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Interview

Wie Marbach zum Deutschen Literaturarchiv kam

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Das Deutsche Literaturarchiv (DLA) in Marbach ist eine bedeutende Sammelstätte für die deutschsprachige Literatur- und Geistesgeschichte. Mit seinem Buch "Provinz der Moderne" hat Historiker Jan Eike Dunkhase nun die Biografie dieser Institution geschrieben.

Das 1903 in Marbach eingeweihte Schillermuseum (rechts) diente lange auch als Archiv. 1972 zog das Archiv in einen Neubau. 2006 wurde zudem das Literaturmuseum der Moderne (links) eröffnet.
Foto: Archiv/dpa
Das 1903 in Marbach eingeweihte Schillermuseum (rechts) diente lange auch als Archiv. 1972 zog das Archiv in einen Neubau. 2006 wurde zudem das Literaturmuseum der Moderne (links) eröffnet. Foto: Archiv/dpa  Foto: Wolfram Kastl

Nachlässe und Sammlungen unzähliger Autoren, Archive von bedeutenden Verlagen, eine große Spezialbibliothek mit Werken von der Aufklärung bis zur Gegenwart: Das Deutsche Literaturarchiv (DLA) in Marbach ist das literarische und philosophische Gedächtnis einer ganzen Sprachkultur. Wissenschaftler aus aller Welt nutzen seine Quellen. Nun hat der Berliner Historiker Jan Eike Dunkhase die Geschichte der Institution selbst erforscht.

 

Herr Dunkhase, warum konnte sich so eine bedeutende Sammelstätte für die moderne deutsche Literatur- und Geistesgeschichte in Marbach etablieren - und nicht beispielsweise in Weimar oder Berlin?

Jan Eike Dunkhase: Das hat natürlich erstmal mit Friedrich Schiller zu tun, der in Marbach geboren worden ist. In Marbach hat man relativ frühzeitig aus seinem Geburtshaus eine kleine Gedenkstätte gemacht. Aber erst Ende des 19. Jahrhunderts hat der damalige Stadtschultheiß Traugott Haffner versucht, Marbach als Schillerstadt zu profilieren. Das war sozusagen die notwendige Bedingung. Die zweite wichtige Traditionslinie, die zum Deutschen Literaturarchiv geführt hat, hat mit Schiller und Schwaben gar nicht so viel zu tun.

 

 Foto: Alternativer Fotograf

Sondern?

Dunkhase: Die hängt mit einer Denkbewegung zusammen, die die Handschrift aufgewertet hat. Da ist der Name des Berliner Philosophen Wilhelm Dilthey ganz zentral. Dilthey hat 1889 in der "Deutschen Rundschau" ein Plädoyer für Archive für Literatur veröffentlicht. Dieses Plädoyer hat der Stuttgarter Unternehmer und Bankier Kilian Steiner, ein oberschwäbischer Jude, der eine zeitlang auch als Rechtsanwalt in Heilbronn tätig gewesen war, gelesen und gedacht: "So etwas möchte ich auch machen." Steiner war ein großer Literaturfreund und Handschriftensammler und ist mit Traugott Haffner zusammengekommen. So ist aus diesen beiden Traditionslinien heraus in Marbach ein Archiv für Literatur entstanden, das aber erst als Museum errichtet wurde.

 

Sie haben viel Archivmaterial ausgewertet und schreiben aber auch, von 1933 bis 1945 sei die Überlieferung lückenhaft. Was konnten Sie dennoch über das Schiller-Nationalmuseum während der NS-Zeit herausfinden?

Dunkhase: Man muss leider sagen, dass sich der Schwäbische Schillerverein und das Schillermuseum vorbehaltlos in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt haben. Es gab 1934 zum 175. Geburtstag von Schiller einen riesigen Nazi-Aufmarsch auf der Schillerhöhe. Das Interesse der Machthaber in Berlin an diesem Ort ist aber nach diesen Feierlichkeiten schnell wieder erloschen. Weil sich das Profil der Sammlung nicht so gut propagandistisch ausschlachten lassen konnte. Und weil zur Zeit des Zweiten Weltkriegs vor allem Hölderlin Schiller als nationale Identifikationsfigur verdrängt hat. Deswegen ist auf der Schillerhöhe während der Zeit des sogenannten Dritten Reiches nicht allzu viel passiert.

 

Der gebürtige Brackenheimer Theodor Heuss und die Salzbergwerke in Kochendorf spielten wichtige Rollen in der Geschichte des Hauses. Man könnte sagen, es ging jeweils um den Schutz von Museum und Archiv.

Dunkhase: Eindeutig. Theodor Heuss ist es zu verdanken, dass die paritätische Finanzierung der Institution von Bund und Land eingeführt wurde, die heute immer noch gilt. Dafür hat er sich schon 1927 mit einer Rede im Reichstag eingesetzt. Und von 1943 bis 1946 wurde die Marbacher Sammlung ins Salzbergwerk Kochendorf eingelagert, um sie vor Luftangriffen zu schützen.

 

Das DLA ist ein sozialer Denkraum, sagt Historiker Jan Eike Dunkhase.
Foto: privat
Das DLA ist ein sozialer Denkraum, sagt Historiker Jan Eike Dunkhase. Foto: privat  Foto: Alternativer Fotograf

Es gab immer wieder Umbenennungen. Warum dauerte es, bis man sich zum Titel Deutsches Literaturarchiv Marbach durchrang?

Dunkhase: Man hat, als man 1955/56 das Deutsche Literaturarchiv im Schiller-Nationalmuseum gegründet hat, sehr eng mit den Weimarer Kollegen des Goethe-und-Schiller-Archivs zusammengearbeitet, weil die institutionell schon sehr viel avancierter waren. Und um den Systemkonflikt nicht allzu sehr anzuheizen, hat man am Anfang davon Abstand genommen, das Deutsche Literaturarchiv offiziell so zu nennen. Der offizielle Titel wurde eigentlich erst dem Neubau gegeben, der 1973 eingeweiht wurde.

 

Ihr Buch endet Anfang der 1970er und damit mit dem Aufkommen des PCs. Was bedeutet dieser technische Wandel Ihrer Meinung nach für die Zukunft der Sammlung?

Dunkhase: Die Sammlung von, ich nenne es mal, computergestützter Literatur ist schon seit Jahren im Gange. Mein Untersuchungszeitraum war aber noch ganz das analoge Zeitalter, in dem die Materialität der Archivstücke im Mittelpunkt stand. Man könnte sagen, wenn man alles digitalisieren würde, was so natürlich nie passieren wird, bräuchte man nicht mehr nach Marbach zu fahren. Aber ich glaube, die große Leistung des langjährigen Direktors Bernhard Zeller und seiner Kollegen in den 1950er und 1960er Jahren war es, dass sie ein ganz besonderes Milieu geschaffen haben. Einen sozialen Denkraum, in dem Begegnung in der Abgeschiedenheit möglich ist.

 

Zur Person

Jan Eike Dunkhase, 1973 in München geboren, hat in Heidelberg und Jerusalem studiert. Heute lebt der Historiker in Berlin. Von 2015 bis 2018 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, danach Fellow am Bard Graduate Center in New York. Zu seinen Publikationen zählen Monografien über den Philosophen Baruch des Spinoza sowie den Historiker Werner Conze. Dunkhases jüngstes Buch "Provinz der Moderne. Marbachs Weg zum Deutschen Literaturarchiv" (432 Seiten,35 Euro) ist vor wenigen Tagen im Klett-Cotta Verlag erschienen.

 
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