Das höchste Hochhaus aus Holz: Von außen sieht man's kaum
Deutschlands höchstes Holzhochhaus steht im Heilbronner Neckarbogen auf dem Gelände der Bundesgartenschau. Viele, die das Gebäude sehen, wundern sich: Hölzern sieht das Gebäude "Skaio" nicht gerade aus. Wo also ist das ganze Holz versteckt?

Das soll ein Holzhaus sein? Es ist eine der häufigsten Fragen, die die Betrachter stellen, wenn sie vor dem Skaio der Stadtsiedlung im Neckarbogen stehen. Viele haben vom derzeit höchsten Holzhaus in Deutschland gehört und sind zunächst einmal verwundert, wenn sie über die Bleichinselbrücke aufs Buga-Gelände kommen und nach einem Holzgebäude Ausschau halten. Blitzblank glänzt die Alufassade in der Morgensonne. Von dem natürlichen Baustoff ist erstmal nicht viel zu erkennen.
Stahlbeton fürs Treppenhaus
Und dennoch ist der Holz-Anteil bei Skaio beachtlich. In der Fachsprache sind es Hybrid-Gebäude, wenn mehr als ein Werkstoff zum Einsatz kommt. Auf Stahlbeton kann man beim Holzhochhaus noch nicht ganz verzichten. Daraus wurde der Kern gebaut, das Treppenhaus. Der Stahlbeton-Turm für Aufzug und Treppen wurde als erstes fertiggestellt. Zudem gibt es in jedem Geschoss einen Rahmen aus Stahl, auf dem die Holzwände aufliegen. Alle anderen, auch tragende Teile sind aus Holz. Für die Decken und nicht tragenden Wände wurde Brettsperrholz verwendet, für die Stützen und die tragenden Außenwände das stabilere Brettschichtholz.
Aluminium für die Fassade
Holz dominiert also. Bis auf die Fassade. Der wichtigste Grund für das Aluminium ist der Brandschutz: In Hochhäusern müssen Fassaden aus nichtbrennbaren Materialien bestehen, um einen Brandüberschlag von Stockwerk zu Stockwerk zu verhindern. Das Genehmigungsverfahren fiel zeitlich mit dem verheerenden Hochhausbrand von London im Juni 2017 zusammen, bei dem zirka 80 Bewohner ums Leben kamen. Die Fassadenverkleidung war aufgrund von Mängeln in Brand geraten, ein brennender Kühlschrank entwickelte sich zum Großbrand.
Brandschutz und Wasser
Eine wichtige Rolle im Brandschutzkonzept von Skaio spielt die Hochdruck-Wassernebelanlage. In den Wohnungen ragen kleine Sprinkler aus der Decke. Im Falle eines Brandes wird Wassernebel mit Hochdruck verteilt, nur geringste Wassermengen werden benötigt. Der Sauerstoff wird dadurch verdrängt und das Feuer erstickt.
Der Projektentwickler der Stadtsiedlung, Wolf-Dieter Sprenger, sieht noch einen weiteren, guten Grund, der für die blanke Aluminiumfassade spricht: Das Material ist pflegeleicht und witterungsbeständig. Holz sichtbar zu lassen, würde kaum Kosten sparen.
Wie es sich dort wohnt
Wie wohnt es sich nun in einem reinen Holzgebäude? Der wahre Charakter von Skaio offenbart sich erst im Inneren. Der Kontrast ist groß, wenn man vom Beton-Treppenhaus in die Wohnungen kommt. Sichtbar ist das sägeraue, helle Nadelholz an Decken und Außenwänden - und spürbar ist das Material beim Wohnklima. Auch Dämmung und Schallschutz funktionieren. Selbst bei großer Sommerhitze bleibt es im Innern kühl, vom Lärm der Nachbarn ist wenig zu hören.
Weiter Holzgebäude in Heilbronn geplant
Für die Stadtsiedlung ist Skaio ein Pionierprojekt. Wie sieht die kommunale Wohnbautochter die Chancen für weitere Holzbauten im Mehrfamilienhausbereich für künftige Projekte in- und außerhalb des Neckarbogens? Auf alle Fälle "steigend", sagt Geschäftsführer Dominik Buchta. "Mit Skaio haben wir gezeigt, dass es geht." Holz sei auch ein High-Tech-Material, immer mehr Holzbauunternehmen würden die Holz-Hybrid-Bauweise anbieten. Buchta ist überzeugt, dass zukünftig in vielen Bereichen Holz zum Einsatz kommen wird, "bei denen, wir aktuell noch auf Stahlbeton zurückgreifen müssen", etwa aus Brandschutz-Gründen.
Ganz konkret hat die Stadtsiedlung in Heilbronn weitere Holz-Hybrid-Häuser in Planung: Die Riegelhäuser im neuen Wohngebiet Nonnenbuckel etwa sollen mit Decken aus Stahlbeton und mit Fassaden als Holzkonstruktion errichtet werden.
Die Frage nach den Kosten ist nach Einschätzung des Stadtsiedlungsgeschäftsführers nur schwer zu konkretisieren. Marktanalysen dazu gebe es nicht, und "kein Haus wird zwei Mal unter den gleichen Bedingungen, einmal als Holzbau, einmal als konventionelles Gebäude, geplant und errichtet". Laut Bauexperten rechnet Buchta damit, dass Holzbau rund fünf bis zehn Prozent teurer ist.
Holzbauoffensive im Land
Rückenwind für den Holzbau kommt auch aus dem Land, das eine Holzbauoffensive gestartet hat. Auch wurde die Landesbauordnung jüngst novelliert, wonach es Erleichterung gibt für die Verwendung von Holz für tragende und raumabschließende Bauteile.
Dass Holzbau eine Renaissance erlebt und als moderner Baustoff in den Mittelpunkt rückt, liegt vor allem an der ökologischen Bedeutung. Jeder Kubikmeter Holz entzieht der Atmosphäre eine Tonne des klimaschädlichen CO2. "Desto mehr Holz wir beim Bauen verwenden, desto mehr CO2 wird gebunden", sagt Ministerialrat Martin Rist vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium bei einer Holzbau-Ausstellung auf der Bundesgartenschau. Dort wurden erstaunliche Beispiele für nachhaltige Holzarchitektur aus dem Alpenraum präsentiert. Einen neuen Höhenrekord stellt derzeit Wien auf: Für das 24 Stockwerke hohe Gebäude "HoHo" werden 4500 Kubikmeter Fichtenholz verbaut.
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Holzbau im Neckarbogen
Neben Skaio hat das Berliner Architekturbüro Kaden und Lager auch das Gebäude J 6 erbaut, in dem ebenfalls überwiegend Holz auch für die konstruktiven Teile verwendet wurde. Von außen ist das fünfgeschossige Mehrfamilienhaus weiß verputzt. In der Stadtausstellung im Neckarbogen gibt es bei der Hälfte der 22 Gebäude Elemente aus Holz. Eine ganze Reihe sind Holz-Hybrid-Konstruktionen. Auch das Kinderhaus im Baufeld H (Gebäude H6), ebenfalls von der Stadtsiedlung als Bauherrin geplant, hat einen hohen Anteil an Holz. Bei den Fassaden wurde ebenfalls Holz als Werkstoff genutzt, etwa bei dem mit Schindeln verkleideten Haus von Fink und Jocher im mittleren Baufeld (Gebäude I 7). Erst wenn die Hochhausgrenze überschritten ist, gelten strengere Vorschriften.
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