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Eschenauer Schloss

Das Eschenauer Kulturdenkmal war ein lange verschlossenes Schatzkästchen

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Victoria von der Wippel beschäftigt sich mit der Vergangenheit und der Zukunft des Familienbesitzes in Eschenau. Türen öffnen sich wieder am Tag des offenen Denkmals am 14. September.

Victoria von der Wippel im Treppenhaus des Hauptbaus. Über dem Eingang zur Beletage prangt in der pompösen Stuckdecke das Wappen von Architekt Leopoldo Retti.
Victoria von der Wippel im Treppenhaus des Hauptbaus. Über dem Eingang zur Beletage prangt in der pompösen Stuckdecke das Wappen von Architekt Leopoldo Retti.  Foto: Berger, Mario

Die Sonnenstrahlen bringen an diesem heißen Sommernachmittag die pastellfarbenen Rosen zum Leuchten. Der Garten ist sehr gepflegt, so dass die Schauseite des Schlosses Eschenau ein prächtiges Postkartenmotiv abgibt. Jahrzehntelang waren die Türen zum Privatbesitz geschlossen. Nach dem Tod von Isa Marina von Bernus 2023 macht ihre Tochter Victoria von der Wippel die historischen Gemäuer zugänglich.

„Meine Mutter hat das Schloss für sich als Schatzkästchen haben wollen“, sagt die 54-Jährige. „Ich habe eine andere Grundhaltung. Es ist ein öffentliches Kulturgut, und es gibt ein öffentliches Interesse.“ Deshalb macht sie wieder beim Tag des offenen Denkmals am 14. September, von 10 bis 17 Uhr mit. 2024 hat sie mit einem Vortrag die rund 500 Besucher über das wohl düsterstes Kapitel des Schlosses informiert, die Zeit als jüdisches Zwangsaltenheim 1941/42. Diesmal ist diese ein Teil der Präsentation: Ein Jahr lang hat Victoria von der Wippel für die Ausstellung die Geschichte und Besitzer im Laufe der fünf Jahrhunderte zusammengetragen. Die Affaltracherin beschäftigt sich mit der Vergangenheit und der Zukunft des Anwesens.

In ganz Deutschland war einst Isa Marina Bernus unterwegs, um einen Schlosser zu finden, der das historische Exemplar an der Tür zum Garten reparieren und restaurieren konnte.
In ganz Deutschland war einst Isa Marina Bernus unterwegs, um einen Schlosser zu finden, der das historische Exemplar an der Tür zum Garten reparieren und restaurieren konnte.  Foto: Berger, Mario

Mit viel Liebe und Geld saniert

Erst jetzt, nach dem Tod der Mutter, wird der Tochter bewusst, was Isa Marina von Bernus „Wahnsinniges“ geleistet hat. „Sie hat das Schloss in aller Schönheit saniert, unheimlich viel Liebe und Geld hineingesteckt.“ So habe ihre Mutter in ganz Deutschland einen Schlosser gesucht, der das historische Exemplar an der Eichen-Doppeltür zum Garten reparieren und restaurieren konnte.

„Der Stuckateur war ein Künstler, er war fest angestellt“, erzählt von der Wippel, die Geschichte, Englisch, Gemeinschaftskunde und Ethik an der Realschule Weinsberg unterrichtet. Den Beweis erbringen viele der Räumlichkeiten des Schlosses, das Johann Melchior von Killinger 1745 von Baumeister Leopoldo Retti – er errichtete auch das Neue Schloss in Stuttgart – im Rokoko-Stil umbauen ließ. Angefangen beim Teehaus, an dessen Decke auf rosa und pastellgrünem Hintergrund Fabelwesen unter Wasser, Vögel und Instrumente angebracht sind. Auch die Beletage im Hauptbau – die Wohnung von Isa Marina von Bernus ist unangetastet – ist mit prächtigem Rokoko-Stuckaturen versehen, ebenso wie das herrschaftliche Treppenhaus.

Victoria von der Wippel im Treppenhaus des Hauptbaus. Über dem Eingang zur Beletage prangt in der pompösen Stuckdecke das Wappen von Architekt Leopoldo Retti.
Victoria von der Wippel im Treppenhaus des Hauptbaus. Über dem Eingang zur Beletage prangt in der pompösen Stuckdecke das Wappen von Architekt Leopoldo Retti.  Foto: Berger, Mario

Die Furcht als Mädchen vor einem Gemälde

Der Aufgang in die Etagen ist großzügig und mit einem massiven Eichengeländer mit fratzenhaften Schnitzereien versehen. Im Treppenhaus hängt ein großes Konterfei eines streng dreinblickenden Herren. Ein von Bernus, den von der Wippel nicht benennen kann. Sie weiß nur, dass sie als Kind Angst hatte, an dem Gemälde vorbeizugehen, weshalb sie immer die schmale Gesinde-Treppe benutzte.


