21 Jahre nach dem Skandal: So lief das "Käthchenschmeißen" in Heilbronn
21 Jahre nach dem Skandal und einem Verbot findet in Heilbronn ein Käthchenschmeißen mit dem Berliner Künstler Volker März statt. So lief die Performance am Freitagabend auf der Inselspitze.
Schon bei seiner ersten Begegnung mit Heilbronn eckte der Berliner Künstler Volker März im November 2003 kräftig an. Bei der Einfahrt in die Tiefgarage blieb der kunstbeladene Transporter mit dem Dach hängen. Er musste erst die Luft aus den Reifen lassen, um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Käthchenschmeißen in Heilbronn: Aktion nach Republikaner-Protest verboten
Im Rahmen seiner Ausstellung „Ersatzmensch“ in den Städtischen Museen zeigte er 40 nackte, fötusartige Käthchen-Figuren aus Ton in einer Vitrine im Theater. März hat die Käthchen hautfarben, rot und schwarz gefertigt, wobei die Farben für die Zustände unschuldig, erregt und feuererprobt stehen. Die Figuren wollte der Künstler im April 2004 als Performance vom Theaterdach werfen. Doch die Verwaltung verbot die Aktion Käthchenschmeißen.
Damit gab sie der Gemeinderatsfraktion der Republikaner klein bei, die sich gegen das „Spektakel eines gewissen Volker März“ echauffierte und es als „pervers“ und „billig“ verunglimpfte. Sie hetzten ihm gar den Kinderschutzbund auf den Hals. Eine eigens aus München angereiste Expertin sah die Figuren und erlitt, so März, einen Lachanfall.

Käthchenschmeißen in Heilbronn: Einst Skandal, heute Kunstaktion für Eingeweihte
Die Republikaner sind in der Versenkung verschwunden, Volker März und seine Kunst aber sind so vital, eigenwillig und erfrischend wie damals. Was 2003 schon kein Kunstskandal war, sondern eine Provinzposse, ist heute ein ganz normales Kunstereignis für Eingeweihte.
Als Volker März sein Käthchenschmeißen am Freitagabend auf der Inselspitze nachholt, schauen 40 Interessierte zu. Etwa 20 Ton-Käthchen hat er aus Berlin mitgebracht. Sie liegen auf einem Tisch in der nun zu Ende gegangenen Ausstellung „Käthchen“ aus der Reihe „Steps & Gaps“. Viele der dort gezeigten Arbeiten nähern sich der Käthchen-Figur mit ähnlichem Witz wie März, mit Ironie und Subversion.
Käthchen-Figuren auf der Heilbronner Inselspitze zertrümmert
Volker März spricht über Täter-Opfer-Umkehrung wie im Fall Beuys, der Täter gewesen sei, sich später als Opfer stilisierte und bei den Grünen landete. Er schwadroniert über Hannah Arendt, Franz Kafka, Pina Bausch und das Kaff Wupperthal in Südafrika. Bevor er durch die Publikumsreihen geht, fragt er: „Wie verliert man seine Unschuld? Indem man gekauft wird.“ Zehn Euro gibt jemand für eine Figur, dort sind es 20, einmal gar 100 Euro. Die Käuferinnen und Käufer werden wieder zu Mama und Papa, wenn sie ihre Monsterfiguren im Arm wiegen und sie wie spielende Kinder in die Luft werfen und auffangen – für die zahlreich gezückten Mobiltelefone.
Mit vier nicht verkauften Käthchen erklimmt der 67-Jährige die Brücke und schmeißt sie mit Schmackes und dem Ruf „Ende der Unschuld“ auf die Inselspitze, wo sie mit sattem Rums zerbersten. Das Publikum sammelt die Scherben auf und drapiert sie wieder auf dem Tisch, der nun wie eine archäologische Grabungsstätte wirkt. „Jetzt hab ich richtig Kunst gemacht“, sinniert der gebürtige Mannheimer März. So schließt sich ein Kreis, der 2003 an Machtkalkül, Dummheit und Angst gescheitert war.
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