Rainer Dulger - Der neue Arbeitgeberpräsident mag klare Worte
Von Heidelberg nach Berlin: Der 56-jährige Unternehmer Rainer Dulger ist zum neuen Arbeitgeberpräsidenten gewählt worden. Seine Firma „ProMinent” ist als Pumpenhersteller Weltmarktführer. Nun will er dafür sorgen, dass die richtigen Weichen gestellt werden, damit Deutschland wettbewerbsfähig bleibt.

Rainer Dulger ist ein Mann, der die Lufthoheit schätzt. Als begeisterter Hubschrauberpilot, als Unternehmer, als Verbandschef: Da, wo der heute 56-Jährige in seinem bisherigen Leben unterwegs war, ist oben. Der Unternehmer führt mit seinem Bruder Andreas den Heidelberger Pumpenhersteller ProMinent. 2700 Mitarbeiter auf allen Kontinenten. Ein Weltmarktführer auf dem Gebiet der Dosiertechnik und Wasseraufbereitung, gegründet 1960 von Vater Viktor.
Nun ist Sohn Rainer mit großer Mehrheit zum neuen Arbeitgeberpräsidenten gewählt worden. Die Mitgliederversammlung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) wählte ihn in Berlin für eine zweijährige Amtszeit ohne Gegenstimmen. Rainer Dulger folgt auf Ingo Kramer, der das Amt seit November 2013 innehatte.
Er muss nicht am Zaun des Kanzleramt rütteln, um eingelassen zu werden
Es ist das wohl höchste Amt, dass die deutsche Wirtschaft in Berlin zu vergeben hat. Wer BDA-Präsident ist, muss nicht am Zaun des Kanzleramtes rütteln, so wie es vom jungen Gerhard Schröder („Ich will da rein!”) erzählt wird. Dulger stehen alle Türen offen. Bekannte Amtsinhaber wie die Unternehmer Dieter Hundt aus Esslingen oder der Dortmunder Klaus Murmann haben als BDA-Präsidenten das Land mit geprägt. Zugleich liegt auf ihrer Ära der Hauch jener Bundesrepublik, wie wir sie noch Anfang dieses Jahrtausends mit Macht assoziiert haben: Herren in fein möblierten Hinterzimmern, bei einem guten Tropfen Rotwein über Gott und die Welt und das Bruttosozialprodukt redend.
Mit Rainer Dulger zieht nun die Generation der Babyboomer in die Machtzentrale im Haus der Deutschen Wirtschaft an der Spree ein. Im persönlichen Gespräch vermittelt der Heidelberger eine Dynamik und Klarheit, die man von einem erfolgreichen Unternehmer und Verbandschef erwartet. Er spricht schnell und präzise auf den Punkt. Kein Wenn und Aber. Dieser Mann hat eine klare Haltung, und er teilt sie unmissverständlich mit.
Durchsetzungsstark und zugleich fähig zum Dialog
Rainer Dulger folgt also auf den Bremerhavener Ingo Kramer (67), der im Arbeitgeberlager geschätzt wurde, dessen öffentliches Auftreten aber eher hanseatisch-zurückhaltend, fast defensiv war. Zurückhaltung sollte man von Dulger nach den Erfahrungen aus seinen bisherigen Ämtern - zuletzt als Präsident vom Gesamtmetall und Präsident des baden-württembergischen Arbeitgeberverbandes - nicht erwarten. Er ist durchsetzungsstark und zugleich fähig zum Dialog.
„Ich möchte das fortführen, was mein Amtsvorgänger Ingo Kramer begonnen hat”, sagt Dulger mit Blick auf große Herausforderungen der Zukunft. „Wir müssen uns ständig neu aufstellen, nichts ist so beständig wie der Wandel. Beständig sind aber unsere Grundwerte, sie ändern sich nicht: Eigenverantwortung, Wettbewerb, unternehmerische Freiheit, ein durchlässiger Arbeitsmarkt für gute Ein- und Aufstiege, flexibles Arbeiten und ausgezeichnete Bildungsgrundlagen.”
„Gehen Sie doch damit lieber zur Spielwarenmesse nach Nürnberg.”