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An der Fassade zum Garten prangt im Giebel das Stuck-Wappen der Familie Hügel, die sich im 19. Jahrhundert in die Galerie der Besitzer einreihte. „Das Wappen der von Bernus ist auf der gegenüberliegenden Seite nur aufgemalt“, merkt Victoria von der Wippel an. Sie führt auch in die einstige Kapelle, eher eine Nische. Allein das Gewölbe erinnert an den Ursprung.

Das Kulturdenkmal in Eschenau besticht durch seine mit Stuck reich verzierten Decken, wie hier im Treppenhaus.
Das Kulturdenkmal in Eschenau besticht durch seine mit Stuck reich verzierten Decken, wie hier im Treppenhaus.  Foto: Berger, Mario

Als Schlosskind ausgegrenzt gefühlt

Victoria von der Wippel, in Berlin geboren, hat nur drei Jahre ihrer Kindheit im Schloss verbracht. Hat sie sich hier als Prinzessin gefühlt? Die Mutter des Schlosserben Maximilian von Bernus (21) winkt ab: „Ich hätte mir eine ganz normale Kindheit gewünscht.“ Als Spross der Schlossbesitzerin und mit „von“ im Namen, dazu des Schwäbischen nicht mächtig, hat sie sich ausgeschlossen gefühlt. „Wir haben jede Ferien hier verbracht“, erinnert sie sich an die Zeit, als ihre Mutter hier noch nicht dauerhaft gewohnt hat. „Meine Freunde fuhren ans Meer, und ich war in Eschenau“, konstatiert von der Wippel.

Wie so viele Menschen, die die Nazi-Terrorherrschaft erlebt haben, haben sich auch ihre Mutter und Großmutter – Isa von Bernus, eine Jüdin – über diese Zeit ausgeschwiegen, auch über die unrühmliche Vergangenheit des Schlosses, das ihr Großvater Alexander von Bernus 1926/27 erwarb. Dass hier 112 Juden unter menschenunwürdigen Lebensverhältnissen zusammengepfercht waren, bevor sie in Konzentrationslager deportiert wurden, habe sie 2010 mit der Erforschung des jüdischen Zwangsaltenheims durch Obersulms Ortshistoriker Martin Ritter und dem damaligen Lehrbeauftragten an der Uni Tübingen, Dr. Martin Ulmer, erfahren.

Gedenktafel erinnert an das jüdische Zwangsaltenheim

Übrigens: Der Historiker und Kulturwissenschaftler hat 15 Jahre später, im Februar 2025, die Festrede gehalten, als Victoria von der Wippel die Gedenktafel wider das Vergessen enthüllen ließ – entworfen in einem von ihr initiierten Schülerwettbewerb. Der Gedenktafel habe sich ihre Mutter verweigert, weshalb die Tochter sie erst nach deren Tod realisierte.

Mit dem Wissen um diese grausame Vergangenheit der Gemäuer ist Victoria von der Wippel 2012 aus dem Schloss ausgezogen. „Ich konnte gar nicht in Ruhe hier sein.“ Die Vergangenheit verlasse diesen Ort nicht. Ihr ist wichtig, dass diese nicht vergessen wird. „Es sind die Kinder, die sie heilen können“, meint die Pädagogin. Deshalb hat sie nach der Corona-Pandemie die Lernwerkstatt, ihr Nachhilfeinstitut im Nebenerwerb, hier eingerichtet. „Ich glaube, dass der Ort Frieden findet, wenn man nicht wegschaut.“

Der Großvater wollte seine Frau beschützen

Sie verwahrt sich gegen den ihr gegenüber geäußerten Vorwurf, sie wolle die Schuld ihres Großvaters reinwaschen. Dieser hatte das Schloss an die NSDAP Stuttgart für das jüdische Altenheim vermietet. Hätte er es nicht getan, wäre es zur Beschlagnahmung gekommen, schrieb von Bernus ans Amtsgericht Heidelberg 1941. Triebfeder seines Handelns, davon ist die Enkelin überzeugt, sei gewesen, seine Frau, die keinen Ariernachweis hatte, zu schützen. 

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