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Klassiker im Großen Haus

Macht und Ohnmacht: Premiere von „Der zerbrochne Krug“ am Theater Heilbronn

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Zum Auftakt der neuen Spielzeit inszeniert Intendant Axel Vornam Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ am Heilbronner Theater. Lohnt sich ein Besuch im Großen Haus?

Dorfrichter Adam (Oliver Firit, Mitte) muss einen Prozess leiten, in dem er selbst der Schuldige ist. Er setzt Eve (Cosima Fischlein) unter Druck und will auch Gerichtsrat Walter (Stefan Eichberg, rechts) um den Finger wickeln.
Dorfrichter Adam (Oliver Firit, Mitte) muss einen Prozess leiten, in dem er selbst der Schuldige ist. Er setzt Eve (Cosima Fischlein) unter Druck und will auch Gerichtsrat Walter (Stefan Eichberg, rechts) um den Finger wickeln.  Foto: Jochen Quast

Das muss weh tun. Adam betastet vorsichtig die Schrammen am Kopf, beschaut sich die mit Wunden übersäten, ramponierten Beine. Das Malheur, wenn man es so nennen will, ist am Vorabend passiert, als der Dorfrichter aus dem Fenster von Eve stürzte, der jungen Frau, der er gegen eine „Gegenleistung“ ein Attest besorgen wollte, um ihren Verlobten Ruprecht vom bevorstehenden Fronteinsatz in Ost-Indien freizustellen. Auf der Flucht zerbrach dabei ein Krug, der eine Kette an Folgen in Gang setzt.

Es ist ganz sicher kein Spoiler, wenn man Adam als den Täter benennt, ist das doch recht früh klar in Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“. Und muss der Dorfrichter dann auch schon bald einen Prozess leiten, in dem er tatsächlich selbst der Schuldige ist, es aber einem anderen allzu gern in die Schuhe schieben möchte. Zur Spielzeiteröffnung am Heilbronner Theater inszeniert Axel Vornam am Freitag im Großen Haus die satirische Komödie aus dem Jahr 1811.

„Der zerbrochne Krug“ am Theater Heilbronn: Vermeidung der Wahrheit  

Mit seiner innovativen Struktur, der Doppelbödigkeit, den schnellen Dialogen und dem geistreichen Witz revolutionierte Kleist mit dem Stück die Komödie des frühen 19. Jahrhunderts. Und sind die darin verhandelten Themen aktueller denn je. Nur oberflächlich geht es dabei um die Sachbeschädigung am namensgebenden Gefäß. Das Zerbrochene ist Symbol für die verlorene Unschuld einer jungen Frau, da geht es um die Unversehrtheit des Körpers (MeToo lässt grüßen).

Mit zerschmettert wird auch der Glaube an eine moralisch intakte Gesellschaft, an eine verlässliche Gerichtsbarkeit. Was sich anbahnt, ist ein grotesker Kampf um die Vermeidung der Wahrheit. Wie passend für die heutige Zeit, in der doch viele, verstärkt durch die Möglichkeiten von Social Media, ihre eigenen Wahrnehmungen oder zusammengeschusterten Behauptungen als universell und gegeben annehmen. Es offenbart sich hier ein patriarchales System, da geht es um Machtmissbrauch, die Zwiespältigkeit des Menschen, die Verfilzung von Politik und Justiz.

Theaterpremiere in Heilbronn: Ein Macho als Dorfrichter, eine esoterische Zeugin

Oliver Firit ist eine äußerst passende Besetzung für Adam, leuchtet er doch die Facetten dieses Schwerenöters gut aus. Ein Mann mit Klumpfuß, den man irgendwo zwischen Macho und Schwätzer verortet, der mal weinerlich und feige agiert, dann wiederum selbstbewusst, korrupt und manipulativ auftritt – und doch liebenswerte Züge hat. Ständig versucht er, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Nicht nur einmal denkt man an Figuren wie Donald Trump, die die abenteuerlichsten Lügen auftischen – und damit auch noch durchkommen.

Stefan Eichberg gibt solide den ultrakorrekten und blassen Gerichtsrat Walter, der Adam einen Besuch abstattet und den Gerichtsprozess evaluiert, Alexander Redwitz den wortkargen Bauern Veit. Romy Klötzel, die sehr kurzfristig für den erkrankten Gabriel Kemmether einspringt, verkörpert gekonnt den schlitzohrigen Schreiber Licht, der insgeheim auf den Richterstuhl spechtet, Ensemble-Neuzugang Lisanne Hirzel ist die herrlich übersteuerte und esoterisch angehauchte Zeugin Frau Brigitte.

Marthe Rull (energisch: Sabine Unger) klagt ihren Schwiegersohn in spe an, den Krug beim Besuch ihrer sittsamen, verdrucksten und ein Stück weit traumatisierten Tochter (gut: Cosima Fischlein) zerbrochen zu haben. Dieser Ruprecht (Felix Lydike) sorgt zwar für Lacher, ist an einigen Stellen aber zu überzogen angelegt. Er wirkt mitunter degeneriert, glotzt minutenlang doof in die Gegend, kann sich dann aber wieder sehr wohl klar artikulieren.

Temporeiche Premiere von „Der zerbrochne Krug“

Vornam lässt das Ganze in einem großen Raum spielen, der gleichzeitig Adams Wohnung und Gerichtssaal ist, und von einer mit Akten vollgestopften Registratur dominiert wird (Ausstattung: Tom Musch). Das Ensemble zeigt sich spielfreudig, die kurzweilige Inszenierung von Kleists Parabel über Macht und Ohnmacht ist temporeich und recht klassisch gehalten – der eine oder andere mutigere Verweis Richtung Aktualität hätte aber sicher gut getan. Das Stück fängt aber die Unsicherheiten, das Misstrauen, die Präpotenz ein. Dankbarer Applaus vom Premierenpublikum nach zwei Stunden und zwanzig Minuten (mit Pause).

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