Hugo-Häring-Auszeichnung an zwölf Bauprojekte aus der Region Heilbronn-Franken
Zwölf Bauten in der Region Heilbronn-Franken erhalten die Hugo-Häring-Auszeichnung des Bundes Deutscher Architekten: Wie verantwortliches Bauen der Zukunft aussehen kann – und Spekulationen über das Projekt Wollhaus in Heilbronn.

Was zeichnet Baukultur aus? Welchen Kriterien müssen Bauwerke genügen in einer schnelllebigen Welt, die Architektur wie die gesamte Zivilgesellschaft vor neue Aufgaben stellt? Bevor am Freitagabend in der Aula des Bildungscampus Heilbronn die Hugo-Häring-Auszeichnung 2023 über die Bühne geht, wird auf eben dieser Grundsätzliches zur Diskussion gestellt.
Geladen und veranstaltet hatte nach dreijähriger Corona bedingter Pause der BDA Heilbronn-Franken, der Regionalverband des Bundes Deutscher Architekten. Seit 1969 verleiht der BDA den Hugo-Häring-Preis, auch großer Hugo genannt: ein zweistufiges Verfahren. Denn bevor es ins Finale um den großen Hugo geht, wird mit der Hugo-Häring-Auszeichnung der kleine Hugo vergeben. Ein Baustein vielleicht auf dem Weg zum Pritzker-Preis, dem Nobelpreis für Architektur.
Ein Preis für Bauherren und Architekten
In allen Regionen Baden-Württembergs hatten Jurys getagt, Preisverleihungen in Tübingen, Heidelberg, Freiburg, Stuttgart und anderswo haben bereits stattgefunden, jetzt wurden die Preisträger aus der Region vorgestellt: zwölf Bauprojekte aus 44 eingereichten Arbeiten (siehe Hintergrund). Wobei sich der Preis ausdrücklich an Architekten und Bauherren richtet.
Eine fünfköpfige Jury mit den BDA-Architekten Wolfgang Riehle, Afshin Arabzadeh, Gabriele D"Inka, mit der Regierungspräsidentin des Bezirks Stuttgart Susanne Bay und der stellvertretenden Chefredakteurin der Heilbronner Stimme, Tanja Ochs, hat die eingereichten Bauten beurteilt. Nach ihrer Einordnung in die Umgebung. Nach ihrer Funktion. Nach ihrer Form und Struktur. Nach ihrer Angemessenheit bezogen auf die Aufgabe - und nach ihrem Beitrag zur Entwicklung des Bauens.
"Wir müssen darauf achten, dass die Innenstadt mithält"
Als Vorsitzender des BDA Heilbronn Franken nutzt Marcus Teske seine Begrüßung dazu, zu ermahnen, bei aller bemerkenswerten Bautätigkeit der Dieter-Schwarz-Stiftung in Heilbronn nicht die Innenstadtentwicklung zu vergessen. "Wir müssen darauf achten, dass die Innenstadt mithält." Teskes Appell an die Stadtverwaltung und die Bürgerschaft: öffentliche Räume attraktiv und lebenswert machen, wozu die Neuordnung der Verkehrsführung rund ums Wollhaus zählt, wie überhaupt eine prosperierende, klimagerechte Innenstadt verkehrsberuhigte Freibereiche schaffen muss.
Als Hausherr auf dem Campus gewährt der Geschäftsführer der Dieter-Schwarz-Stiftung, Reinhold Geilsdörfer, einen Ein- und Ausblick auf bevorstehende Projekte der Stiftung, was für die Gäste aus Konstanz, Freiburg und anderswo interessant sein dürfte. Ob Erweiterung des Bildungscampus oder das Megaunternehmen IPAI, der Innovationspark für Künstliche Intelligenz: "Wir haben entschieden, dass wir weiter expandieren müssen."
Zeitenwende für die Architektur
Dass verantwortliches Bauen Zeit braucht, nicht nur, weil Behördenauflagen und die globale Lage dies verlangen, darauf verweist Juryvorsitzender Wolfgang Riehle in seinem Festvortrag des Abends. Als Thema hat sich der Ehrenpräsident der Architektenkammer Baden-Württemberg nichts Geringeres vorgeknöpft als die von Kanzler Olaf Scholz einst nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine zitierte "Zeitenwende". Wenngleich Riehle sie auf die Anforderungen an eine zukünftige Baukultur bezieht, die den Faktoren "Bildung, Verfahrenskultur und Kommunikation" genügt.
Riehle spricht von "Initialzündungen, die etwas bewegen in einer Region", aber auch von "geopolitischen Faktoren, Konjunkturkrise, Energieverknappung, Wohnungsnot und Nachhaltigkeitsaspekten", die ein Lernen und Umdenken auch von Architekten verlangen. Stichworte wie grün-blaue-Infrastruktur, Bestandserhaltung statt Neubau, nachwachsende Energie, Kreislaufwirtschaft, Low Tech statt High Tech fallen.
Wollhaus-Projekt: "Todsünde, wenn sich Bauherr und Architekt trennen"
Riehle betont die bedeutende Rolle der Bauherren, die mehr sind als Geldgeber, sondern Mitgestalter. "Baukultur entsteht im interdisziplinären Dialog." Ein Punkt, den Architekt Franz-Josef Mattes bei der Preisverleihung aufgreift, um einen "Einwurf" zu wagen, der hellhörig macht. Mit Blick auf das "bedeutendste Umbauprojekt der Stadt" - das Wollhaus - warnt Mattes, "in so einer wichtigen Phase wäre es eine Todsünde, wenn sich Bauherr und Architekt trennen". Und kann sich die spitze Bemerkung nicht verkneifen, "russische Architekten planen sicher auch gut". Dass russische Architekten das Projekt übernehmen, "wäre neu für mich", sagt Bauherr Arthur Neufeld am Samstag auf Stimme-Nachfrage. "Davon habe ich keine Kenntnis."
Die zwölf ausgezeichneten Bauten und ihre Architekten: Mensa, Bildungscampus Heilbronn (Auer Weber), F15 Energiezentrale Heilbronn (Biehler Weith), Gerhart-Hauptmann-Schule Heilbronn (BJW Architekten), Kindergarten Bernhäusle Neckargartach (Joos Keller), Theresienturm, Heilbronn (Joos Keller) Gesundheitszentrum Igersheim (Architekturbüro Klärle), Kinderhaus Hessental (K9 Architekten), Verwaltungsgebäude Trefz-Fenster Wüstenrot (Mattes Riglewski Wahl), Wohnhaus LebensWerkstatt, Bad Friedrichshall (Mattes Riglewski Wahl), Wohn- und Geschäftshaus Apollo 19 Heilbronn (Motorlab Architekten), Büroscheune Obermaßholderbach (Christoph Steinbach, Tobias Fin- ckh), Bootshaus Heilbronner Rudergesellschaft Schwaben (Krummlauf Teske Happold/Zero Architektur).
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