Zum Tod von Matthias Holtmann: Das Leben ist wie Rennen fahren
Warum er sich zur Fraktion der Beatles-Fans zählte, die Schwaben und Bob Dylan schätzte und offensiv mit seiner Erkrankung an Parkinson umging: Erinnerung an Radiolegende, Moderator, Musik- und Autonarr Matthias Holtmann, der im Alter von 75 Jahren gestorben ist.
Die Beatles oder die Rolling Stones? Eine uralte Debatte, die Matthias Holtmann klar beantworten konnte. Er war in seiner Jugend Fan der Beatles, wie Holtmann beim Stimme-Redaktionsgespräch 2017 bekannte. Und: dass er immer noch „Don’t think twice“ als sein Lieblingslied von Bob Dylan schätzte.
1950 in Kamen geboren, aufgewachsen in Recklinghausen und Gelsenkirchen, kam Holtmann nach dem Studium an der Musikhochschule in Köln und einer Karriere als Schlagzeuger bei der Band Triumvirat 1979 als Musikredakteur zum damaligen SDR.
Matthias Holtmann ist tot: „Mit den Schwaben komme ich hervorragend aus“
„Mit den Schwaben komme ich hervorragend aus. Die sind gar nicht so nickelig. Der Westfale ist wortkarg, geizig und viel schlimmer“, erzählte er uns freundlich grinsend. Holtmann wurde Musikchef bei SDR 3 und war maßgeblich an der Entwicklung des auch national bekannten „Radio für den wilden Süden“ beteiligt.

Nach der Fusion von SDR und SWF war er Moderator und Musikchef bei SWR 3, bevor er 2005 zu SWR 1 wechselte, wo er bis 2015 mit seiner markanten Stimme wirkte. Am Sonntag ist die Radiolegende Matthias „Matze“ Holtmann im Alter von 75 Jahren gestorben.
Matthias Holtmann trug das Herz auf der Zunge
Matthias Holtmann trug das Herz auf der Zunge und ging auch offensiv mit seiner Erkrankung an Parkinson um. Als Holtmann 2006 während des Sommermärchens auf dem Stuttgarter Schlossplatz ein Public Viewing zur Fußball-Weltmeisterschaft moderierte, fiel ihm das Mitschreiben schwer, erinnerte er sich beim Gespräch mit unserer Redaktion. Dass etwas nicht stimmte, war ihm schon beim Klavier- und Schlagzeugspielen aufgefallen. „Ich habe es lange verdrängt.“ Als er zum Arzt ging und die Diagnose Parkinson erfährt, war Holtmann am Boden zerstört.
Anders als der Herzinfarkt („steht für Aktivität und Geschwindigkeit“) sei Parkinson in unserer Gesellschaft negativ besetzt, war die Erfahrung, die Holtmann machen musste. Auch kam es vor, dass die Polizei Holtmann anhielt, weil sie meinte, er sei betrunken. Matthias Holtmann fuhr weiter Auto: um zu beweisen, dass er es konnte. Etwa auf dem Hockenheim- oder dem Nürburgring mit seinem Dodge Challenger SRT 8 und 815 PS. „Rennen fahren ist das Leben, alles andere ist warten“, begründete Holtmann mit Hollywood-Legende Steve McQueen den Reiz der Geschwindigkeit.
Stadionsprecher beim VfB
Matthias Holtmann pflegte seine Vorliebe für schnelle Autos, war Motorjournalist, Autotester, Stadionsprecher beim VfB Stuttgart. Und vor allem verstand er etwas von Musik. Der Sohn eines Feuilletonchefs und späteren Kulturbürgermeisters von Recklinghausen hat auch Komposition bei Karl-Heinz Stockhausen studiert.
Holtmann, der Typ, der die Chuzpe hatte, zu sagen, „je größer das soziale Gefälle, desto reicher die Reichen und desto größer der Marktanteil an Rolex“, er selbst trug damals beim Gespräch eine Goldkette und ein Armband. „Kein echtes Gold.“ Aber das hatte für Holtmann keine Bedeutung.
Publikumserfolg „Pop & Poesie“
Mehrere Jahre hat Matthias Holtmann die Musikwerkstatt der Akademie Würth in Künzelsau moderiert. In ganz Baden-Württemberg war er bekannt als das langjährige Gesicht von „Pop & Poesie“.
Seit Holtmann 2008 zum ersten Mal gemeinsam mit Musikern und Schauspielern das Format auf die Bühne brachte, hat sich die spezielle Mischung aus Konzert, Lesung und Comedy zum Publikumserfolg entwickelt. Ein Selbstläufer, immer wieder war Holtmann damit in Heilbronn und in der Region zu erleben.

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