Kai Maertens ist der neue Götz der Burgfestspiele Jagsthausen
Der verlorene Traum des Götz von Berlichingen: Kai Maertens spielt den Titelhelden in Goethes Traditionsstück bei den Burgfestspielen und erinnert sich an einen Sommer vor 50 Jahren im Jagsttal.

An den Sommer 1973 in Jagsthausen hat Kai Maertens nur gute Erinnerungen. Sein Vater Peter Maertens stand als Franz im "Götz von Berlichingen" auf der Bühne, und die ganze Familie war die Spielzeit über dabei: die Mutter und die Kinder Kai, Miriam und Michael. Heute sind alle drei Geschwister bekannte Schauspieler, wie einst der Vater, der Großvater und die Großmutter.
Wenn Kai Maertens in diesem Sommer den Götz gibt in Goethes Sturm-und-Drang-Drama, schließt sich ein Kreis, 50 Jahre nach seiner ersten Begegnung mit der Burg und im 40. Berufsjahr. "Je älter man wird, desto schöner wird der Beruf", merkt der 64-Jährige an beim Telefonat am späteren Vormittag mit unserer Zeitung. Und: "Hier in Hamburg ist schönster blauer Himmel."
Die Auseinandersetzung mit dem Begriff Freiheit
"Wir Geschwister sind sehr eng und waren es auch mit unseren Eltern", sagt Kai Maertens. Zur "Götz"-Premiere am 16. Juni wird Bruder Michael wohl nicht kommen können - er ist der neue Jedermann in Salzburg -, aber sicher danach oder bereits während der Proben. Auf den Probenprozess freut sich Kai Maertens wie er sich überhaupt auf den Sommer im Jagsttal freut, wo er als pubertierender, langhaariger 14-Jähriger schwimmen ging, Fußball spielte und Maultaschen aß. Die Auseinandersetzung mit dem sperrigen Stoff, vor allem mit dem vielschichtigen Konzept Freiheit interessiert Maertens.
"Ich würde hoffen, dass wir deutlich unter zwei Stunden bleiben", kommentiert er die "knappe, saftige" Fassung unter der Regie von Christoph Biermeier, der Theaterfreunden in der Region bekannt ist aus seiner Zeit als Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. "Ich zumindest werde meine Auftritte sparsam gestalten."
Theater darf sich nicht in die Länge ziehen
Nichts findet Kai Maertens blöder, als wenn sich Theater zieht. Eine Haltung, die sich der Mann während seiner Engagements in Köln, Hamburg, Frankfurt, Brüssel, Wien und an verschiedenen Berliner Bühnen in Regiearbeiten mit Ruth Berghaus, Katharina Thalbach, George Tabori, Jürgen Flimm, Jürgen Gosch und anderen angeeignet haben dürfte.
Seit Mitte der 80er Jahre allerdings arbeitet der Schauspieler überwiegend für Film und Fernsehen. Viele dürften Kai Maertens aus Serien wie "Sterne des Südens", "Geisterjäger John Sinclair", "Soko Wismar" und "Der Landarzt" kennen.
Ein wenig wie Don Quijote und Sancho Panza
Auf die Frage, ob er sich mit der Rolle des Reichsritters mit der eisernen Hand schon angefreundet hat, folgt ein knappes "Ja". Um dann ausführlicher über den Kern des "Götz", dramaturgische Kniffe und den schwer fassbaren Begriff der Freiheit zu sprechen.
Auch wenn das verwirrende Stück mit seinen vielen verschiedenen Schauplätzen den wachen Zuschauer fordert, als einen aus der Zeit gefallenen Idealisten sieht Kai Maertens Götz von Berlichingen nicht. "Weil wir ihn so spielen, dass er zeitlich nicht verankert bleibt und auch in eine nahe Zukunft passt." Ein wenig wie Don Quijote mit Sancho Panza kämpft Götz mit Georg gegen Windmühlen.
Wie schafft man es, an seinen Idealen festzuhalten?
"Mich interessiert der verlorene Traum. In Götz beobachten wir jemanden, der sehr angeschlagen ist. Taumelnd zwischen Glücksmomenten und dem Ende. Das muss man spannend gestalten." Wie schafft man es, an seinen Idealen festzuhalten? Kai Maertens sieht hier die Parallelen zu heute, "ohne dass man drauf drücken muss". Den Begriff Freiheit herauszuschälen in seiner ganzen Komplexität, ist die reizvolle Herausforderung dieses Spiels.
"Freiheit wird von allen bemüht, dabei hat jeder sein eigenes Bild von Freiheit." Ob das nun die Freiheit ist, wie sie einem Donald Trump vorschwebt oder jenen US-Richtern, die ihn gerade angeklagt haben. Ob Freiheit als Gegenteil von Diktatur und Krieg oder Freiheit im Internet: Alle nutzen dasselbe Wort.
Sich von Dingen lösen, die einem ans Herz gewachsen sind
Am 8. Mai beginnen die Proben in Jagsthausen, dann geht es an die Feinarbeit. Oder wie es Kai Maertens nennt, frei nach der Maxime des US-Literaturnobelpreisträgers William Faulkner: "Kill your darlings", jene Methode, sich von den Dingen in einer Geschichte zu trennen, die einem zwar ans Herz gewachsen sind, aber nichts zur Story beitragen. Und das gilt nicht nur fürs Schreiben. Noch eine letzte Frage zur Theaterfamilie Maertens. Als belastend hat er die Verwandtschaft nie empfunden.
"Ich kokettiere gerne damit, dass ich auch etwas anderes könnte." Schließlich hat er nach dem Abitur fünf Jahre die Welt bereist, als "Globetrotter, Resthippie und Anarcho", ehe er an der Hamburger Schauspielschule zu studieren begann.
Zur Person: Kai Maertens, 1958 in Hamburg geboren, ist nach ersten Engagements am Theater vor allem aus Film und Fernsehen bekannt. Sein Großvater Willy Maertens war Schauspieler und Intendant am Thalia Theater, seine Großmutter Charlotte Kramm war dort Ensemblemitglied. In der Zeit des Nationalsozialismus erhielt sie wegen ihrer jüdischen Abstammung Auftrittsverbot. Sein 2020 verstorbener Vater Peter Maertens war ebenso Schauspieler wie seine Geschwister Michael und Miriam. Kai Maertens lebt in Hamburg.
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