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Start-up aus Bruchsal hat das Multitalent Mehlwurm für sich entdeckt

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Der einstige Schädling ist auf dem Weg zum Superfood und gilt als hervorragende Proteinquelle. In einem Aufzucht-Labor in Bruchsal wachsen die Mehlwürmer heran. Doch eine Sache erschwert den großen Durchbruch für das junge Unternehmen.

Mit Brotresten gefüttert, getrocknet, zu Mehl verarbeitet oder zu organischem Dünger gepresst: Mit dem Mehlwurm lässt sich erstaunlich viel anstellen.
Mit Brotresten gefüttert, getrocknet, zu Mehl verarbeitet oder zu organischem Dünger gepresst: Mit dem Mehlwurm lässt sich erstaunlich viel anstellen.  Foto: Sonntag, Stephan

Das Herzstück des Unternehmens ist in einem unscheinbaren Gebäude auf dem weitläufigen früheren Siemens-Firmengelände in Bruchsal versteckt. Warm ist es in dem vielleicht 15 Quadratmeter kleinen Raum. Große Ventilatoren blasen Wassertröpfchen aus davor aufgestellten Eimern durch die Luft. Es duftet wie in einer Backstube.

Denn Brotreste sind die Lieblingsspeise des Mehlwurms. Der gesamte Aufbau dient einzig und allein dem Zweck, dass sich "Tenebrio molitor" wohlfühlt, wächst und gedeiht. In einer Art Schubladensystem sind die verschiedenen Stadien des Mehlkäfers - wie er korrekt heißt - zu beobachten.


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Wie Mehlwürmer aus winzigen Eiern entstehen

Aus den winzigen Eiern schlüpfen zwei Millimeter kleine Larven, die bis auf drei Zentimeter heranwachsen und die bekannte goldbraune Färbung annehmen. Nach zwei bis drei Monaten verpuppen sie sich und schlüpfen schließlich als dunkelbraune Käfer heraus. Ein Weibchen kann in seinem halbjährigen Dasein rund 500 Eier legen, wodurch der Lebenszyklus geschlossen wäre.

Das Aufzucht-Labor in Bruchsal dient dazu, die optimalen Entwicklungsbedingungen zu erforschen. Denn das kleine Insekt soll bald im großen Maßstab produziert werden. "Wie in einer Art Hochregallager", erklärt Gia Tien Ngo. Der 32-Jährige ist Mitgründer und Chef von Alpha-Protein, einem Start-up zur nachhaltigen Insektenproduktion. Oder exakter: Mehlwurm-Produktion.

Mehlwürmer haben Flügel, fliegen aber nicht

"Der Mehlwurm ist unter den Insekten, was der Pinguin unter den Vögeln ist", sagt Ngo schmunzelnd. Soll heißen: Die Käfer haben zwar Flügel, fliegen aber nicht. Das hat den großen Vorteil, dass die Tiere in jedem Stadium in Boxen gehalten werden können, ohne dass Netze gebraucht würden.

Die Metamorphose des „Tenebrio molitor“: Rechts der Mehlwurm, der sich verpuppt (Mitte) und dann als fertiger Mehlkäfer (links) schlüpft.
Die Metamorphose des „Tenebrio molitor“: Rechts der Mehlwurm, der sich verpuppt (Mitte) und dann als fertiger Mehlkäfer (links) schlüpft.  Foto: Tomasz/stock.adobe.com

Doch wozu sind die kleinen, eigentlich ja als Schädlinge geächteten Krabbler denn nun gut? "Sie sind eine hervorragende Proteinquelle. Zu Mehl verarbeitet werden sie dem Viehfutter beigemischt", erklärt Ngo. Diese Einschätzung teilt der Insektenkundler Arnold van Huis von der Universität Wageningen: "Insekten liefern viele Wirkstoffe, die sich positiv auf die Tiergesundheit auswirken und sogar Antibiotika ersetzen können", sagte der 76-jährige Niederländer kürzlich dem "Spiegel" (3/2023).

Ersatz für importiertes Soja und Fischmehl

Fischmehl und Sojaschrot könnten durch das deutlich ressourcenschonender zu produzierende Insektenmehl ersetzt werden. Denn immerhin ein Drittel des weltweiten Fischfangs landen am Ende in der Tiermast. Die Soja-Importe nach Deutschland sind zwar bereits rückläufig, die EU plant aber sogar ein Verbot, da durch die Produktion weiterhin Regenwald gerodet wird. Neue Proteinquellen werden also händeringend gesucht.

"Der wichtigste Vorteil ist aber, dass die Insektenlarven organische Abfälle fressen. So wird aus Mist am Ende hochwertiges Tierfutter", erklärt van Huis. Ein lokaler Nährstoffkreislauf kommt in Gang. Bei den Bruchsaler Mehlwürmern ist es das von ortsnahen Bäckern gelieferte Altbrot, das als Futter eingesetzt wird. Der Mehlwurm ist allerdings kein Feinschmecker, sondern frisst eigentlich alles, was Stärke enthält.

Mehlwurm als Verpackungsmaterial

Mit der Verwertung organischer Abfälle und der Verarbeitung zu Tierfutter ist das Multitalent Mehlwurm aber noch lange nicht am Ende seiner Fähigkeiten angelangt. "Aus dem Kot des Mehlwurms haben wir einen organischen Dünger entwickelt", erklärt Ngo. "Alpha-Grow" heißt der. Und selbst die Überbleibsel der zahlreichen Häutungen lassen sich zu einem Verpackungsmaterial verarbeiten. "Das ließe sich als eine antibakterielle Beschichtung auf Obst oder Gemüse nutzen und könnte viele Plastikverpackungen überflüssig machen", sagt Ngo.

Zu guter Letzt kann der Mehlwurm natürlich auch vom Menschen verzehrt werden. "Langfristig wollen wir das Mehl auch menschlichen Nahrungsmitteln beimischen", erklärt Ngo. In getrockneter Form wäre der Mehlwurm auch als gesunder Snack denkbar, ähnlich wie Kartoffelchips. "Viele Menschen finden schon den Gedanken eklig. Doch als Sushi in Deutschland aufkam, hieß es anfangs auch: ,Igitt, roher Fisch"", sagt Ngo.

Fehlende Wettbewerbsfähigkeit: Die Preise sind zu hoch

Der größte Hemmschuh für den großflächigen Insekteneinsatz besteht derzeit noch in der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit. Sprich: Die Preise für die verschiedenen Produkte sind zu hoch. "Wir brauchen einen möglichst hohen Automatisierungsgrad und viel höhere Produktionsmengen", sagt Ngo. Ende des Jahres soll der Bau der industriellen Großproduktion beginnen. Spätestens dann könnte der einstige Schädling zum Superfood aufsteigen.

 
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