Gemü kann mehr als Puff und Peng
Der Ventilspezialist aus Ingelfingen-Criesbach setzt beim Wachstum auf Hightechbranchen.

Die Ärmel sind hochgekrempelt − daran hat sich nichts geändert durch den Generationswechsel bei der Gebrüder Müller Apparatebau GmbH & Co KG, wie Gemü ausgeschrieben heißt. Mit dem 50. Firmengeburtstag hat sich Gründer Fritz Müller aus dem Tagesgeschäft weitgehend verabschiedet. Sein Sohn Gert und der Neffe Stephan Müller stehen jetzt in der Verantwortung − der Senior lässt sie machen. "Die Werte, die mein Vater dem Unternehmen gegeben hat, für die stehe ich auch", sagt Gert Müller: Die Mitarbeiter stehen im Vordergrund. Gemü bleibt Hohenlohe treu. "Das tragen wir beide weiter", sagt der Geschäftsführer. Und: "Wir haben die richtigen Mitarbeiter."
Strategie und Ziele
Die beiden blicken nicht zurück, sondern nach vorn: "Wir haben uns neue Ziele gesetzt für das Jahr 2020", sagt Gert Müller, der von seinem Vater die Zuständigkeit für die Technik und den Vertrieb übernommen hat. "Wir leiten Flüssigkeiten und Gase von A nach B", erklärt er, wozu die Produkte aus Ingelfingen-Criesbach tauglich sind. "Und zwar in der Menge und Temperatur und mit dem Druck, der benötigt wird", fügt er hinzu.
Angefangen hat alles in einer Garage − Fritz Müllers Innovation 1964 war ein Ventil aus Kunststoff. Wobei Kunststoff in diesem Fall spezielle Materialien wie Teflon bedeutet, oder solche, die selbst aggressivsten Säuren widerstehen können. Noch immer arbeiten die Hohenloher mit solchen Werkstoffen − aber längst nicht mehr nur. "Edelstahl ist schon dominierend", sagt Gert Müller. Wobei es durchaus auch Zukunftsmärkte für Kunststoffventile gibt − etwa beim Einwegeinsatz in mobilen Labors oder Miniatur-Pharmafabriken. Wobei die Kunden aus der Pharmabranche bekanntermaßen höchste Ansprüche an Qualität haben.
"Nachhaltiges Wachstum" möchte Gert Müller auch in Zukunft erreichen − über Zahlen spricht er aber nicht, das hat sich nicht verändert. Lieber über die Branchen, die auch in Zukunft Großabnehmer der Ventile aus dem Kochertal bleiben sollen: der Pharmabereich, die Halbleiterbranche und die Wasseraufbereitung.
Schon wegen der Bevölkerungsentwicklung rechnet sich Gemü in diesen Bereichen gute Wachstumsmöglichkeiten aus: Medizin und Trinkwasser werden künftig zunehmend gefragt sein. Und zwar weltweit, weshalb auch weitere Niederlassungen gegründet werden wie zuletzt in Kanada oder demnächst in Mexiko. "Es gibt noch genügend weiße Flecken auf dem Globus", weiß Stephan Müller. Auch in der zunehmenden Vernetzung der Produktionsprozesse bei den Kunden sieht er Chancen − mit intelligenten Produkten. "Puff und Peng ist veraltet", sagt er − also druckluftgesteuerte Anlagen. "Für uns bedeutet Industrie 4.0, dass Dinge nur angesteuert werden, wenn man sie braucht", erklärt er.
Auch in der eigenen Produktion wird das gelebt, wie Stephan Müller erklärt − er ist in der Unternehmensführung nicht nur für die Finanzen zuständig, sondern auch für Produktion und Logistik. "Das Ganze muss nicht nur finanziert, sondern auch produziert und organisiert werden", sagt er. In die Optimierung der internen Prozesse hat er in den vergangenen Jahren viel Energie gesteckt.
Flexibilität
Sichtbarstes Zeichen des Wandels ist das neue Produktions- und Logistikzentrum im Gewerbepark Hohenlohe direkt an der Autobahn A6. Hier hat das Unternehmen Maßstäbe gesetzt in Sachen Geschwindigkeit und Flexibilität. Ganz Europa wird von hier aus mit Gemü-Produkten versorgt − innerhalb von 48 Stunden. Die Fertigung der Edelstahlteile findet weiterhin am angestammten Firmensitz in Ingelfingen-Criesbach statt. Kunststoffprodukte kommen aus der Fabrik in der Schweiz, die französische Fertigung ist für Elastomerteile zuständig.
Nicht nur die Zusammenarbeit der Standorte hat sich verändert. "Von zehn Mal, die Fritz Müller im Betrieb war, hat er vielleicht einmal im Finanzbereich vorbeigeschaut", erzählt Stephan Müller augenzwinkernd. Er hat den technikaffinen Senior noch einige Zeit aktiv im Geschäft erlebt. Und der hat es tatsächlich geschafft, den Jungen die Zügel zu überlassen − auch wenn er im spektakulären Gemü-Dome in Niedernhall-Waldzimmern, wo die Entwickler sitzen, nach wie vor sein Büro hat.
Veränderung
Heute arbeiten die Bereiche Technik und Produktion viel enger zusammen. "Er kommt auch mal in die Technik", freut sich Gert Müller über die Interessen seines Cousins. "Ich sehe eine gute Zukunft für uns."
Technik-Freak ist Gert Müller selbst durchaus. Aber im Gegensatz zu seinem Vater ist die Fliegerei "nicht so mein Ding". Ein Sportwagenmodell nimmt in seinem Büro aber großen Raum ein. Eines seiner ersten Projekte war die Anschaffung einiger Elektoautos für den Fahrzeugpool. Aber dass sich Technologien verändern, das ist für Gemü schließlich nichts Neues.
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