Die AfD hat in Spiegelberg (Rems-Murr-Kreis) ein Rekordergebnis im Land eingefahren. Mehr als 30 Prozent wählten die Rechtsaußen-Partei.
Foto: Kümmerle, Jürgen
Wer sich von Löwenstein auf den Weg nach Spiegelberg (Rems-Murr-Kreis) macht, erlebt spätestens in Wüstenrot-Neulautern eine Überraschung. Die Straße ist gesperrt. Hundert Meter hinter der Absperrung haben Bauarbeiter den Asphalt aufgefräst. Autofahrer sind gezwungen, nach der Ortsmitte von Neulautern links abzubiegen. Bei der Bundestagswahl am Sonntag vor einer Woche kreuzten 35,6 Prozent der Spiegelberger, die an der Wahl teilgenommen haben, die AfD an und haben sich, wenn man so möchte, bei ihrer Entscheidung für scharf rechts entschieden.
Damit ist Spiegelberg die Gemeinde in Baden-Württemberg mit den meisten Zweitstimmen für die AfD. Im gesamten Ländle waren es 19,8 Prozent, im Bund 20,8 Prozent.
AfD hat in Spiegelberg bei den letzten Wahlen schon gut abgeschnitten
Höher, schneller, weiter – das ist für Journalisten ein Grund, etwas genauer hinzuschauen. Dass die Öffentlichkeit nun genau das tut, hatte Max Schäfer vorausgesehen. Der 35-Jährige ist im September 2023 zum Bürgermeister von Spiegelberg gewählt worden. Er war dort zuvor Hauptamtsleiter. Bereits bei der Bundestagswahl 2021 hatte die als in Teilen gesichert rechtsextrem geltende AfD mit 19,2 Prozent weit überdurchschnittlich abgeschnitten. Bei der Europawahl legte die Rechtsaußen-Partei noch einmal zu und erreichte 29,7 Prozent. Und Journalisten fragten nach.
Der Ton sei mittlerweile ausgewogen und sachlicher geworden, erklärt Schäfer. Es gehe nicht mehr darum, Menschen in Spiegelberg wüst abzustempeln. Eine Wahl sei für ihn eine höchst persönliche bis fast schon intime Angelegenheit, die jeder mit sich selbst klären müsse. „Mich im Anschluss an einer Gesinnungsjagd zu beteiligen, wäre widersprüchlich, zumal politische Beeinflussung kein Teil meiner Aufgaben hier ist.“ Der parteilose Bürgermeister sei neutral und für jeden Bürger gleichermaßen da.
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Spiegelberger Bürgermeister: AfD-Wähler unzufrieden mit Leistung der Bundesregierung
Schäfer sieht überwiegend die Leistung der Bundesregierung für die hohe Zustimmung der AfD in Spiegelberg verantwortlich. „Viele Entscheidungen waren eher nicht mehrheitsfähig und fanden nur innerhalb kleiner Kasten Zustimmung.“ Dazu zählt für ihn das missglückte Heizungsgesetz, die Legalisierung von Drogen, die ständige Geschlechterdebatten oder die fortlaufende Erhöhung der CO2-Besteuerung.
„Die Verbrüderung mit Klimaklebern bei gleichzeitiger Verunglimpfung von Bauernprotesten waren einfach Sachen, mit denen die Regierung nicht nur nicht punkten konnte, sondern eher viele Menschen verärgert hat.“ Dies habe sich vor allem auf die ländliche Bevölkerung niedergeschlagen. „Was wir hier gebraucht hätten, wäre eine Vereinfachung des Bauplanungsrechtes, um Flächen für Wohnbebauung ausweisen zu können.“
Ukrainerin in Spiegelberg: „Ich habe hier noch keine bösen Leute gesehen.“
Letzteres mag man sich bei der Fahrt rund um Spiegelberg kaum vorstellen. Die Landschaft ist wie gemalt. Von Löwenstein kommend plätschert der Silberbach neben der sich schlängelnden Straße und mündet in Spiegelberg in die Lauter. Mehr Idylle geht kaum. Ihr ist offenbar auch Julia Matveyeva verfallen. Die promovierte Kunsthistorikerin stellt im eher schmucklosen Rathaus aus. Bilder der bezaubernden Landschaft zu jeder Jahreszeit rund um das Lautertal schmücken das Treppenhaus bis hoch ins Büro von Schäfer.
