Ebay, auf speziellen Foren, bei Gesprächen mit Einwohnern.

Nazi-Größen in der Weinsberger Hildthalle. In der Mitte Heinrich Himmler, Reichsführer SS, einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust.
Nazi-Größen in der Weinsberger Hildthalle. In der Mitte Heinrich Himmler, Reichsführer SS, einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust.  Foto: privat

Immer wieder finden sich in dem Buch QR-Codes. Wer sie scannt, bekommt Filmsequenzen der Interviews und andere Extras aufs Handy gespielt. Die Buchtexte sind übersichtlich gestaltet und kurzweilig zu lesen; die „Übrigens“-Rubriken lockern auf, der Leser wird trotz der Fülle an Infos nicht erschlagen.

Weinsberg früher mit dem Blick von heute: Keine pauschalen Verurteilungen

Wer heute auf damals zurückschaue, begegne oft widersprüchlichen Persönlichkeiten, schreibt Simon Bendel in seinem Vorwort weiter. Es geht Bendel und Wahl aber nicht darum, „diese Weinsberger Männer und Frauen pauschal als ,die Bösen‘ abzustempeln“. Denn: „Totalitäre Systeme funktionieren nicht mit Monstern: Sie funktionieren vielmehr mit ganz normalen Menschen“, formuliert Bendel. „Das macht sie so gefährlich – und ihre Wiederholung so erschreckend denkbar.“

Wie schwierig war es, mit den Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen – schließlich geht es um eine heikle Zeit? Es war vergleichsweise einfach, sagt Holger Wahl: „Wir haben ja mit den Kindern von damals gesprochen. Mit Leuten, die uns alle kennen.“ Letzteres, ist Wahl überzeugt, war Voraussetzung, dass die Menschen sich öffneten. Nur manchmal bestanden sie darauf, dass die Kamera ausbleibt. Was dann gesagt wurde, findet sich anonymisiert in den Büchern wieder, so Wahl.

Weinsbergs Bürgermeisterin Birgit Hannemann ist froh um Menschen wie Holger Wahl, Simon Bendel und Moritz Kuhn: „Das Projekt ist wirklich toll, weil es die Erinnerung wachhält.“ Durch die multimediale Aufarbeitung sei es für alle Generationen eindrucksvoll.

„Weinsberg im Alltag des Nationalsozialismus“: Das neue Buch von Holger Wahl und Simon Bendel wird an diesem Freitag, 16. Januar, ab 19 Uhr im Rahmen einer Multimedia-Präsentation in der Hildthalle vorgestellt. Die Autoren zeigen Fotos, Dokumente und Videos von Zeitzeugen. Einlass ist ab 18.30 Uhr, der Eintritt kostet acht Euro. Das Buch selbst kostet 33,39 Euro – ein Preis, der laut Wahl nicht einmal alle Ausgaben deckt.Wie die anderen Bücher ist das neue Werk online unter www.weinsberg-damals.de bestellbar. Die Bücher kann man auch in der Buchhandlung Back kaufen, das aktuelle ab kommenden Samstag. 

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