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„Finde ich unanständig“
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NS-Belastung von Ernst Franz Vogelmann: Enkel kritisiert Stiftung und „Heilbronner Elite“

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Kai Vogelmann äußert sich zur NS-Belastung seines Großvaters. Er kritisiert die „öffentliche Nicht-Reaktion“ der nach dem Stifter benannten Ernst-Franz-Vogelmann-Stiftung und der „Elite in Heilbronn“.


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„Die Debatte ist richtig und wichtig. Und nicht ohne.“ Kai Vogelmann, ein Enkel von Ernst Franz Vogelmann, lebt seit Jahren in Münster. Von der Diskussion um eine NS-Belastung des Großvaters hat der 60-Jährige aus der Heilbronner Stimme erfahren.

Kai Vogelmann, der im Bereich Notfallvorsorge im Generalsekretariat des Malteser Hilfsdiensts in Köln arbeitet, hat sich umgehend das Gutachten zur Überprüfung der nationalsozialistischen Vergangenheit von Namensgebern von Heilbronner Straßen, Brücken, Plätzen und Gebäuden besorgt, das die Stadt in Auftrag gegeben hat. Und dazu weitere Unterlagen aus dem Stadtarchiv. Eine vertiefte Recherche, die Kai Vogelmann sich auch von der nach seinem Großvater benannten Ernst-Franz-Vogelmann-Stiftung wünscht sowie von den Städtischen Museen. Schließlich sei deren Direktor Marc Gundel Aufsichtsratsmitglied der Stiftung.

NS-Belastung von Ernst Franz Vogelmann: Enkel kritisiert „Nicht-Reaktion der Elite“ in Heilbronn

„Ich finde es großartig, dass die Stadt Heilbronn sich ihrem historischen Erbe stellt und genauer hinschaut, wer aus der Stadtgesellschaft besonders gewürdigt wird, oder ob frühere Würdigungen nach heutigen Maßstäben noch zu rechtfertigen sind. Dass Ernst Vogelmann durch die Historikerin Susanne Wein auch bewertet wurde, ist nachvollziehbar und richtig.“ Auch, sagt Kai Vogelmann, teile er den Expertenrat des Gutachtens, der eine Kommentierung empfiehlt in Bezug auf die nach Ernst Franz Vogelmann benannte Kunsthalle.

„Bei der Studienlage könnte sich die Stiftung vor den Stifter stellen.“  Kai Vogelmann

Was er nicht teilt, ist die, wie Kai Vogelmann es nennt, „öffentliche Nicht-Reaktion der Elite in Heilbronn, die sich seit Jahren mit seinem Vermögen im Rahmen der Stiftungsarbeit eingerichtet hat und nun nicht in der Lage scheint, mit dieser Situation umzugehen“.

Bis Dienstag dieser Woche findet Kai Vogelmann keinen Hinweis auf der Homepage der Stiftung. Das Statement der Aufsichtsratsvorsitzenden, das Iris Baars-Werner am 8. April gegenüber der Heilbronner Stimme im Namen der Stiftung abgegeben hat, gehört seiner Meinung nach auf die Homepage. „Wenn man das Geld nimmt und den Familiennamen, muss man auch die Schattenseiten nehmen.“ Der Schatten, den die Studie auf seinen Großvater wirft, indes ist für Kai Vogelmann kein Skandal. Die Klassifizierung von Ernst Franz Vogelmann als Mitläufer sei gerechtfertigt, diese Mitläuferschaft möchte der Enkel nicht entschuldigen. „Aber er war kein Nazi.“

Enkel über Studie zur NS-Belastung Vogelmanns: „Was da steht, ist nichts Neues“

Dass die Stiftung dazu bisher keine klare Stellung bezogen hat, in ihrer ersten Reaktion gar „überrascht“ war von den Inhalten der Studie, „das finde ich unanständig“. Das Gutachten mit den Ausführungen zu Vogelmann auf den Seiten 183 bis 187 sei seit 2023 einsehbar, „was da steht, ist nichts Neues“. Er sagt: „Bei der Studienlage könnte sich die Stiftung vor den Stifter stellen.“ 

Die nach Ernst Franz Vogelmann benannte Kunsthalle Vogelmann ist Teil der Städtischen Museen Heilbronn.
Die nach Ernst Franz Vogelmann benannte Kunsthalle Vogelmann ist Teil der Städtischen Museen Heilbronn.  Foto: Christiana Kunz

Ernst Franz Vogelmann, so der Enkel, sei ein Kind seiner Zeit gewesen, er habe nichts zu verbergen. „Ich bin erleichtert“, sagt Kai Vogelmann, der in den vergangenen Tagen weiter recherchiert hat, dass er keine Hinweise fand zu Zwangsarbeitern im Unternehmen seines Großvaters oder Lieferverträgen an Konzentrationslager. „Da muss man keine Angst haben, sondern offen damit umgehen. Das Vermögen aus dem Verkauf der Cillichemie, das er Mitte der 90er Jahre in seine Stiftung einbrachte, ist kein Nazi-Geld.“

Vogelmann-Enkel hält „Abtauchen“ der Heilbronner Stiftung für irritierend

„Mein Großvater war offen“, erinnert sich der Enkel, der dessen Tagebücher kennt und Ernst Franz Vogelmann als einen, dem nach dem Krieg alles zuwider war, was mit Militär und Uniform zu tun hatte. Umso irritierender sei das aus seiner Sicht „Abtauchen“ der gleichnamigen Stiftung.

Bei der Frage nach Belastung ist zwischen der Sicht der Nachkriegszeit und der heutigen historischen Sichtweise zu unterscheiden. Ein Versuch, den Grad zu benennen, war in den Entnazifizierungsverfahren der Nachkriegszeit die Unterscheidung zwischen Hauptschuldigen, Belasteten, Minderbelasteten, Mitläufern und Entlasteten. Daher rühren bis heute die Zuschreibungen „Nazi“ oder „Mitläufer“. Ernst Franz Vogelmann ist laut Studie formal belastet mit seinem Eintritt in die HJ 1933, die Funktion als Kameradschaftsführer sowie den Beitritt zur NSDAP 1938 – im Unterschied zu einer materialen Belastung durch konkrete Taten. 

Und was sagt die Stiftung zu den Vorwürfen? „Der Stiftungsrat der Ernst-Franz-Vogelmann-Stiftung hat in den vergangenen Tagen durch die Berichterstattung in der Heilbronner Stimme und der darauf folgenden Lektüre der Drucksachen der öffentlichen Gemeinderatssitzung vom 3. April 2025 von der NS-Belastung des Stifters Ernst Franz Vogelmann erfahren“, sagt auf Anfrage am Dienstag Aufsichtsratsvorsitzende Iris Baars-Werner im Namen der Vogelmann-Stiftung.

Der geschilderte Sachverhalt sei den Stiftungsräten bis dahin nicht bekannt gewesen, wiederholt Baars-Werner. „Selbstverständlich werden sich Vorstand und Aufsichtsrat der Vogelmann-Stiftung mit dem Thema ausführlich auseinandersetzen und Fachleute hinzuziehen. Falls nötig werden wir eine weitere Studie in Auftrag geben.“ 

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