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Interview

Popmusiker Johannes Oerding: "Ich bin dafür gemacht, etwas aufzuführen"

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"Ein leichtes Kribbeln" verspürt Johannes Oerding kurz vor dem Start seiner "Plan A"-Tour, die ihn am 2. April auch in die Hanns-Martin-Schleyer-Halle nach Stuttgart führt. Vorab nimmt sich der bekannte Popmusiker ausgiebig Zeit für ein Gespräch.

Aufgewachsen am Niederrhein, inzwischen in Hamburg zu Hause: Mit seinem aktuellen Album "Plan A" und der gleichnamigen Tour kommt Johannes Oerding am 2. April in die Hanns-Martin Schleyer-Halle nach Stuttgart. 
Foto: dpa
Aufgewachsen am Niederrhein, inzwischen in Hamburg zu Hause: Mit seinem aktuellen Album "Plan A" und der gleichnamigen Tour kommt Johannes Oerding am 2. April in die Hanns-Martin Schleyer-Halle nach Stuttgart. Foto: dpa  Foto: Christian Charisius

Herr Oerding, die Frage nervt Sie inzwischen vielleicht. Trotzdem: Ihre Tour und das Album heißen "Plan A". Was wäre Ihr Plan B gewesen, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?

Johannes Oerding: Die Frage nervt mich nicht, obwohl sie mir schon oft gestellt wurde. Ich hatte nie eine passende Antwort darauf, habe mir immer etwas aus den Fingern gesogen. Inzwischen weiß ich, dass ich deshalb keine Antwort hatte, weil die Musik immer mein erster Lebensentwurf war, ich nie daran gezweifelt habe, dass das nicht eintritt. Wenn ich es doch beantworten müsste: Ich hätte sicher etwas auf einer anderen Bühne gemacht. Keine Ahnung, vielleicht sogar Animateur im Robinson Club. Ich bin dafür gemacht, etwas aufzuführen.

 

Sie hatten nach eigener Aussage im Vorlauf zum aktuellen Album eine Schreibblockade.

Oerding: Ich gehe davon aus, dass es eine war. Vielleicht aber auch Lustlosigkeit oder Demotivation aufgrund der Pandemie. Ich wollte 2020 auf Tour gehen, nach sieben Konzerten war für zweieinhalb Jahre Schluss. Die Ungewissheit und Unsicherheit haben mir den Energiestecker gezogen. Ich habe an alles gedacht, nur nicht daran, kreativ zu sein. Irgendwann habe ich mich aufgerafft, den Song "Plan A" geschrieben und gemerkt: Gott sei Dank, du kannst es noch. Das war ein Startschuss, um dranzubleiben.

 

Die Lieder, die für das neue Album entstanden, sind, wie Sie sagen, persönlicher, intimer, haben nicht mehr das große Ganze im Blick.

Oerding: Das war so nicht geplant. Ich hatte mir sogar vorgenommen, politischer zu werden. Irgendwann war das Album aber komplett mit zwischenmenschlichen Geschichten. Es wäre komisch gewesen, auf Krampf sich noch an anderen Themen abzuarbeiten, die gerade nicht in mir schlummern. Jetzt sieht es schon wieder anders aus, weil inzwischen viel Furchtbares in der Welt passiert ist, die Krisen gefühlt zunehmen. Jetzt wäre Zeit, auch diese Themen wieder zu besingen.

 


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Im Lied oder besser gesagt im Monolog "Eins-zu-eins-Gespräch" geht es um die Beziehung zu Ihrem Vater. Welche Werte haben Ihre Eltern Ihnen mitgegeben?

Oerding: Ich glaube, die richtigen (lacht). Ich komme vom Dorf - eine gute Grundausbildung. Dort werden Nachbarschaftshilfe und Gemeinwohl groß geschrieben. Meinen Eltern war der Familienzusammenhalt wichtig, Toleranz und Offenheit, eine soziale Komponente. Mein Vater hat immer gesagt: Wer viel hat, muss viel geben. Da ging es auch um ein Gefühl, Verantwortung zu übernehmen für seine Umwelt.

 

Darum geht es auch im Lied "Was wäre wenn". Um das kleine Stück Weltverbesserung, das jeder von uns leisten kann. Haben Sie manchmal das Gefühl, nicht genug zu tun?

Oerding: Der Song dreht sich um Doppelmoral, auch um die eigene. Ich beziehe mich da immer mit ein, weil ich meinen großen Worten nicht immer große Taten folgen lasse. Man kann immer mehr machen. Die Lieder sind für mich somit auch eine kleine Erinnerungs-Stütze.

