Deutschland: (K)ein Land der Biertrinker
Jeder Deutsche mag Bier. Diese oft vertretene Ansicht hat Schwächen, denn der Bierkonsum fällt in Deutschland regional sehr verschieden aus. Schuld ist ein Getränk, das in der Region ziemlich wichtig ist.

Deutschland, Land der Biertrinker. In Europa trinken nur die Tschechen im Durchschnitt mehr Gerstensaft, die Österreicher liegen mit den Deutschen etwa gleichauf. Doch das Bild eines homogen bierseligen Deutschland bröckelt, wenn der Blick auf einzelne Regionen fällt.
Zumindest legt das der Bieratlas des Marktforschungsinstituts Nielsen nahe. Demnach kommen die Hamburger "nur" auf 35 Liter pro Kopf im Jahr, die Chemnitzer hingegen auf 132 Liter. Überhaupt scheinen Ostdeutsche häufiger zum Bier zu greifen. Im Bereich des Regierungspräsidiums Stuttgart, zu dem Heilbronn und Hohenlohe gehören, sind es 55 Liter. Wie kommt es zu den Unterschieden? Und wie aussagekräftig ist das Ganze?
Der Rebensaft als Konkurrenz
"Gerade in der Heilbronner Gegend spielt natürlich der Wein mit rein, es gibt eine klare Linie zwischen Bier- und Weintrinkern", sagt Thomas Wachno, Braumeister bei Häffner Bräu in Bad Rappenau. Auch Peter Theilacker, Geschäftsführer von Haller Löwenbräu, sagt: "In anderen Regionen Deutschlands ist der Weinanteil auf den Getränkekarten in der Gastronomie überschaubar." Hier nicht. Selbst vom baden-württembergischen Brauerbund heißt es: "Baden-Württemberg ist schon von je her eine starkes Weinland." Sind die Unterschiede also mit der Konkurrenz zum Wein zu begründen?
Zum Teil sicherlich. Denn eine Studie des Max-Rubner-Instituts (MRI), das sich mit Ernährungsfragen befasst, aus dem Jahr 2008 zeigt, dass Männer in den Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hamburg am liebsten zum Wein greifen - gerade diese Länder sind es, die beim Bierkonsum laut MRI auf hinteren Plätzen liegen. Bei Frauen sind die Unterschiede geringer.
Unterschiedliche Ausgangswerte
Trotz dieser Erkenntnisse ist man beim Deutschen Brauerbund aber skeptisch, was Markterhebungen angeht. Gerade beim Bieratlas. Das liegt vor allem an den Daten, die jeweils zugrunde liegen. Nehmen wir den Pro-Kopf-Bierverbrauch im Jahr 2016. Der Brauerbund geht von 104 Litern aus, der Bieratlas von 74 Litern. Der Unterschied kommt durch die Art der Erhebung zustande.
Der Brauerbund bezieht sich beim Verbrauch an alkoholhaltigem Bier auf das Statistische Bundesamt. Jenes ermittelt diese Menge über die vom Zoll erhobene Biersteuer, die jede Brauerei für alkoholhaltiges Bier zu entrichten hat. Der Brauerbund addiert dazu die Menge an alkoholfreiem Bier, die er durch eigene Erhebungen erhält. Beides ergibt den Gesamtverbrauch in Deutschland, der durch die aktuelle Bevölkerungszahl geteilt wird. Herauskommen die rund 104 Liter Bier.
Gastronomie fehlt im Bieratlas
Die Bieratlas-Hersteller Nielsen bezieht sich hingegen auf Daten, die aus Super- und Getränkemärkten stammen - mit alkoholfreiem Bier, aber ohne die Daten von Lidl, Aldi und Norma. Das Bier, das Menschen in der Gastronomie trinken, ist gar nicht berücksichtigt. Nielsen weist selbst auf diesen Fakt hin. So erklärt sich schon einmal der niedrigere Durchschnittswert.
Gerade wegen dieser Lücke hält der Brauerbund weitreichende Aussagen für nicht zulässig - auch was regionale Unterschiede betrifft: "Eine valide Zusammenstellung der gesamtdeutschen Gastronomie-Absätze ist unseres Wissens nach schwer möglich und für einzelne Regionen nahezu unmöglich." Das bedeutet: Es könnte sein, dass Bundesländer mit ausgewiesener Kneipenkultur im Bieratlas unterrepräsentiert sind. Der Brauerbund schreibt weiter: "Es liegen für uns keine belastbaren Tatsachen vor, welche die Aussage stützen, dass in Baden-Württemberg unterdurchschnittlich Bier getrunken wird." Eben weil beim Bieratlas keine amtliche Statistik zugrunde liegt und es die Gastro-Lücke gibt.
Koexistenz von Wengertern und Brauern
Auch wenn Nielsen auf Nachfrage keine Interpretation der örtlichen Besonderheiten abgibt: Dass es regionale Unterschiede beim Konsum gibt, ist trotz der Schwierigkeiten mit der Datengrundlage plausibel. Allein schon wegen der Weinliebhaber. Für die hiesigen Brauer ist das aber kein Problem. "Wir stehen in guter Koexistenz mit den Winzern. Süddeutschland ist eben eine Genießerregion", sagt Peter Theilacker. Sowohl beim einen, als auch beim anderen.
Und am Rande betrachtet: Sollte im Südwesten tatsächlich weniger konsumiert werden, so heißt das nicht, das Gerstensaft von hier nicht beliebt wäre. "Bier ist längst ein Produkt, das durch das ganze Land geschippert wird", sagt Thomas Wachno. Der Braumeister muss es wissen. Das von ihm entwickelte Hopfenstopfer sorgt schließlich bundesweit für Genuss.
Ernährungsstudie
Bei der oben erwähnten Nationalen Verzehrstudie des Max-Rubner-Institutszeigen sich neben der regionalen Zugehörigkeit weitere Unterschiede im Bierkonsum - zum Beispiel beim Geschlecht: Männer trinken im Schnitt deutlich mehr Bier als Frauen. Das verwundert kaum. Beim Alter sind es die Jüngeren, die eher zu Pils, Weizen und Co. greifen. In Sachen soziale Schicht ist es so, dass Männer aus unteren Schichten mehr Bier trinken - bei Wein und Sekt ist es die Oberschicht. Diese Ergebnisse stammen von einer Studie aus 2008, 2019 beginnen beim MRI Befragungen für eine neue.
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