Kita-Studie: Verband schlägt Alarm
Wie ist die Situation an den baden-württembvergischen Kitas? Damit hat sich eine Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung beschäftgt - und zieht aus den Ergebnissen fast schon eine dramatische Schlussfolgerung.

Desaströse Zustände oder übertriebener Alarmismus? Laut einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) sind die Personalnöte in den baden-württembergischen Kitas eklatant. Das Kultusministerium wiederum ist verwundert und sieht den Südwesten im Bundesvergleich gut aufgestellt.
Der VBE hat die Kitaleitungen im Land befragt. Von den mehr als 9000 Einrichtungen, die es laut Statistischem Landesamt aktuell landesweit gibt, haben sich knapp 2000 an der Befragung beteiligt. Darunter sind Einrichtungen privater, kommunaler oder auch kirchlicher Einrichtungen.
Reihenweise Probleme
VBE-Landeschef Gerhard Brand erklärt, vier von fünf Kitaleitungen hätten angegeben, ihre Arbeit gerne zu machen. Das ist es dann aber auch schon gewesen mit den guten Nachrichten. Der Rest der Befragung ergibt ein düsteres Bild. Keine Wertschätzung, schlechte Arbeitsbedingungen, Nachwuchsprobleme, Überlastung - das ist zusammengefasst die Lage an den Südwest-Kitas, die Brand heute präsentiert.
Und über allem steht ein Thema: viel zu wenig Personal. "Es war noch nie schlimmer", läutet der Funktionär alle Alarmglocken. Im pädagogischen Bereich seien 80.000 zusätzliche Vollzeitstellen nötig, um den Betrieb mit den empfohlenen Personalschlüsseln umzusetzen. Dies wäre eine Verdopplung der aktuellen Zahl, denn laut Statistischem Landesamt gibt es momentan knapp 78.000 Vollzeitstellen im pädagogischen Bereich.
Diskussion über Betreuungsschlüssel
Ein Blick auf die konkreten Ergebnisse der VBE-Befragung: An sieben von zehn Südwest-Kitas bei der Betreuung von Kindern über drei Jahre gibt es zu wenige Fachkräfte pro Kind. Laut wissenschaftlicher Empfehlungen sollten hier im Schnitt auf eine Fachkraft 7,5 Kinder kommen. An 27 Prozent der befragten Kitas im Ü-3-Bereich muss eine einzige Fachkraft sogar zwölf oder mehr Kinder betreuen.
Erhebung berücksichtigt ukrainische Kinder noch nicht
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Betreuung der Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren. Hier kommen in 43 Prozent der befragten Kitas fünf oder mehr Kinder auf eine Fachkraft, in jeder zehnten Kita sind es sogar acht oder mehr Kinder. Wissenschaftlich empfohlen sind im U-3-Bereich jedoch drei Kindern je Fachkraft. "Der Handlungsdruck ist massiv", sagt Brand. Die Studie zeige, dass viele Kitas ihre Aufsichtspflicht nicht mehr erfüllen könnten. Zudem seien die Kinder, die aus der Ukraine flüchten, in der Umfrage noch nicht berücksichtigt. Die Erhebung wurde zwischen dem 6. Dezember 2021 und dem 1. Februar 2022 durchgeführt, also vor Beginn des russischen Angriffskrieges.
GEW macht Vorschläge
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, die Rahmenbedingungen für Fachkräfte in Kitas zu verbessern. "Warum ist es für junge Menschen nach ihrem Schulabschluss oft attraktiver, sich beim großen mittelständischen Unternehmen 30 Kilometer entfernt zu bewerben statt in der Kita um die Ecke?", fragt die Landesvorsitzende Monika Stein. Die Verantwortlichen im Land und in den Kommunen sowie den freien Trägern hätten es in der Hand, "zum Beispiel Kita-Gruppen kleiner zu machen, mehr für den Gesundheitsschutz zu investieren und mehr Vor- und Nachbereitungszeit zu ermöglichen", so Stein.
Kultusministerium verweist auf gute Zahlen im Bundesvergleich
Im Stuttgarter Kultusministerium bewertet man die Situation an den Kitas im Südwesten etwas anders. Staatssekretär Volker Schebesta (CDU) verweist auf das Ländermonitor Frühkindliche Bildung der Bertelsmann-Stiftung, bei dem Baden-Württemberg bei den Personalschlüsseln im U3-Bereich bundesweit an der Spitze stehe. "Dabei setzen wir in Baden-Württemberg sehr hohe Standards bei der Fachkräfte-Kind-Relation", so Schebesta. Gleichwohl sei es eine große Herausforderung, Fachkräfte für die Kitas zu gewinnen. Generell habe das Land die Ausbildungskapazitäten im Kita-Bereich in den vergangenen Jahren massiv erhöht.



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