Haering gibt die Lackherstellung ab – was wird aus dem Stammsitz Unterheinriet?
Das Familienunternehmen aus Unterheinriet konzentriert sich künftig auf Putze und Farben. Das hat mehrere Gründe.

Der Lack- und Farbenhersteller Haering vollzieht einen radikalen Schnitt: Künftig stellt er keine Industrielacke mehr her. Die Sparte, die zuletzt etwa zehn Prozent des Umsatzes innerhalb der Firmengruppe ausmachte, wird zum 1. April an den bayrischen Lackhersteller Mipa übertragen, kündigten die geschäftsführenden Gesellschafter Walter und Stefan Baer an.
Übernahmeangebot für betroffene Mitarbeiter
Davon betroffen sei eine niedrige zweistellige Zahl an Mitarbeitern, denen allen ein Übernahmeangebot für einen bayrischen Standort - Regensburg oder Landshut - unterbreitet worden sei. Vor allem Personal aus den Bereichen Vertrieb und Entwicklung wolle dies auch annehmen, berichtet Stefan Baer. Ein Großteil der zurückbleibenden Beschäftigten werde wohl in der Sparte Bautenschutz untergebracht werden können, wo Haering Putz und Farben herstellt.
Hauptursache: Steigende Auflagen durch die EU
Mehrere Gründe hätten die Geschäftsführer bewogen, einen Käufer für die Lacksparte zu suchen. Walter Baer nennt vor allem steigende Auflagen, insbesondere durch die EU, etwa bei Kennzeichnungspflichten oder dem Wegfall bestimmter Inhaltsstoffe. "Das ist für unsere Größenordnung nicht mehr handhabbar. Dafür sind wir zu klein", erklärt er. Auch die Brandschutzanforderungen stiegen immer mehr, Versicherungsbeiträge seien stark erhöht worden und es werde immer schwerer, freiwerdende Stellen zu besetzen. Haering wolle sich nun ganz auf Bautenschutz und Putze konzentrieren, wo es nicht derart strenge Auflagen gebe.
Mipa übernimmt auch zwei Vertriebstöchter
Der Stammsitz in Unterheinriet bleibe in vollem Umfang erhalten, versichern die Geschäftsführer. Einige Maschinen für die Lackherstellungen würden an Standorte von Mipa gebracht, der freiwerdende Platz werde dann für die Ausweitung der eigenen Produktion genutzt. Das bayerische Familienunternehmen übernehme auch die Haering-Vertriebstöchter in Polen und Tschechien, die weitergeführt werden sollen. "Uns war wichtig, dass der Käufer kein Konzern ist, sondern ein Familienunternehmen", sagt Stefan Baer. Und Walter Baer ergänzt: "Ein Finanzinvestor wäre für uns nie infrage gekommen." Mipa habe hingegen bei früheren Zukäufen bewiesen, dass man Wert auf deren Eigenständigkeit lege und dezentrale Strukturen zulässt. "Das hat uns sehr gut gefallen."
Wer die Bayern sind
Mipa zählt zu den weltweit größten familiengeführten Unternehmen der Lack- und Farbenbranche mit Hauptsitz in Essenbach und sechs weiteren Standorten - drei in Deutschland sowie je einer in Österreich, Tschechien und der Schweiz. Der Umsatz der Gruppe beträgt mehr als 250 Millionen Euro. Hergestellt werden von den rund 1500 Mitarbeitern Fahrzeugreparaturlacke, Lacke für Industrie, Bautenfarben, Holz- und Schreinerlacke sowie Profi-Lackierzubehör. Künftig gehören auch die Spezialitäten von Haering wie Farben für Ostereier, UV-desinfizierende Lacke und Lacke für Meterstäbe zum Portfolio.
Gute Aussichten für die Bautenschutz-Produkte
Bislang sei Haering stolz auf seine breite Aufstellung gewesen, gibt Walter Baer zu. Sei die eine Sparte in der Flaute gewesen, sei es in der anderen Sparte gut gelaufen. "Das funktioniert aber jetzt nicht mehr." Dass nun eine Krise am Bau herrsche, insbesondere beim Wohnungsneubau, beunruhige die Geschäftsführung aber nicht massiv. Denn ein Großteil des Geschäfts mit Farben, Bautenschutz und Putz werde in der Sanierung gemacht. Und da bestehe wegen der steigenden energetischen Anforderungen an Gebäude in Zukunft großer Bedarf. "Wir erwarten noch bis ins zweite Quartal gewisse Bremseffekte", sagt Walter Baer. "Danach sind wir aber guter Dinge." Für die derzeit 260 Mitarbeiter, davon 140 am Stammsitz, werde es wohl gut zu tun geben. "Der Bedarf ist riesengroß", meint Stefan Baer. Der Sanierungsstau werde schließlich immer größer.
Lange Geschichte mit Heilbronner Wurzeln
1886 gründeten Johann Sigel und Carl Haering die Lack- und Farbengroßhandlung Haering & Sigel mit Sitz in der Paulinenstraße in Heilbronn. 1893 wurde die Firma dann aufgespalten: Johann Sigel führte die Farbengroßhandlung J. Sigel und Sohn weiter, Carl Haering die Lackherstellung. 1969 zog der Betrieb nach Unterheinriet. Heute wird der Hersteller von Farben, Putzen, Lacken und Wärmedämmverbundsystemen in vierter Generation von Walter und Stefan Baer geführt. Am Stammsitz sind derzeit noch 140 Mitarbeiter beschäftigt. Zum Nachfolgeunternehmen des Mitgründers, das heute auf den Böllinger Höfen bei Heilbronn ansässig ist und weiterhin auch Lack herstellt, bestehen mittlerweile keine Beziehungen mehr.
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