Tapinoma magnum wird über die Erde in mediterranen Topfpflanzen eingeschleppt. Laut dem Regierungspräsidium Stuttgart erfolgen erste Nachweise meist im Umfeld von Gartencentern oder Gärtnereien. Die Insekten können einem Experten zufolge keine Krankheiten übertragen – es sei aber nicht ausgeschlossen, dass sie bei Menschen kurzfristige Allergien auslösten. Die psychische Belastung bei einem massiven Ameisenbefall sei nicht zu unterschätzen, hatte der Biologe Bernhard Seifert vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz gesagt.
Invasiv-Ameisen breiten sich weiter aus – Bekämpfung "extrem schwierig bis unmöglich"
Schon seit Längerem kämpft die badische Grenzstadt Kehl gegen eine eingewanderte Ameisenart. Nun breitet sich Tapinoma magnum weiter in Baden-Württemberg aus. Einen möglichen Fund gibt es im Kreis Heilbronn.
Als invasiv geltende Ameisen der Art Tapinoma magnum breiten sich weiter in Baden Württemberg aus. So wurden die Insekten nun in der Gemeinde Kämpfelbach im Enzkreis gesichtet, wie der Wissenschaftler Manfred Verhaagh vom Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe der Deutschen Presseagentur (dpa) berichtete. Der Fund wurde auf Anfrage von der Gemeinde nordwestlich von Pforzheim bestätigt. "Wir stehen dazu mit dem Landratsamt im Austausch", sagte der parteilose Bürgermeister Thomas Maag.
Die Ameisenart scheint inzwischen auch im Landkreis Heilbronn angekommen zu sein. Der Obersulmer Diplom-Biologe Dieter Veile hatte dem Landratsamt Heilbronn einen möglichen Fund im Weinsberger Tal gemeldet und als Beleg ein Foto beigefügt. Die Behörde leitete die Nahaufnahme an das Regierungspräsidium Stuttgart (RP) weiter, das für invasive Arten zuständig ist. Das RP betraute über das Umweltministerium Baden-Württemberg den Ameisen-Experten Verhaagh mit der Prüfung. Nach Sichtung der Aufnahme kommt der Wissenschaftler zum Schluss, dass es sich um die Gattung Tapinoma handelt, teilte die Pressestelle des RP auf Stimme-Nachfrage mit.

Ameisen-Experte äußert sich zu möglichem Fund im Raum Heilbronn
Um die Art zweifelsfrei identifizieren zu können, sei allerdings noch eine Frontalansicht des Kopfes notwendig. "Der Fundort und die Expertise des Biologen deuten aber darauf hin, dass es sich vermutlich um Tapinoma magnum handelt", so das RP. Das wäre ein Novum, denn die eingewanderte Art wurde in der Vergangenheit weder in Stadt- und Landkreis Heilbronn noch im Hohenlohekreis gesichert nachgewiesen. Angaben zum genauen Fundort wollte Veile, der beruflich artenschutzrechtliche Gutachten erstellt, nicht sagen.
Die badische Grenzstadt Kehl im Ortenaukreis gilt als ein Hotspot der Ameiseninvasion. Die Stadtverwaltung sperrte bereits einen Kinderspielplatz, da Ameisen die Anlage besiedelten und den Boden unterhöhlten. In den Stadtteilen Marlen und Neumühl wurden sogenannte Superkolonien mit Millionen von Tieren entdeckt. Die schwarzen Insekten drangen bereits in Häuser ein, lösten Ausfälle von Strom und Internet, wie die Stadt berichtet hatte.
Die aus dem Mittelmeerraum stammende Art Tapinoma magnum ist in Baden-Württemberg seit mehreren Jahren an verschiedenen Orten dokumentiert, darunter in Lörrach, Karlsruhe und Heidelberg. Betroffen sind zudem angrenzende Regionen in Rheinland-Pfalz, Hessen und Ostfrankreich.
Ameisen-Experte: Tapinoma magnum im Winter resistent
Der Experte Verhaagh dämpfte Hoffnungen, wonach niedrige Temperaturen im Winter der Ameisenart zusetzen könnten. "Ich halte sie für resistent", sagte er der dpa. Sie seien im Sommer in der Regel nahe an der Oberfläche unterwegs – im Winter könnten sie sich tiefer in den Boden zurückziehen, so der Wissenschaftler.
