„Bleibt emphatisch“: Wie man es von Wolfgang Niedecken kennt, wurde der Sänger und Songwriter auch (kurz) politisch.
Foto: Berger, Mario
Nicht zum ersten Mal steht Heilbronn auf Wolfgang Niedeckens Tourneeplan. „Den Laden kennen wir ja wohl“, eröffnet der Gründer und Frontmann der Kultband Bap den Abend und freut sich über viele bekannte Gesichter unter den Besuchern. Dass alles ein bisschen leerer ist, wie Niedecken feststellt, mag der Kölner auf das Minimalequipment beziehen, mit dem er angereist ist: Er selbst spielt Gitarre und Mundharmonika, am Piano begleitet ihn Mike Herting. Anders als noch im November 2024 beim Konzert mit Bap sitzen in der Harmonie dieses Mal aber auch nicht 2000 Fans, sondern 850.
Lauter Songs mit einem autobiografischen Kern sollen es im aktuellen Programm sein. Niedecken, der im März 75 Jahre alt wird, liest Passagen aus seinen Memoiren „Für‘ne Moment“ und „Zugabe“, anschließend folgt das jeweils dazu passende Stück. Das Konzept einer Konzertlesung hat sich bereits bei ihrem gemeinsamen Projekt „Dylanreise“ bewährt. Für die Lieder und Geschichten aus dem Leben des Sängers und Songwriters hat das Duo nun einen Bogen gespannt von „Alles relativ“ zu „Jraaduss“ mit Bap-Songs und Solostücken, unbekannten Liedern, aber auch bekannteren.
Mit Fenchel-Kümmel-Anis-Tee durch den Abend
Ob es an der reduzierten Besetzung liegt, die für eine intime Atmosphäre sorgt, dass das Publikum erst nach einer Weile – da haben Niedecken und Herting beispielsweise den Hit „Do kanns zaubre“ längst gespielt – so richtig mit einsteigt? Die Smartphones werden gleichwohl immer wieder gezückt bei dieser sehr persönlichen Begegnung mit dem charismatischen Menschenfänger, der einiges zu erzählen hat während der gut dreieinhalb Stunden. Wurde bei den Anfängen von Bap gerne „ein Bierkasten leergeprobt“, trinkt Niedecken bei seinem Auftritt mittlerweile Fenchel-Anis-Kümmel-Tee.
Zur Person Wolfgang Niedecken
Wolfgang Niedecken, geboren am 30. März 1951 in Köln, studiert ohne Abitur freie Malerei an den Kölner Werkschulen der FH Köln und schließt das Studium 1974 mit dem Examen und einem Studienaufenthalt in New York City ab. 1976 gründet er die Kölschrock-Band Bap. „Verdamp lang her“ wird 1981 der erste überregionale Hit der Gruppe, die im Jahr darauf mit ihrem vierten Album („Vun drinne noh drusse“) ihren endgültigen Durchbruch erlebt. Bis heute ist Wolfgang Niedecken Sänger, Texter, Komponist und Frontmann der Gruppe und das einzig verbliebene Gründungsmitglied. Er ist zum zweiten Mal verheiratet, hat zwei Söhne aus erster und zwei Töchter aus zweiter Ehe.
„Irre, dass ich seit 50 Jahren durch die Gegend fahre und euch mit meinem Dialekt belästige“, kokettiert der Künstler mit seiner Kölschen Mundart, die er und seine Band deutschlandweit bekannt gemacht haben. Wer ihr nicht mächtig ist, muss schon sehr genau hinhören, um die Texte zu verstehen.
„Verdammp lang her“ darf nicht fehlen
Niedecken und Herting, das ist ein eingespieltes Team, dem Blicke genügen, um auf der Bühne miteinander zu kommunizieren. Kongenial improvisiert Mike Herting am Piano, setzt etwa Glanzlichter bei „Maat et joot“ oder „Jupp“. Beschwingt leicht klingt „Ich wünsch mir, do wöhrs he“, Niedeckens musikalische Postkarte aus Marokko an seine Frau. „Verdammp lang her“, der wohl größten Bap-Nummer, verpasst Herting einen bluesigen Anstrich.
„So hört sich das an, wenn ein Flügel schimpft“, kommentiert Niedecken im politischen Teil des Abends das Outro zu „Absurdistan“, in dem er abrechnet mit Zynikern und Faktenleugnern, die vor Armut, Klimawandel und Krieg ihre Augen verschließen. „Arsch huh, Zäng ussenander“ fordert er im gleichnamigen Song und erntet daraufhin Applaus für den Satz: „Die AfD ist ebenso wenig eine Alternative für Deutschland wie die DDR demokratisch war“. Davor wie danach plaudert Niedecken über Menschen, Begegnungen und Orte.
In den Straßen und Ecken Kölns
An seine Mutter, von allen nur Tinny genannt, die Modezeichnerin werden wollte, nach dem Krieg aber in einer Bäckerei aushalf, erinnert der Musiker und Bildende Künstler – und an den erzkatholischen Vater, der ihn zum Pazifisten erzog, mit seinen Bildern und Songs aber wenig anzufangen wusste. Der ebenfalls schon verstorbenen Sängerin Sheryl Hackett widmet Wolfgang Niedecken das Lied „Dir allein“. In „Zosamme alt“ besingt er, der 2011 einen Schlaganfall knapp überlebt hat, den Herbst des Lebens an der Seite seiner Frau. Dazwischen streut der Bap-Sänger Band-Anekdoten und nimmt die Zuhörer immer wieder mit in die Straßen und Ecken Kölns.
„Zwischen Start und Ziel“ hat Wolfgang Niedecken diese Tour genannt. „Zielgeraden können sehr lang sein“, lässt er durchblicken, dass er vorerst nicht ans Aufhören denkt. Das Publikum ist begeistert und spendet am Ende stehend Beifall. Niedeckens Appell: „Bleibt emphatisch.“
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