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Igersheim

Die Revolution aus Igersheim

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Mit dem Galaxie-Getriebe hat Wittenstein den Maschinenbau umgewälzt. Die Erfindung wurde seit der Jahrtausendwende vorangetrieben und mittlerweile mit Preisen überhäuft.

Von Heiko Fritze
Mit dem Galaxie-Getriebe hat Wittenstein den Maschinenbau umgewälzt. Foto: Privat
Mit dem Galaxie-Getriebe hat Wittenstein den Maschinenbau umgewälzt. Foto: Privat

Fünfhundert Jahre lassen sich nicht so einfach kippen. Seit eh und je war klar, was ein Getriebe ausmacht: starre Zahnräder, die ineinander greifen. Bis dann Thomas Bayer und sein Team kamen: In jahrelanger Arbeit haben sie bei Wittenstein ein völlig neuartiges Getriebe entwickelt. Mit beweglichen Zähnen in einer ganz besonderen Form. Seit das Galaxie-Getriebe 2012 auf den Markt gekommen ist, sorgt es für Furore in der Technikwelt. Und heimste einige der wichtigsten Preise ein.

Eine Firma in ländlicher Idylle

Heute sitzt Thomas Bayer entspannt in der Zentrale des Getriebespezialisten aus dem Taubertal. Unweit vom Örtchen Harthausen erstreckt sich das üppige Betriebsgelände, auf dem Bäume aus all jenen Ländern wachsen, in denen die Firma tätig ist. Teiche umgeben die Gebäude, der Blick fällt auf Felder und Wälder. Hier also, in dieser Idylle, hat sich Bayer mit einigen Spezialisten vor mehr als zehn Jahren hingesetzt. "Wir wollten etwas völlig Neues - eine Revolution, keine Evolution", erzählt er. "Am Ende hatten wir zehn Vorschläge auf dem Tisch liegen - aber keiner hat uns zufriedengestellt." 500 Jahre lassen sich nicht so einfach kippen.

 

Neue Wirtschaftsstimme: Erfolgreiche Firmen aus der Region

Dieser Text stammt aus der Wirtschaftsstimme, die am 26. Februar erschienen ist. In der Ausgabe geht es unter anderem um Erfolgsgeschichten aus der Region – vom findigen Maschinenbauer bis zum Konditormeister, der mit einem neuen Produkt sein Unternehmen zukunftsfähig machte. Ein zweiter Schwerpunkt ist das Engagement der regionalen Wirtschaft auf der Bundesgartenschau in Heilbronn.

 

Triz-Gruppe hilft weiter

Bayer wandte sich an die Heilbronner Triz-Gruppe, die firmenübergreifende Tüftlerrunde unter Moderation der IHK Heilbronn-Franken. Und von dort kamen die Tipps, die zum Erfolg führten. Denn bei Triz wird der Prozess des Erfindens in diverse Strategien aufgeteilt. Eine, die Segmentation, wies den Weg zum zentralen Prinzip des neuartigen Getriebes: Es besteht nicht aus Zahnrädern, sondern aus einzelnen, beweglichen Zähnen - das Zahnrad wurde in die Zähne aufgeteilt.

Viele Kennwerte wurden vervielfacht

Das mag alles nach technischer Spielerei klingen - in der Praxis hat es enorme Auswirkungen. "Wir haben den Getriebebau nicht um die berühmten zehn Prozent verbessert, sondern gleich um ein Vielfaches." Diverse Messgrößen gibt es, die für die Branche zentral sind: die Fläche, die beim Ineinandergreifen Kontakt hat - versechsfacht. Die Steifigkeit: mehr als verfünffacht. Die Überlastfähigkeit: verdreifacht. 120 Patente haben die Mitwirkenden bei Wittenstein im Zusammenhang mit ihrer Entwicklung angemeldet, die ersten schon 2006 - und inzwischen bescheinigt ihnen die Fachwelt, dass sie ein gänzlich neues Getriebe erfunden haben. Keine Verbesserung, sondern eine neue Variante.

Hohe Investitionen waren notwendig

500 Jahre lassen sich nicht so einfach kippen. "Man muss sich immer vor Augen halten: Schon da Vinci hat Getriebe beschrieben", erzählt der Leiter des Innovation Labs bei Wittenstein. "Keiner hat damit gerechnet, dass sich auf diesem Feld noch etwas Neues entwickeln lässt." Dass es ausgerechnet bei Wittenstein geschafft wurde, einem typischen mittelständischen Familienunternehmen mit 3000 Beschäftigten weltweit, davon 1800 in Igersheim, und zuletzt 385 Millionen Euro Umsatz, ist auch Seniorchef Manfred Wittenstein zu verdanken: Der promovierte Ingenieur verfolgte nicht nur das Projekt aufmerksam, er ermöglichte auch die millionenschweren Entwicklungsarbeiten. "Hier traf Unternehmertum mit Erfindertum zusammen", beschreibt es Entwicklungschef Bayer.

Tabubrüche der Ingenieure

Dass die Ingenieure Tabubrüche begingen, nahm Wittenstein in Kauf: Keine Zahnräder, gleitende Kraftübertragung statt kurzer Kontakt sowie eine logarithmische Spirale im Zentrum wälzten jahrhundertealte Erkenntnisse um. "Das Denken des normalen Ingenieurs wurde auf den Kopf gestellt."

Preise 500 Jahre lassen sich nicht so einfach kippen. Doch wer es schafft, ist schnell preiswürdig: Als Wittenstein das Galaxie-Getriebe 2015 auf der Hannover Messe vorstellte, gab es den Hermes Award für die herausragende Innovation. Ein Jahr später folgte der Innovationspreis der deutschen Wirtschaft. Beim deutschen Zukunftspreis zählte es zu den drei Nominierten. "Das hat uns enorme Öffentlichkeit verschafft - schließlich schauten 2,5 Millionen Menschen am Fernsehen zu", erzählt Thomas Bayer. Inzwischen werden einige Tausend Galaxie-Getriebe im Jahr produziert. Das Ziel für dieses Jahr? Verdoppelung.

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