Das Stuttgarter Umweltministerium ist nach eigenen Angaben im Kontakt mit Wissenschaftlern und anderen Ländern, um Informationen über Vorkommen, Folgen und Wirksamkeit von Bekämpfungsmethoden einzuholen. Wie eine Sprecherin berichtete, haben auch Kommunen in der Schweiz Probleme mit der Ameisenart.
Bekämpfen von großen Ameisenkolonien "extrem schwierig bis unmöglich"
"Die Rückmeldungen haben auch gezeigt, dass es nach bisherigem Kenntnisstand extrem schwierig bis unmöglich ist, große Kolonien wie in Kehl effektiv zu bekämpfen", berichtete die Sprecherin. Es gebe einen dringenden Forschungsbedarf. Außerdem müssten die verschiedenen Akteure vernetzt werden, hieß es mit Blick auf betroffene Gemeinden und Wissenschaftler. Es werde geprüft, wie das Land dabei helfen könne.
Unterdessen versucht die Stadt Kehl die Plage einzudämmen. Die Stadt hat sich ein Gerät zur Bekämpfung der Plagegeister angeschafft, nachdem zuvor regelmäßig ein Schädlingsbekämpfer aus Darmstadt beauftragt worden sei, berichtet Pressesprecherin Annette Lipowsky. Mit dem Gerät werde zum Teil mehrmals wöchentlich kochend heißes Wasser in die Nester eingeleitet. Ob die Maßnahme erfolgreich ist, müsse sich noch zeigen. Die Stadt fühlt sich mit der Ameisenplage alleingelassen und bemängelt das Fehlen einer gemeinsamen und nachhaltigen Strategie zur Bekämpfung. "Jeder geht nach dem Prinzip Trial and Error vor", so Lipowsky.
Wie gefährlich ist die Ameisenart für die heimische Insektenwelt?
Das Umweltministerium hatte bereits im Juli mitgeteilt, dass zurzeit nicht von einer Gefährdung des Ökosystems ausgegangen werde, da die Art innerhalb von Orten auftrete. Damit fehle auch die Grundlage für landesweite naturschutzfachliche Empfehlungen oder Hilfen. An dieser Einschätzung habe sich bisher nichts geändert, sagte die Sprecherin nun. "Ob sich die Art außerhalb von Siedlungen etablieren kann, ist fraglich", fügte sie hinzu.
Laut Regierungspräsidium Stuttgart unterliegt die Art nicht der "Invasive Arten Verordnung der Europäischen Union" (EU-VO 1143/2014). Die Art werde aber vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) als „potentiell invasiv“ eingestuft und auf der Beobachtungsliste der gebietsfremden Arten geführt.
Biologe Dieter Veile glaubt, dass Tapinoma magnum große Schäden im Ökosystem hinterlassen kann. Vor allem für heimische Insekten sieht der 64-Jährige eine Bedrohung, die sogar lokal zum Aussterben einzelner Arten führen könne. Laut dem RP haben Superkolonien einen hohen Nahrungsbedarf, so dass davon auszugehen sei, dass zahlreiche heimische Insektenarten, die ins Beutespektrum fallen, erbeutet werden.
So unterscheidet sich Tapinoma magnum von der Wegameise
Die Ameisen der Art Tapinoma magnum haben einen glänzenden, schwarzen Körper und gelten mit einer Größe von circa 3,5 Millimetern als nicht besonders groß. Besonders auffällig ist, dass sie in großer Anzahl auftreten und die Tiere sich sehr schnell bewegen, erklärt Veile. Das unterscheide die Art neben Details im Körperbau – wie zum Beispiel eine Kerbe an der Vorderseite des Kopfschildes – von der heimischen Wegameise. Eine weitere Eigenschaft der Tapinoma magnum ist der unangenehme Geruch nach ranziger Butter, den das Insekt absondert, wenn es sich bedroht fühlt oder wenn man es zerreibt.
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