Wer sich dem Charakter Rainer Dulger nähern möchte, der sollte den Gründungsmythos der Firma kennen. Viktor Dulger, der 2016 verstorbene Vater, schuf die Firma 1960. Damals konstruierte er eine vergleichsweise einfache Pumpe, die weltweit erste elektronische Magnetdosierpumpe. Sie war in der Lage, kleinste Flüssigkeitsmengen für die Chemie- oder Getränkeindustrie zu dosieren. Dulgers Pumpe kostete statt 5000 nur 250 Mark und leistete 50 Mal mehr als Konkurrenzmodelle, heißt es in den Firmenchroniken.
Als er aber seine Erfindung auf der Hannover Messe dem Chef eines großen Maschinenbauunternehmens vorstellte, sagte der: „Gehen Sie doch damit lieber zur Spielwarenmesse nach Nürnberg.” Spott, verletzter Stolz - das spornt an. Dulger ließ Nürnberg links liegen. Der empörte Jungunternehmer gründete seine eigene Firma, seine Pumpe sollte alsbald berühmt werden - der Firmenname „ProMinent” steht für den Anspruch, die Nummer Eins zu sein.
Rainer Dulger: Warum möchtest du nicht als erfolgreicher Unternehmer die Arbeitsplätze von morgen schaffen?
Viktor Dulger war erst 25 Jahre jung, als er seine Erfindung patentieren ließ. Junge Menschen fürs Unternehmertum begeistern. Das wird ein großes Thema auf der Agenda des neuen Arbeitgeberpräsidenten sein, der in Ingenieurwissenschaften promovierte und einige Zeit bei Audi in Ingolstadt tätig war. Oft spreche er mit jungen Menschen, sagt Rainer Dulger. Er frage dann oft: „Warum möchtest du nicht eine eigene Firma gründen, dein eigener Herr sein, und als erfolgreicher Unternehmer die Arbeitsplätze von morgen schaffen?” Im Gespräch mit unserer Redaktion betont er: „Ich werde mich als Arbeitgeberpräsident dafür einsetzen, dass man an Schulen und Universitäten auch wieder über das Berufsziel Unternehmer spricht. Das kommt heute viel zu kurz.” Der Heidelberger schildert zudem eine Beobachtung aus der nahen Vergangenheit: „Junge Menschen, die zu uns zugewandert sind, sind übrigens erfreulich gründerfreudig.”
Dulger, verheiratet und Vater von zwei Söhnen, wird nun noch häufiger als bisher in Berlin sein, aber das gehöre dazu, wenn „man mit Politik und Gewerkschaften in Dialog” sein wolle.
DGB-Chef Hoffmann: „Dulger kann durchaus ein harter Knochen sein.”
Auf den Dialog mit Dulger ist der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann schon gespannt. Hoffmann kennt Dulger gut, er beschreibt ihn so: „Herr Dulger ist ein erfahrener Tarifpolitiker und kann als Sozialpartner durchaus ein harter Knochen sein.” Der Gewerkschafter Hoffmann sagt weiter über den Industriellen: „Persönlich habe ich ihn als einen aufmerksamen Gesprächspartner kennengelernt, der klare Worte nicht scheut. Auch in kontroversen Auseinandersetzungen ist er ergebnisorientiert und hat dabei einen fairen Interessenausgleich im Blick. Diese Fähigkeit und Bereitschaft zum Interessenausgleich wird er in seinem neuen Amt als BDA-Präsident verstärkt brauchen.”
