Jennifer Otto ist 34 Jahre alt und Bundesjugendvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Sie wohnt in Mainz. Die GdP ist die größte Polizeigewerkschaft der Welt.
Trotz aller Gefahren: Warum sich junge Menschen für den Polizeiberuf entscheiden
Wie sicher ist die Polizei selbst? Jennifer Otto von der GdP-Jugend spricht im Interview über Gefahren im Einsatz, Bewerberzahlen und Schutzmaßnahmen für Einsatzkräfte.
Trotz steigender Gewalt, wachsender Herausforderungen und sich häufender Schicksale, wie ein zuletzt verstorbener Polizist aus Sachsen, entscheiden sich viele junge Menschen bewusst für den Polizeiberuf. Doch wie sicher ist die Polizei selbst? Welche Maßnahmen gibt es, um Einsatzkräfte zu schützen, und wie wirkt sich die gesellschaftliche Debatte auf das Berufsbild aus?
Die Bundesjugendvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Jennifer Otto gibt im Interview mit Stimmt!- Schreiberin Lea einen Blick hinter die Kulissen.
Gewalt gegen Polizei: Bewerber wollen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten
Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe, warum sich junge Menschen trotz der erhöhten Gefahr und tragischer Ereignisse wie in Mannheim und Kusel für den Polizeiberuf entscheiden?
Jennifer Otto: Ein zentraler Beweggrund ist der Wunsch, einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, aktiv für Sicherheit und Ordnung zu sorgen und für den Schutz der Demokratie einzustehen. Die Möglichkeit, Menschen in Not zu helfen und Gerechtigkeit durchzusetzen, übt oftmals ebenfalls eine starke Anziehungskraft bei den jeweiligen Bewerberinnen und Bewerbern aus.
Haben die Vorfälle in Mannheim und Kusel Auswirkungen auf die Zahl der Bewerbungen bei der Polizei gezeigt?
Otto: Die tragischen Vorfälle in Mannheim und Kusel haben ohne Zweifel das Bild des Polizeiberufs in der Öffentlichkeit beeinflusst. Solche Ereignisse werfen ein Schlaglicht auf die Gefahren und Herausforderungen, denen Polizistinnen und Polizisten täglich ausgesetzt sind. Wir beobachten, dass diese Vorfälle bei einigen potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern Verunsicherung auslösen, was sich punktuell auf die Bewerbungszahlen auswirken kann. Gleichzeitig gibt es aber auch viele junge Menschen, die sich durch diese Ereignisse erst recht berufen fühlen, für die Sicherheit in unserer Gesellschaft einzutreten. Die langfristigen Zahlen bei den Bewerbungen sind stabil.

Bewerbungen bei Polizei: Wichtig sind Transparenz und Vertrauen
Wie kommunizieren Sie den Bewerberinnen und Bewerbern die Risiken des Berufs, ohne sie abzuschrecken?
Otto: Wir legen großen Wert darauf, ein realistisches Bild des Polizeiberufs zu vermitteln – auch was die Risiken angeht. Dabei setzen wir auf Transparenz, um Vertrauen aufzubauen, ohne potenzielle Bewerberinnen und Bewerber abzuschrecken. Über Social Media, Videos und Printmaterialien klären wir darüber auf, dass der Polizeiberuf sowohl erfüllend als auch herausfordernd sein kann. Unser Ziel ist es, die Risiken in einen ehrlichen, aber motivierenden Zusammenhang zu stellen: Die Risiken gehören dazu – aber ebenso die Rückendeckung und das Bewusstsein, in einem starken Team zu arbeiten.
Wie bereitet die Polizeiausbildung junge Menschen auf die emotionalen und physischen Herausforderungen im Dienst vor?
Otto: Ein wichtiger Baustein ist das Einsatztraining, das realitätsnahe Szenarien nachstellt – von Kontrollsituationen bis hin zu Bedrohungslagen. Hier lernen die Anwärterinnen und Anwärter, auch und insbesondere unter Stress besonnen und sicher zu handeln. Genauso wichtig ist die Schulung der mentalen Widerstandskraft. Bereits während der Ausbildung gibt es Unterrichtseinheiten zur Stressbewältigung, zum Umgang mit traumatischen Erlebnissen und zur Konfliktkommunikation. Der Austausch in der Gruppe spielt dabei eine zentrale Rolle, um Erlebnisse zu reflektieren und gegenseitige Unterstützung zu fördern.
Welche Maßnahmen trägt die Polizei dazu bei, den Beruf trotz der Risiken attraktiv zu halten?
Otto: Die Polizei unternimmt konkrete Schritte, um den Beruf attraktiver zu gestalten. In einigen Bundesländern wurde zum Beispiel bereits in weitere Schutzausrüstung investiert, durch den flächendeckenden Einsatz von Bodycams etwa. Ein weiterer wichtiger Punkt ist für uns die bessere Ausstattung der Einsatzkräfte. Dazu zählt beispielsweise die flächendeckende Einführung des Distanzelektroimpulsgeräts (DEIG) als zusätzliches Einsatzmittel oder eine persönliche Ausstattung mit Smartphone, um im Dienst schnell und sicher kommunizieren zu können. Polizistinnen und Polizisten sollten darüber hinaus – unabhängig vom Bundesland, in dem sie tätig sind – überall gleich bezahlt werden, da gleiche Arbeit auch gleiche Wertschätzung und Vergütung verdient.
Warum sich junge Menschen für den Polizeiberuf entscheiden
Was wird gegen die Gewalt gegen Polizisten unternommen?
Otto: Als Gewerkschaft der Polizei fordern wir, dass im Kampf gegen Gewalt gegenüber Einsatzkräften deutlich mehr getan wird. Es darf nicht bei reinen Solidaritätsbekundungen durch Gesellschaft und Politik bleiben, wir brauchen konsequente Maßnahmen. Dazu gehört insbesondere, mehr in Personal zu investieren. Mehr Kolleginnen und Kollegen bedeutet reguläre Einsatzzeiten anstatt unzähliger Überstunden und auch mehr Unterstützung im Einsatz, was die Sicherheit und den Schutz der einzelnen Einsatzkraft erhöht. Darüber hinaus setzen wir uns für eine konsequente Strafverfolgung ein, um klarzumachen: Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Angriff auf den Rechtsstaat.
Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Berufs angesichts zunehmender Gewaltbereitschaft und gesellschaftlicher Spannungen?
Otto: Die Polizei wird künftig noch stärker gefordert sein, um als Stabilitätsanker in der Gesellschaft zu agieren. Der Polizeiberuf an sich wird in Zukunft noch herausfordernder, da die gesellschaftliche Gewaltbereitschaft und Spannungen vermutlich weiter zunehmen. Unsere Polizistinnen und Polizisten werden immer häufiger zu Zielscheiben verbaler und körperlicher Angriffe. Das erfordert nicht nur eine bessere personelle und technische Ausstattung, sondern eben auch eine Stärkung der mentalen und emotionalen Widerstandskraft der Einsatzkräfte.
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