Experte für Verschwörungstheorien spricht über Xavier Naidoo und Epstein-Files
Aufs Comeback als Sänger folgt das Comeback als Schwurbler: Xavier Naidoo irritiert mit seinem Auftritt am Rande einer Demo in Berlin. Politikwissenschaftler Josef Holnburger ordnet Naidoos Aussagen ein.
„Unwissentlich haben wir bestimmt alle schon einen Menschen gefressen“, sagte der Mannheimer Soul-Sänger Xavier Naidoo am Dienstag im Umfeld einer Kundgebung in Berlin. Dabei hatte er sich noch 2022 in einem Video von „Verschwörungserzählungen“ und „rechten Gruppierungen“ distanziert.
Experte erklärt: Xavier Naidoo und die Welt der Verschwörung
Josef Holnburger forscht seit Jahren zur Verbreitung von Verschwörungserzählungen, Desinformation, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Auch Xavier Naidoo beobachtet der Political Data Scientist schon eine Weile. Im Interview erklärt Holnburger, auf welche verschwörungsideologischen Narrative sich Naidoo bezieht, was an den Epstein-Files so problematisch ist und welche Menschen besonders anfällig sind für krude Theorien.

Herr Holnburger, wie sind die jüngsten Äußerungen von Xavier Naidoo einzuordnen?
Josef Holnburger: Sie passen zu dem, was er vorher auch schon geäußert hat, bevor es 2021 mal wieder um ihn still wurde. Er hat ein geschlossenes, verschwörungsideologisches Weltbild. Er denkt, dass eine kleine globale Elite satanische Rituale begeht und sogar nicht davor zurückschreckt, Kinderblut zu trinken oder Kinderfleisch zu essen. Das hat sich in seinen Texten und Äußerungen in der Vergangenheit gezeigt, jetzt bricht es wieder durch.
An welche verschwörungsideologische Narrative knüpft er damit an?
Holnburger: Er greift die Verschwörungserzählung um QAnon und Pizzagate auf. Auch da ging es darum, dass man angeblich mit geheimen Codes in geleakten Emails und über einen anonymen Nutzer online erfahren hätte, dass es solche rituellen Missbräuche von Kindern und Kindsmorde gäbe. Tatsächlich greift das aber noch einen älteren Punkt auf, nämlich die Ritualmordlegende, eine antisemitische Verschwörungserzählung aus dem 12. Jahrhundert, wonach Rabbiner Kinderblut trinken oder Kinder essen würden. Das sind alte Verschwörungsmythen, die schon seit Jahrhunderten immer mal wieder aufpoppen. Auch jetzt gerade mit den Epstein-Files.
Zweifel an Naidoos Abkehr von Verschwörungserzählungen
2022 hat sich Naidoo in einem Video von „Verschwörungserzählungen“ und „rechten Gruppierungen“ distanziert. Sie waren skeptisch. Warum?
Holnburger: Ich habe von Anfang an vermutet, dass das eine taktische Distanzierung war. Er hat damals gesagt, von manchen Erzählungen und einigen Personen würde er Abstand nehmen. Er hat aber weder gesagt, von welchen Erzählung noch von welchen Leuten er sich distanziere. Das klang so, als würde er sich offen halten, möglichst mit keiner Person anzuecken, als hätte seine Entschuldigung das Management geschrieben, als sei sie nicht ernst gemeint. Das bestätigt sich jetzt.

Irritierend ist auch der Zuspruch, den der Sänger in den Sozialen Medien für seine Schwurbeleien vorm Kanzleramt erfährt.
Holnburger: Das liegt mit daran, dass die Epstein-Files verstörende Inhalte zeigen. Sie laden aber auch dazu ein, Verschwörungserzählungen darin zu suchen und zu finden. Bei den Epstein-Files handelt es sich um bisher drei Millionen Dokumente. Wenn so eine große Datenmenge einfach mal ins Netz gesetzt wird, ohne kritisch eingeordnet und nachrecherchiert zu werden, ist das ein Problem. Darin sind auch Zeugenaussagen, die sich als nicht wahrheitsgemäß herausgestellt haben. Worauf Xavier Naidoo zum Beispiel anspielt, ist mit Sicherheit eine Zeugenaussage beim FBI von 2019.
Worum ging es da?
Holnburger: Ein Zeuge hat gemeint, Epstein und andere beim Essen von Kindern beobachtet zu haben. Das FBI ist dem nachgegangen. Das hat sich aber als nicht wahr herausgestellt. Es liegt zudem nahe, dass der Zeuge selbst an die Verschwörungserzählung geglaubt hat. Am Ende wird ein Zirkelschluss draus.
Experte: 25 Prozent offen für Verschwörungserzählungen
Rechnen Sie mit einer Zunahme von Verschwörungstheorien?
Holnburger: Weil es jetzt so ein Ereignis wie die Epstein-Files gibt, fühlen sich viele ermuntert, online zu schreiben. Ob es innerhalb der Bevölkerung in Deutschland tatsächliche eine Zunahme am Glauben an Verschwörungserzählungen gibt, bleibt abzuwarten. Ungefähr 25 Prozent der Deutschen sind offen für Verschwörungserzählungen. Diese Menschen haben kein geschlossenes, verschwörungsideologisches Weltbild, aber wenn so etwas auftaucht, könnte es sein, dass sie das aufnehmen und weiter verbreiten. Deswegen braucht es gerade jetzt eine kritische Beleuchtung der Epstein-Files und Konsequenzen für Täter, ohne diese gleichzeitig ins Absurde und Groteske zum absolut Bösartigen zu stilisieren. Denn davon haben die Opfer auch nichts.
Wie radikalisieren sich Anhänger von Verschwörungsideologien typischerweise?
Holnburger: Die meisten, die ein verschwörungsideologisches Weltbild haben, sagen, dass sie irgendwann eine Art Erweckungsmoment hatten. Für manche ist das zum Beispiel 9/11 gewesen, die Corona-Pandemie, der Irak-Krieg. Solche Großereignisse führen dazu, dass Menschen ihr Weltbild überdenken und sich einfachen Erklärungsmustern wie Verschwörungserzählungen zuwenden. Was wir auch immer wieder in der Biografie von Verschwörungsideologen sehen, ist, dass sie sagen, mit dem Aufwachmoment habe ich verstanden, wer das eigentliche Böse der Welt ist, und ich habe verstanden, dass ich mich einsetzen muss für das Gute. Es ist also attraktiv, sich über Verschwörungserzählungen moralisch aufzuwerten und abzugrenzen von den sogenannten Schlafschafen.
Gibt es Menschen, die dafür besonders anfällig sind?
Holnburger: Ja, wir wissen aus der Forschung, dass Menschen, die zum Beispiel einen hohen Wunsch nach Individualität haben, häufiger davon angezogen werden. Heißt, die wollen sich häufig von anderen Menschen abgrenzen durch vermeintlich geheimes Wissen, dadurch, dass sie vermeintlich klüger sind. Verschwörungserzählungen näher sind auch religiöse Menschen, die glauben, dass wir uns in einer Endzeit befinden, also dass wir gerade kurz davor sind, dass der Antichrist kommt.

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