Die 51-Jährige ist aus Charkiw geflüchtet. Das ist die Stadt, in der Kinder während der Bombardierung durch die russische Armee in U-Bahn-Schächten unterrichtet wurden. Matveyeva lebt seit Ende 2022 in Spiegelberg. Wählen darf sie als Ukrainerin nicht. Aber natürlich weiß sie um das Ergebnis. Ihre Freunde hier seien nicht radikal. „Ich habe hier noch keine bösen Leute gesehen.“ Sie sei auch nie angefeindet worden. Das Wahlergebnis? „Ich kann es nicht erklären. Ich kenne solche Leute nicht.“
AfD-Hochburgen
In Künzelsaus Stadtteil Taläcker entschieden sich 64 Prozent der Wähler für die Rechtsaußen-Partei. Dort leben etwa 3500 Menschen. Im Plattenwald in Bad Friedrichshall, mit seinen etwa 3000 Einwohnern, erzielte die AfD 59 Prozent, in Neckarsulm-Amorbach (6100 Einwohner) erreicht die Partei etwa 50 Prozent. Überall dort leben Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die mehrheitlich den Inhalten der AfD zugetan sind.
In Spiegelberg leben etwa 2200 Einwohner. Die AfD erzielte dort 35,6 Prozent. Glatte 30 Prozent erreichte sie in Wüstenrot mit seinen 6800 Einwohnern.
Spiegelberger Hobbyhistoriker: Weder größere Flüchtlingsunterkunft noch hohe Arbeitslosigkeit
Kurz vor dem Ausgang des Rathauses hängen zwei Porträts, die Matveyeva gezeichnet hat. Eins ist von Schäfer, das andere von Manfred Schaible. Matveyeva sagt, er sei so etwas wie der inoffizielle Bürgermeister. Dabei lächelt sie. Schaible, der schräg gegenüber des Rathauses in einem der ältesten Häuser Spiegelbergs lebt, lacht auch, als er das kurze Zeit danach hört. Stimmt ja auch fast. Er war etwa zehn Jahre stellvertretender Bürgermeister und gut 25 Jahre im Gemeinderat.
Der Hobbyhistoriker ist ein Quell an Informationen rund um das alte und neue Spiegelberg. Der pensionierte Gymnasiallehrer unterrichte viele Jahre in Ägypten, spricht arabisch. „Wir haben hier weder eine größere Flüchtlingsunterkunft, noch eine hohe Arbeitslosigkeit“, sagt der 76-Jährige, als man ihn nach einer Erklärung für das AfD-Abschneiden fragt. Man habe in Spiegelberg auch keine größeren Probleme. Es gebe keine feindseligen Einstellungen, die Menschen seien in Vereinen engagiert. Man habe hier gemeinsame Aufgaben, die man auch gemeinsam löse. „Es geht um den Klassenerhalt auf niedrigstem Niveau.“
SPD-Wähler aus Spiegelberg: Fehler sind in Berlin gemacht worden
Vielleicht nutzt es etwas, wenn man sich Spiegelberg von oben anschaut. Auf dem 553 Meter hohen Juxkopf steht der Juxkopfturm. Die Aussicht wunderbar. Im Dorf Jux erhielt die AfD 41,4 Prozent. Ein älterer Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, werkelt in seiner Garage. „Viele Bürger sind unzufrieden mit Berlin. Die haben Menschen auf dem Land vergessen.“ Er sei zeitlebens SPD-Wähler. Das 49-Euro-Ticket zum Beispiel. „Wenn hier die Schüler mit dem Bus abgeholt werden müssen, zahlen die Eltern ein halbes Vermögen.“ Oder die hohen Stromkosten. Er zeigt auf seine Photovoltaikanlage. „Wenn ich einspeise, bekomme ich neun Cent.“ Das Volk sei einfach unzufrieden, erklärt er.
Auf die Menschen in Spiegelberg lässt auch er nichts kommen. „Die Gemeinde funktioniert, wir haben keine Probleme.“
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