Putenschlachterei Gut Stetten vor der Pleite
Unternehmen mit 200 Mitarbeitern sowie Vertriebsgesellschaft stellen Insolvenzantrag - Gegründet von Wolfgang von Stetten in Künzelsau.

Sie gilt als einer der Pionierbetriebe ihrer Branche und war lange Jahre Marktführer in Deutschland. Nun sind für die Putenschlachterei Gut Stetten und die dazugehörige Vertriebsgesellschaft Velisco schwere Zeiten angebrochen: Beide Unternehmen haben beim Amtsgericht Crailsheim Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Helmut Eisner aus Lauda-Königshofen bestellt.
Bei Gut Stetten gibt es derzeit noch etwa 200 Mitarbeiter, bei Velisco etwa 40, berichtete der Anwalt gestern. Für den heutigen Tag hat er eine erste Betriebsversammlung angesetzt. "Wir arbeiten vorerst weiter", sagte er gestern Nachmittag. Zu den Ursachen der Pleite konnte er noch nicht viel sagen - es handele sich jedenfalls um einen Eigenantrag der Unternehmen mit Verweis auf Zahlungsschwierigkeiten bei den Löhnen. Nach Angaben der Geschäftsführung seien neben dem starken Preiskampf im Geflügelsektor hohe laufende Betriebskosten bei zu geringer Auslastung der Grund gewesen, teilte er mit.
Abgezogen
Keineswegs überraschend war die Nachricht für Gudrun Wendel, Heilbronner Sekretärin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Schon seit Ende vergangenen Jahres seien die Schlachtungen sukzessive nach Norden abgezogen worden, berichtet sie. "Die haben in Rot am See einfach nichts mehr zum Schlachten."
Velisco gehört seit 2010 zum Umfeld der Heidemark-Gruppe, einem auf Geflügelprodukte spezialisierten Konzern aus Garrel bei Bremen. Von dort war gestern keine Stellungnahme zu erhalten. Auf der Unternehmens-Homepage ist der Standort Rot am See nicht aufgeführt, dafür aber der bis zur Übernahme zu Velisco gehörende Standort Mutzschen in Sachsen. Hintergrund ist, dass Velisco nach Recherchen unserer Zeitung gar nicht in die Gruppe eingegliedert wurde, sondern 2010 unter dem Dach einer WU Beteiligungsgesellschaft lediglich einen neuen Mehrheitseigner, die Familie Kalvelage als Inhaber von Heidemark, bekommen hat.
Die Geschichte der Schlachterei ist wechselvoll. Gegründet wurde sie 1966 in Künzelsau, genauer auf Schloss Stetten: Dort startete der spätere Bundestagsabgeordnete Wolfgang von Stetten im Alter von 25 Jahren mit dem Versuch, Puten statt Hühner zu züchten und zu schlachten. Mit durchschlagendem Erfolg: 1969 zog das aufstrebende Unternehmen nach Rot am See um. Ein Jahr später verkaufte von Stetten die Mehrheit an der Firma an die Nölke-Gruppe aus dem Münsterland. Die hielt lange zum Betrieb, gliederte ihn 2003 unter der Dachfirma Velisco ein und reichte ihn dann doch 2007 an den oldenburgischen Unternehmer Ulrich Wendeln weiter. Velisco galt damals als Marktführer bei der Truthahn-Vermarktung, in Rot am See waren mehr als 350 Mitarbeiter beschäftigt. 2011 betrug der Umsatz der Velisco-Gruppe noch 287 Millionen Euro bei einem leichten Verlust von 0,2 Millionen Euro.
Inzwischen, berichtet Gudrun Wendel, bestehen auch in Rot am See zahlreiche Werkverträge in der Schlachterei. Aber von ihnen seien viele schon abgezogen worden. frz
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