Mehr Power für die Wirtschaft: Mit vereinfachten Steuergesetzen und einem interaktiven Assistenzprogramm soll dem Aktionsplan nach der Bürokratie- und Beratungsaufwand für Unternehmen minimiert werden. „Unser hochkomplexes Steuerrecht bremst die deutsche Wirtschaft aus“, sagt Florian Köbler. Auch Kommunen sollen in Sachen Gewerbesteuer dem Plan nach künftig entlastet werden. Die Einnahmeverwaltung soll künftig das Finanzamt übernehmen.
Müssen Millionen Arbeitnehmer und Rentner bald keine Steuererklärung mehr abgeben?
Florian Köbler will das deutsche Steuerrecht revolutionieren. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft hat dafür einen Aktionsplan vorgelegt und stößt in der Politik auf offene Ohren.
Für viele Bürger ist die jährliche Steuererklärung nicht nur lästig, sondern zu kompliziert. Und auch in den Finanzämtern bindet deren Bearbeitung zu viele Ressourcen. Mit einer Revolution des Steuerrechts will Florian Köbler das Problem lösen. Gelingt das, dürfte der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft (DSTG) Millionen Menschen glücklich machen - und den Staat reicher.
„Wir müssen den Großteil der Bevölkerung entlasten, überhaupt noch eine Steuererklärung abzugeben“, erklärt Florian Köbler bei einem Gespräch mit der Heilbronner Stimme. Mit einem fünf Punkte umfassenden Aktionsplan soll die angestrebte Transformation gelingen. Die Bundespolitik habe dieses Thema auf der Agenda, sagt Köbler. Als Mitglied einer Expertenkommission hat der Finanzwirt die Regierung unabhängig beraten.
Steuererklärung in Deutschland: In der Finanzverwaltung bricht bis 2030 ein Drittel des Personals weg
Aus Gesprächen mit Bundesfinanzminister, Finanzministern der Länder und anderen Politikern weiß der gebürtige Bayer: „Es ist parteiübergreifend die Erkenntnis gereift, dass es wirklich zu einer drastischen Änderung der Komplexität des Steuerrechts kommen muss.“ Sonst drohten die Probleme im Land aus dem Ruder zu laufen. Aus Sicht der Steuerverwaltung ist der demografische Wandel das Mammutthema.
Bis zum Jahr 2030 - also bereits in fünf Jahren - bricht ein Drittel des Personals weg. Schon jetzt könnten Stellen nicht mehr besetzt werden. „Und ab 2030 wird es noch schlimmer“, sagt der Experte. Zumal die Situation bei den Steuerberatern noch gravierender sei. Über 30 Prozent seien 60 Jahre und älter. „Wenn die auschecken aus dem System, kriegen wir Probleme.“ Start-ups finden mitunter schon jetzt keine Steuerberater mehr.
Zwei Schritte bis hin zum Lohnsteuerabzug in Echtzeit
Sein Fazit: „So wie wir das Spiel derzeit betreiben, sind wir nicht zukunftsfähig“, sagt Köbler. Die Abschaffung der Einkommenssteuererklärung für Millionen Menschen ist dabei nur ein Punkt, den die Experten in zwei Schritten angehen wollen.
Ähnlich wie in anderen Ländern Europas schwebt Florian Köbler vor, dass ab 2026 auf Basis der elektronisch zur Verfügung stehenden Daten für jeden Arbeitnehmer und Rentner, der ausschließlich Einkünfte aus nichtselbstständiger Arbeit bezieht, eine automatisierte Steuererklärung erstellt wird.

Bei Bedarf können Arbeitnehmer und Rentner innerhalb einer Frist Ergänzungen vornehmen - was eher selten in Anspruch genommen werden dürfte, da es in der Regel zu einer Erstattung kommt. „In Österreich beispielsweise sind 84 Prozent mit dem Vorschlag einverstanden“, sagt Köbler. Im zweiten Schritt könnte ab 2028 ein digitaler Lohnsteuerabzug für Arbeitnehmer in Echtzeit umgesetzt werden.
„Wir haben in Deutschland eine Finanzkriminalität brutalsten Ausmaßes.“
Florian Köbler
Sprich: auf Basis aller steuerrelevanten Daten individuell mit dem Lohn verrechnet werden. „Das führt dazu, dass am Ende mehr Netto bleibt“, sagt Köbler. Und keine Steuererklärung mehr notwendig ist. Das sei fairer, bisher behalte der Staat mehr Steuern ein - was sich durch Rückerstattungen widerspiegelt. Voraussetzung dafür sei eine bessere Vernetzung der Behörden untereinander.
Steuererklärung: Deutschland muss dringend in Technik und Digitalisierung investieren
Und: „Wir müssen extrem in Digitalisierung und Technik investieren. Mein Appell an die Politik ist, die Fenster zu öffnen und zu schauen, wie andere Länder das angehen.“ Skandinavien sowie die baltischen Staaten seien voraus, inzwischen ist auch der Süden in Teilen weiter. „Italien ist es mit einem elektronischen Meldesystem gelungen, den Umsatzsteuerbetrug im Prinzip zu halbieren.“ Auch für Deutschland müsse es nach Ansicht von Florian Köbler das Ziel sein, den Steuerbetrug einzudämmen.
Zumal das Potenzial enorm sei: „Wir haben in Deutschland eine Finanzkriminalität brutalsten Ausmaßes“, erklärt der Steuerexperte. Geschätzt fehlten dem Staat durch Betrug jährlich 100 Milliarden Euro. Ein Schatz, der sich aus seiner Sicht heben ließe - zumal mit mehr personellen Ressourcen, die durch den Wegfall der Überprüfung von Steuerbescheiden von Millionen Menschen zur Verfügung stünden.

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