Marchionne räumt Demel aus dem Weg
Fiat-Konzernchef erhöht das Sanierungstempo bei dem angeschlagenen italienischen Autobauer

"Die Entscheidung, die direkte Verantwortung für Fiat Auto zu übernehmen", erklärt Sergio Marchionne, "zielt darauf ab, die volle Konzentration der Gruppe auf die Sanierung des Autobereichs zu fokussieren." Die Vorwärtsstrategie des Auto-Fanatikers Demel, der von 1994 bis 1996 Audi-Vorstandschef gewesen war, passte dem zahlengetriebenen Sanierer Marchionne offenbar nicht ins Konzept.
"Ich danke Dr. Demel für die geleistete Arbeit und wünsche ihm alles Gute für seinen zukünftigen beruflichen Werdegang", heißt es in der offiziellen Mitteilung. Bereits im vergangenen Herbst waren Demel und Marchionne heftig aneinandergeraten, der 51-Jährige hatte nach einer lautstarken Auseinandersetzung mit seinem Chef schon damals den Rücktritt angeboten.
Fiat-Beobachter verwundert der Rauswurf nicht weiter: Der Österreicher Demel, übrigens der erste Nicht-Italiener an der Spitze des Autobauers, war noch von Marchionnes Vorgänger Guiseppe Morchio nach Turin geholt worden. Morchio hatte jedoch im vergangenen Juni abgedankt: Nach dem überraschenden Tod des Fiat-Granden Umberto Agnelli hatte das Unternehmen den glamourösen Ferrari-Chef Luca di Montezemolo an ihm vorbei befördert und zum Aufsichtsratschef des Konzerns gemacht.
Während Morchio (und damit sein Mann Demel, der Fiat Auto komplett umgebaut hatte) damals die Sanierung bereits auf gutem Weg sahen, schickte Marchionne die Autosparte quasi als erste Amtshandlung "zurück in die Werkstatt". Auch Fiat Deutschland hat die Folgen des eisernen Besens zu spüren bekommen: Den ursprünglich verordneten Personalabbau um ein Drittel haben die Verhandlungsführer zwar abmildern können, dennoch sind knapp 50 Stellen in der Organisation weggefallen. Insider befürchten, dass mit dem kostengetriebenen Beschnitt der Vertriebskraft die Zukunftschancen weiter verringert worden sind.
Marchionne will das Sanierungstempo jetzt erhöhen - seinen Verhandlungserfolg im zähen Ringen mit der Spitze von General Motors, die sich den Fiat-Verzicht auf eine Verkaufsoption 1,55 Milliarden Euro kosten lies, stärkte ihm zuletzt den Rücken. "Es ist nun möglich, vollkommen selbstständig und ohne Einschränkungen zu handeln", definiert Marchionne seine neue Rolle im Konzern - und verkündet zugleich, dass im vergangenen Jahr alle Geschäftsfelder besser als geplant abgeschnitten hätten und sogar schon der Break-even für die Gruppe erreicht werden könne. Bei seinem Amtsantritt hatte Marchionne diesen Zeitpunkt - entgegen Morchios Einschätzung - noch auf das Jahr 2006 verschoben.
Offen bleibt indes die Frage, wie sich Fiat künftig im Konzert der Auto-Konzerne positioniert. Das Tischtuch mit GM ist zerschnitten, auch die mühsam erreichte Zusammenarbeit im Bereich der Motoren- und Getriebefertigung ist aufgekündigt. Angesichts weltweiter Überkapazitäten und ruinöser Preiskämpfe vor allem in den Volumensegmenten gilt es als unwahrscheinlich, dass Fiat ohne Partner überleben kann. Marchionne hat es jetzt in der Hand - und ist zum Erfolg verdammt: Ein Alibi hat er als Alleinherrscher nicht mehr.

Stimme.de
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