Nach tödlichem Angriff im Zug: Wie gefährlich ist der Job der Kontrolleure?
Bei einer Fahrkartenkontrolle schlägt ein Schwarzfahrer auf einen Zugbegleiter ein. Der 36-Jährige stirbt an den schweren Verletzungen. Welcher Gefahr setzen sich Kontrolleure bei ihrem Job aus?
Diese Tat schockiert ganz Deutschland: Am Montagabend kontrolliert ein 36-jähriger Zugbegleiter eine Gruppe von vier Personen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, will ihre Fahrscheine sehen. Der Regionalzug ist kurz zuvor am Bahnhof im rheinland-pfälzischen Landstuhl abgefahren. Ein 26-Jähriger kann offenbar kein Ticket vorweisen. Als der Kontrolleur ihn daraufhin des Zuges verweist, schlägt der Schwarzfahrer hemmungslos auf den 36-Jährigen ein. Der Familienvater stirbt zwei Tage später an den schweren Verletzungen.
Nelli Beller ist selbst als Zugbegleiterin tätig gewesen. „Bei den Fahrkarten-Kontrollen habe ich ebenfalls Gewalt erlebt. Einmal wurde einer meiner Kollegen von einem Fahrgast ins Bahngleis gestoßen“, berichtet die Stuttgarter Geschäftsstellenleiterin der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Die Gewalt gegen Zugpersonal habe extrem zugenommen. Beller: „Aber das betrifft ja nicht nur Kontrolleure: Auch Rettungskräfte und Polizisten zum Beispiel werden immer mehr angegriffen. Und das kann und darf nicht sein.“ Es gebe keinen Respekt mehr. Weder vor dem Menschen noch vor der Uniform.
Mehr Polizeipräsenz für mehr Sicherheit in Zug und Bahnhof?
Um für mehr Sicherheit zu sorgen, fordert Beller einen deutlichen Anstieg der Polizeipräsenz, gerade auch an Bahnhöfen. „Vor allem auch in entlegenen Gegenden. In Großstädten sind ja immer wieder Polizisten vor Ort. Auf dem Land sind die Geschädigten den Tätern aber meist schutzlos ausgeliefert.“ Kontrolleure seien flächendeckend mit Bodycams ausgestattet. „In dem Moment, wenn man zusammengeschlagen wird, schützen die aber auch nicht“, sagt Beller.
Besonders bedenklich findet sie, dass der Kontrolleur in Rheinland-Pfalz lediglich ordnungsgemäß seiner Arbeit nachgegangen ist – und dafür mit dem Leben bezahlt hat. „Wir haben auch Fälle, in denen Kontrolleure Schwarzfahrer des Zuges verweisen – und anschließend eine Anzeige am Hals haben, weil sie die Menschen ohne Ticket angeblich zu grob angefasst haben. Wer will denn unter solchen Rahmenbedingungen noch den Job des Zugbegleiters ausüben?“, fragt Nelli Beller. Härtere Strafen können ihrer Ansicht nach bewirken, dass mancher Aggressor möglicherweise zwei Mal überlegt, ob er zuschlägt – oder besser nicht.
Deutsche Bahn verzeichnet mehr Angriffe auf Zugpersonal
„Grundsätzlich haben die Angriffe gegen Zugpersonal zugenommen“, berichtet ein Sprecher der Deutschen Bahn. Im Jahr 2024 seien bei der Bahn 3.324 Vorfälle erfasst. „Das ist ein Anstieg von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, erläutert der Sprecher. In allen Bundesländern seien bei Zugbegleitern Bodycams im Einsatz, was nachweislich helfe, Aggressionen einzudämmen. Er betont: „Grundsätzlich ist jede Form von Gewalt gegen unsere Mitarbeiter absolut inakzeptabel.“
Auch das Team des Zugverkehrsbetreibers Arverio ist über den tödlichen Angriff bestürzt: „Wir verurteilen jegliche Übergriffe auf Mitarbeiter im Fahrdienst aufs Schärfste“, sagt Sprecherin Daniela Birnbaum. Nach Erfahrung des Arverio-Personals scheinen tätliche Angriffe eher rückläufig zu sein. Birnbaum: „Die Fallzahlen unterschiedlicher Quellen zeigen jedoch, dass die Beleidigungen und verbalen Übergriffe auf Personal in Dienstkleidung angestiegen sind, was wohl ein gesellschaftlicher Trend ist.“
Um aggressive Situationen abzuschwächen, gibt es für die Kundenbetreuer bei Arverio regelmäßige Fortbildungen. Je früher die Mitarbeiter die Gefahr einer Situation erkennen, desto eher können sie Übergriffe vermeiden. Zu Ehren des Verstorbenen haben viele Bahnbedienstete an diesem Mittwoch eine Schweigeminute eingelegt.

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