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Öhringen

Naturella ist ab Juli nur noch eine Marke

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Die Schließung des Öhringer Wesergold-Werks ist symptomatisch für die Entwicklung in der Branche.

Von unserem Redakteur Manfred Stockburger
 Foto: Sawatzki

Ende Juni geht in Öhringen ein Stück Wirtschaftsgeschichte zu Ende. Einst war Naturella eine eigenständige Genossenschaft, die Fruchtsäfte produziert und vermarktet hat. Schon 1983 ging das Unternehmen dann an den privaten Fruchtsaftkonzern Riha Wesergold, der den Standort Schritt für Schritt umbaute zum Abfüller von Fruchtsäften, Nektaren und Fruchtsaftgetränken. Mit dem, was man sich landläufig unter einer Fruchtsaftgenossenschaft vorstellt, hat das Unternehmen schon lang nichts mehr zu tun. 200 Millionen Flaschen und Tetrapacks haben das Werk am Rand der Innenstadt zuletzt pro Jahr verlassen.

Sozialplan

Hauptkunden sind die Handelskonzerne und Discounter, deren Eigenmarken oftmals aus Öhringen stammen. Beziehungsweise stammten, denn zum Ende Juni wird der Safthahn endgültig zugedreht, wie Geschäftsführer Werner Gerdes bestätigt. 185 Arbeitsplätze fallen weg. "Der Sozialplan ist abgeschlossen", sagt auch der Heilbronner Geschäftsführer der zuständigen Gewerkschaft NGG, Frank Bensch.

Hintergrund der Standortschließung ist die Übernahme eines Getränkewerks in Waibstadt durch Riha Wesergold, die im vergangenen Herbst vollzogen wurde. Anders als in Öhringen, wo das Unternehmen wenig Erweiterungsmöglichkeiten hatte, gibt es in der Sinsheimer Nachbargemeinde reichlich Platz für Expansion, den Gerdes auch nutzen möchte: "Wir wollen unsere Umsätze in Süddeutschland und in Frankreich steigern", sagt Wesergold-Geschäftsführer Werner Gerdes. In Öhringen ist das Werk eingezwängt zwischen Wohnbebauung und der Bahnlinie, als Lager dienten zahlreiche zusätzliche angemietete Standorte im Umfeld. "Es fällt uns als Familienunternehmen nicht leicht, eine solche Entscheidung zu treffen", so Gerdes. "Aber für die Wesergold-Gruppe ist es unumgänglich."

Verschiedentlich hatte sich das Unternehmen mit Hauptsitz in Rinteln im Weserbergland mit alternativen Standorten in der Umgebung beschäftigt. Nach dem Kauf des Werks vom Wettbewerber Refresco, der den Standort Waibstadt nach der Fusion mit Gerber-Emig wegen einer Kartellauflage aufgeben musste, hatten sich diese Überlegungen schnell erübrigt.

Keine Zukunft

Drei Monate lang habe man die Optionen geprüft hieß es. Vergangenen November verkündete Werner Gerdes dann das Aus. "Wir haben die Möglichkeit bei der Übernahme von Waibstadt im Hinterkopf gehabt, aber es war nicht unsere Hauptzielsetzung", hatte der Geschäftsführer damals erklärt. "Wir konnten erst nach dem Kauf analysieren, wie sehr die Kapazitäten ausgelastet sind." Einen Lidl-Auftrag, der vom Vorbesitzer in Waibstadt produziert worden war, hatte Wesergold wohl mehr oder weniger eingeplant gehabt − das Unternehmen hatte beim Kauf des Standorts die Zusage gemacht, dass in Waibstadt keine Stellen wegfallen würden.

Die Lastwagen mit dem markanten Schriftzug von Wesergold werden von Ende Juni an nicht mehr durch Öhringen rollen.
Archiv/Hohl
Die Lastwagen mit dem markanten Schriftzug von Wesergold werden von Ende Juni an nicht mehr durch Öhringen rollen. Archiv/Hohl  Foto: Hohl

Was auch immer den Ausschlag gab: Am Ende waren die Würfel schnell gefallen, und der lautstark angekündigte Widerstand der Belegschaft gegen die Schließung lief ins Leere. Auch die vom Betriebsrat engagierten Berater haben dem Standort nach dem Waibstadt-Kauf keine vernünftige Zukunft mehr gegeben. Wie hart der Wettbewerb ausgefochten wird, lässt sich auch im Getränkeregal jedes größeren Supermarkts beobachten.

Immerhin ist am Ende ein Sozialplan herausgekommen, mit dem NGG-Geschäftsführer Bensch und Naturella-Betriebsratschef Michael Beier halbwegs zufrieden ist. "Wir haben eine Art interne Arbeitsagentur organisiert", sagt er. Aktuell läuft das sogenannte Profiling, die von der Schließung Betroffenen werden also nach ihren Kenntnissen, Qualifikationen und Interessen befragt, um sie besser in neue Stellen vermitteln zu können. Im Juli können sie in eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft wechseln, die eine Laufzeit von bis zu einem Jahr hat. Lediglich 15 Mitarbeiter könnten nach Waibstadt wechseln, sagt Michael Beier. Dass die alte Öhringer Marke unabhängig vom Standort erhalten bleibt, ist ein geringer Trost für die Hohenloher. Die Produktionsanlagen werden zumindest teilweise an den neuen Standort verlagert. Was mit dem Öhringer Gebäude geschieht, ist derzeit noch nicht geklärt.

Grünsfeld

Während Wesergold durch die Schließung des Öhringer Standorts Kapazitäten abbaut, investiert der seit einigen Wochen börsennotierte Wettbewerber Refresco mit der Marke Hardthof in der Region in zusätzliche Anlagen: Am Produktionsstandort Grünsfeld im Main-Tauber-Kreis, an dem Fruchtsaft, Fruchtsaftgetränke und Eistees hergestellt werden, errichtet die holländische Firma ein neues Logistikzentrum. Dieser Standort, einst ein Coca-Cola-Abfüller, war ebenfalls durch die Gerber-Fusion zu Refresco gekommen. Das 35 Meter hohe Hochregallager wird über eine Brücke mit der Produktion verbunden, die ebenfalls modernisiert wird.

Dort dürften dabei durchaus auch einige neue Arbeitsplätze entstehen, die, so wird gemunkelt, für die bisherige Öhringer Belegschaftsmitglieder interessant sein könnten.

 

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