2021 wird ganz sicher ein Jahr der Interessenausgleiche. Die Corona-Krise ist vor allem ein gewaltiger finanzieller Kraftakt für das Gemeinwesen. Der Staat, der lange die Schwarze Null wie eine Monstranz vor sich hertrug, könnte an die Grenzen seiner Belastungsfähigkeit gelangen. Gewerkschaftschef Hoffmann formuliert seine Botschaft an Dulger: „Gerade in Zeiten eines rasanten Strukturwandels, getrieben durch Globalisierung, Digitalisierung und die Dekarbonisierung unserer Wirtschaft, brauchen wir eine belastbare Sozialpartnerschaft, bei der trotz unterschiedlicher Interessen das Gemeinwohl im Mittelpunkt steht. Dafür müssen Gewerkschaften und Arbeitgeber sich gemeinsam für eine Stärkung der Tarifbindung einsetzen. In diesem Sinne erwarte ich auch zukünftig eine konstruktive Zusammenarbeit mit Herrn Dulger und bin zuversichtlich, dass er genau dafür steht.“
Klare Position beim Thema Tarifbindung
Beim Thema Tarifbindung hatte Dulger 2019 als Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall eine klare Position vertreten - der IG Metall warf er damals vor, sie überfordere vor allem die tarifgebundenen Unternehmen. In der wichtigsten Branche der deutschen Wirtschaft gebe es Klagen, dass die IG Metall viele Betriebe mit zu hohen Löhnen und zu viel Freizeit zu sehr belaste, so Dulger damals. „Wenn alle Unternehmen die Tarifbindung verlassen, kann die Gewerkschaft zusehen, wie sie sich im Häuserkampf durchschlägt“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Eine seiner jüngsten, deutlichen Ansagen lautete: „Für weniger Arbeit kann es nicht mehr Geld geben” - so kommentierte er den Vorschlag der IG Metall, bei schlechter Auslastung eine Viertagewoche mit Teillohnausgleich einzuführen.
Heute beschreibt Dulger die Herausforderungen der Zukunft in Worten, die denen von DGB-Chef Hoffmann sehr ähneln: Die großen Aufgaben würden unabhängig von Corona und den wichtigen sozialpolitischen Standortfaktoren bleiben: Dulger nennt den technologischen Wandel - Digitalisierung, insbesondere Ki - Künstliche Intelligenz, Dekarbonisierung, ein Mehr an Ökologie in der Volkswirtschaft. Er wirbt insgesamt für Technologieoffenheit. Hoffmann und Dulger nennen also beide Dekarbonisierung und Digitalisierung und bauen so eine thematische Brücke zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. In Dulgers Worten klingt unterschwellig die schwarz-grüne Regierungsoption mit, wenn er vom ökologischen Volkswirtschaften spricht.
Der Hohenloher CDU-Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten, Vorsitzender des Parlamentskreises Mittelstand (PKM), erhofft sich jedenfalls vom neuen Arbeitgeberpräsidenten einen energischen Einsatz für Bürokratieabbau. Von Stetten: „Die Eingaben der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände während der Corona-Pandemie haben mich enttäuscht. Es wäre jetzt der richtige Zeitpunkt gewesen, Innovationen und einen umfänglichen Bürokratieabbau von der Politik einzufordern, damit unternehmerisches Handeln insgesamt entlastet wird.” Stattdessen habe sich die Führung des BDA „mit einer komplett von der Allgemeinheit finanzierten Verlängerung des Kurzarbeitergeldes bis Ende 2021 zufrieden gegeben, damit seine Hauptbeitragszahler aus der Automobilindustrie ihre Personalprobleme auf die Allgemeinheit abwälzen können. Ich erwarte von der neuen Verbandsführung jetzt zukunftsfähigere Vorschläge“.
Dulger kann auch Diplomatie
Hohe Erwartungen also an den neuen Arbeitgeberpräsidenten. Und Dulger kann Diplomatie. Auch wenn seine 2019 geäußerte Kritik an Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) - er nannte ihn eine „Fehlbesetzung” im Amt - lange nachhallte. In einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen” sagte er im Mai diesen Jahres, Altmaier habe an Statur gewonnen. Er habe wie die Regierung Profil in der Corona-Krise gezeigt. Auch für Kanzlerin Angela Merkel fand Dulger lobende Worte: „Wir können auch stolz auf unsere Kanzlerin sein. Ich fühlte mich in den letzten Wochen gut und vernünftig regiert.” Sein Eindruck hat sich offenkundig verfestigt, jetzt, im November, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion: „Wir haben in dieser Krise viel richtig gemacht - das muss man mal klar sagen. Freunde im Ausland sagen mir, dass sie mich um unsere Corona-Entscheidungen beneiden.” Es gebe umfangreiche Hilfsprogramme, und auch die Arbeitgeber seien gehört worden.