 


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Haben Sie ein Beispiel?

Oerding: Ich bin schon diverse Male bei Demos von Fridays for Future in Hamburg mitgelaufen und fahre dennoch ein viel zu großes Auto. Das ist paradox, aber ich versuche, mich zu bessern.

 

Das "Was wäre wenn" könnte man auch anders betrachten. Gibt es Dinge in Ihrem Leben, die Sie bereuen, noch nie getan zu haben?

Oerding: Es gibt noch das ein oder andere Reiseziel, einige Roadtrips, die ich gerne machen will. Ich möchte richtig Spanisch lernen. Ansonsten bin ich dankbar für ein sehr reizvolles Leben. Ich denke manchmal, dass ich keine Hobbys mehr brauche, weil mein Beruf schon so besonders ist und ich oftmals froh bin, alleine zu Hause zu sein und einfach gar nichts zu machen.

 

Ihr Zuhause, das ist in Hamburg auf der Grenze zwischen Schanzenviertel und St. Pauli. Früher waren diese Stadtteile cool, weil sie nicht cool waren, mittlerweile sind sie gentrifiziert. Wie erleben Sie Ihre Umgebung?

Oerding: Die Schanze galt lange als alternatives Künstlerviertel, mittlerweile gibt es dort Führungen. Das ist ein wenig komisch und ein bisschen schade. Viele kleine Clubs, Läden und Kneipen schließen, und es kommen Franchise-Ketten nach. Nichtsdestotrotz gibt es eine hohe Fluktuation an interessanten Menschen. Ich mag das urbane Lebensgefühl. Wenn Menschen von rechts nach links an mir vorbeigehen und sich austauschen, dann habe ich etwas, über das ich schreiben kann.

 

Die Hamburger Schule mit Bands wie Tocotronic oder Die Sterne haben Anfang der 1990er das Selbstverständnis für den Gebrauch der deutschen Sprache in die Popmusik gebracht. Hatte das Einfluss auf Sie?

Oerding: Ich habe viele dieser Bands gehört. Sie waren prägend, obwohl ich eine andere Art von Texten schreibe. Die Hamburger Schule war poetischer, lyrischer und verkopfter. Die Tatsache, dass Hamburg einen eigenen Stil geprägt hat, sorgte dafür, dass ich vom Dorf nach Hamburg wollte. In der Großstadt waren Udo Lindenberg, Bands wie Die Sterne, Tocotronic und Blumfeld. Das hat mich gereizt. Ich bin diesen Künstlern dankbar, dass sie ein Fundament gelegt haben für alle nachfolgenden Popmusiker.

 

Auch Ihre Partnerin, Ina Müller, die zuletzt im Januar ein Konzert in Heilbronn gespielt hat, ist Musikerin. Ist sie Ihre größte Kritikerin?

Oerding: Schon. Wenn wir neue Musik haben, spielen wir sie uns immer vor und versuchen konstruktiv zu kritisieren. Ich wäre ja blöd, wenn ich mir eine solch fachkompetente Frau nicht dazuholen würde. Sie hat gute Antennen für Musik und die deutsche Sprache.

 

Sie waren im Jahr 2019 "Hutträger des Jahres". Und tatsächlich sieht man Sie selten ohne Kopfbedeckung.

Oerding: Zum ersten Mal habe ich als Mitglied einer Schülerband einen Hut getragen. Aus praktischen Gründen, weil ich mir keine Gedanken um meine Frisur machen wollte. Es wurde dann zu einem Auftrittsritual und einem Markenzeichen. Die Leute erkennen und mögen einen so. Das heißt auch: Wenn ich mal nicht erkannt werden will, nehme ich einfach den Hut ab (lacht).

 


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Konzert in Stuttgart

Sonntag, 2. April, 19.30 Uhr, Hanns-Martin-Schleyer- Halle, Tickets: www.eventim.de.

Zur Person

Johannes Oerding wurde am 26. Dezember 1981 in Münster geboren und wuchs in Geldern-Kapellen am Niederrhein auf. Erste Bekanntheit als Musiker erlangte er 2009 im Vorprogramm von Bands wie Ich+Ich und Simply Red. Mittlerweile lebt Oerding in Hamburg und hat sieben Studioalben veröffentlicht. "Konturen" (2019) und "Plan A" (2022) schafften es auf Platz eins der deutschen Charts. Seit 2011 ist er mit Musikerin und Moderatorin Ina Müller liiert, 2021 war er Jurymitglied bei der Show "The Voice of Germany".

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