Stimme+
Inszenierung im Großen Haus

Gefangen in der Wirklichkeit: „Endstation Sehnsucht“ feiert Premiere am Heilbronner Theater  

   | 
Lesezeit  2 Min
audio Anhören
Erfolgreich kopiert!

Regisseur Elias Perrig inszeniert Tennessee Williams’ Drama „Endstation Sehnsucht“, ein klassisches psychologisches Kammerspiel, am Heilbronner Stadttheater. So lief die dreieinhalbstündige Premiere im Großen Haus. 

Blanche DuBois (Juliane Schwabe, M.) ist bei ihrer Schwester Stella (Sophie Maria Scherrieble) und deren Mann Stanley (Sven-Marcel Voss) zu Besuch.
Blanche DuBois (Juliane Schwabe, M.) ist bei ihrer Schwester Stella (Sophie Maria Scherrieble) und deren Mann Stanley (Sven-Marcel Voss) zu Besuch.  Foto: Jochen Quast

Der Soundtrack der sich anbahnenden Katastrophe ist das Quietschen und Rattern der Straßenbahn im French Quarter, einem eher ärmlichen Teil von New Orleans. Blanche DuBois (Juliane Schwabe), eine bankrotte, mit dem Alter und ihrem Aussehen hadernde Frau, besucht nach einer Reihe von Verlusten und Unglücksfällen ihre Schwester Stella (Sophie Maria Scherrieble). Start für einen Klassiker des psychologischen Kammerspiels: „Endstation Sehnsucht“. Am Samstagabend feierte das Drama von Tennessee Williams in der Regie von Elias Perrig Premiere im Großen Haus des Stadttheaters.

Blanches labiler psychischer Zustand, den sie auf den Stress des Lehrerberufs und den Verlust des elterlichen Plantagenhauses in Mississippi zurückführt, verschlimmert sich in der von ihr als erniedrigend und arm empfundenen Umgebung. Gleichzeitig wird die Beziehung zu Stella durch ihre Verachtung und Angst vor derem brutalen Ehemann Stanley (Sven-Marcel Voss) belastet. Blanches Flucht aus der Wirklichkeit? Sind Lügen über ihr Leben und ihre Vergangenheit, die aber nach und nach ans Licht kommen.


Mehr zum Thema

Stimme+
Klassiker im Großen Haus
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Macht und Ohnmacht: Premiere von „Der zerbrochne Krug“ am Theater Heilbronn


Premiere am Heilbronner Theater: Eine Frau zwischen Eitelkeit und Einsamkeit

Juliane Schwabe überzeugt in der Rolle der Blanche, die anfangs noch eine Überlegenheit ausstrahlt, deren Alkoholkonsum aber schon deutlich macht, dass sie kaum noch die Fassung bewahren kann. Ihr Auftreten steht in starkem Kontrast zu ihrer Zerbrechlichkeit, der Selbsttäuschung und der Einsamkeit, aufgrund derer sie sich auch mit Stanleys Kumpel Mitch (Tobias Loth) einlässt. Schwabe fängt die Eitelkeit ihrer Figur ein, aber auch die ständige Suche nach Kontrolle und Bestätigung.

Sven-Marcel Voss ist der vulgäre und gewaltbereite Stanley, der wie ein Brandbeschleuniger für Blanches Untergang wirkt. Selbst in seinen freundlichsten Momenten wandert er mit einem furchteinflößenden, aufgesetzten Lächeln umher. Zwischen den beiden steht die von Sophie Maria Scherrieble verkörperte Stella, deren Loyalität von Schwester zu Ehemann flippert. Sie erweckt den Anschein, als ob sie von der rabiaten Gangart ihres Mannes sogar noch erregt wird, doch ist die Ehe mit Stanley vielmehr ein faustischer Pakt, ein erschöpfter Kompromiss.

„Endstation Sehnsucht“ am Heilbronner Theater: Flexibles Bühnenbild  

Getragen wird die Inszenierung von einer soliden Ensembleleistung, aber auch vom flexiblen Bühnenbild (Wolf Gutjahr). Mehrere hohe Holzkonstruktionen mit durchsichtiger Folie verkleidet, sind auf der Drehbühne immer wieder in Bewegung, sorgen für schnelle Spielort-Änderungen, bieten Perspektivwechsel und spiegeln die Turbulenzen im Leben der Charaktere wider. Perrigs Inszenierung ist dialoglastig, die unheimliche Südstaaten-Kulisse, die das Stück üblicherweise prägt, lässt er hinter sich. Bei einer Dauer von dreieinhalb Stunden (inklusive einer Pause) hätte man aber deutlich kürzen müssen. Minutenlanger Applaus.

Nach oben  Nach oben