Aber: „Dass wir, wenn die Krise mal vorüber ist, dann die Strukturfragen des technologischen und demographischen Wandels angehen müssen, steht für mich außer Zweifel.” Diese Strukturprobleme seien möglicherweise tiefgreifender als die aktuellen Veränderungen durch die Coronakrise. „Ich hoffe, dass man uns dann genauso hört wie in dieser Krise.” Die Bewältigung der Corona-Pandemie sei eine immense Herausforderung, urteilt Dulger. Man habe zwar lange eine boomende Konjunktur erlebt, doch 2019 sei schon ein Rezessionsjahr gewesen. Corona kam dann hinzu. Zu einem Corona-Soli, den diese Woche SPD-Politiker ins Spiel gebracht haben, sagt Dulger: „Steuererhöhungen wären das Verkehrteste , was wir jetzt machen können. Sie wären ein vollkommen falsches Signal. Es braucht ein Belastungsmoratorium.” Eine vorübergehende höhere Neuverschuldung aufgrund der Krisen-Umstände sei hingegen „völlig in Ordnung, wenn denn dann nach der Krise wieder der Bundeshaushalt in Ordnung gebracht wird”.
Zeitweise bei Audi in Ingolstadt tätig
Der Heidelberger, der in Ingenieurwissenschaften promovierte und zeitweise bei Audi in Ingolstadt tätig war, setzt zudem eine Rote Linie: „Die 40-Prozent-Grenze bei den Lohnnebenkosten ist auch zugleich die Schmerzgrenze, sie sollten wir nicht überschreiten.” Eine bloße „Absichtserklärung der Politik bis Ende der Legislaturperiode” reiche ihm nicht. „Die 40-Prozent-Grenze bei den Lohnnebenkosten sollte in Form eines Gesetzes in Verfassungsrang festgeschrieben werden.”
„Wir müssen künftig länger arbeiten, keine Frage.”
Auch die Sozialgesetzgebung stehe vor einem Wandel, dem demographischen, eine weitere Herausforderung der Zukunft. Für Dulger ist klar: Mathematisch kann das Rentensystem nicht mehr funktionieren, so wie es jetzt angelegt ist.
„Wir müssen künftig länger arbeiten müssen, keine Frage”, sagt er mit Blick auf die Lebensarbeitszeit. Es sei aber noch zu früh, um Zahlen in den Raum zu stellen.
„Aber wir wissen, dass das Rentensystem so nicht mehr zu tragen ist, denn wenn die 60er-Geburtsjahrgänge in Rente gehen, dann gibt es mehr Leistungsempfänger als Einzahler. Und ich möchte sehr gerne, dass auch meine Kinder noch eine auskömmliche Rente haben.” Er mahnt: „Diesen Dialog müssen wir ernsthaft führen.”
Politik und Arbeitgeber müssten den Fokus auf die Wettbewerbsfähigkeit richten, damit Technologien der Zukunft in Fabriken hierzulande entstehen.
„Jede Krise hat Veränderungen zur Folge. Wir werden mehr digital Arbeiten. Vielleicht auch weniger Reisen.” Dulger betont im Gespräch, wie wichtig ihm der persönliche Kontakt ist, der Austausch, das direkte In-die-Augen-schauen.
„Fliegen ist Freiheit.”
Seine Erfahrungen, die er als Unternehmer in das neue Amt einbringen kann, haben viel mit Reisen zu tun. „Wenn man von längeren Auslandsaufenthalten zurückkommt, sieht man, was wir hier gut machen, und was wir vielleicht besser machen können – und da sehe ich auch einen Teil meiner Aufgabe, das zu vermitteln.”
Er hat früh den Traum gehabt, selbst fliegen zu wollen, und meldete sich 1993 in einer Hubschrauberpilotenschule nahe Heidelberg an. „Fliegen ist Freiheit” sagt er. Und lächelt.
BDA
Bekannte Amtsinhaber wie die Unternehmer Dieter Hundt aus Esslingen oder der Dortmunder Klaus Murmann haben als BDA-Präsidenten die Wirtschaft in Deutschland mit geprägt. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände ist der einzige Spitzenverband in Deutschland, der die gesamte Wirtschaft vertritt - von Industrie, Handel, Handwerk, über Dienstleistungen und Chemie. Von 1951 bis 1999 war der BDA-Sitz in Köln, seither befindet er sich in Berlin. Weitere bekannte ehemalige Arbeitgeberpräsidenten sind neben Dieter Hundt und Klaus Murmann Otto A. Friedrich, der 1977 von der RAF ermordete Hanns Martin Schleyer, Otto Esser und Ingo Kramer.

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