Der Energydrink aus dem Taubertal
Waldemar Schlemmer rollt mit dem Energydrink Kaif die Party-Szene in Afrika und Arabien auf. Nur im Heimatland ist er kaum auf dem Markt vertreten.

Fruchtig, leicht sauer und mit ein wenig Minze im Abgang. Selbstverständlich auch süß, etwas cremig und im Gesamteindruck wie ein Fruchtbonbon. So schmeckt sie also, die neueste Kreation aus dem Hause Ancor: ein Energydrink namens "Kaif Caribbean", der dieser Tage auf den internationalen Markt kommt.
Ort des Geschehens ist eine Einliegerwohnung, in einem Gewerbegebiet am Rande von Igersheim. Hier hat die Ancor Group ihren Sitz. Von hier aus rollt sie gerade Afrika und Arabien auf, platziert ihre Produkte in China und in Russland.
Denn kurioserweise hat Waldemar Schlemmer zwar seine Energydrinks in Deutschland kreiert und lässt sie hierzulande auch abfüllen − alleine, sie sind in heimischen Supermärkten nicht zu finden. "Die Märkte in Westeuropa sind nur sehr schwierig zu besetzen", hat er festgestellt. "Wenn überhaupt, dann muss der Bedarf von der Kundenseite her kommen."
Weg in die Selbstständigkeit
Der 30-Jährige ist aber inzwischen bereits ein erfahrener Unternehmer. Schon in der Hauptschule war ihm nach dem Berufspraktikum in der achten Klasse klar, dass er sich selbstständig machen will. Zunächst absolvierte er zwar eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann im Baustoffhandel und schloss als Prüfungsbester ab. Ein Jahr später, 2008, stellte er sich auf eigene Füße: "Ich hatte festgestellt, dass es keine Waren aus Osteuropa in Lebensmittelmärkten gibt", erzählt er.
Also eröffnete der in Kasachstan geborene Jungunternehmer in Bad Mergentheim einen genau darauf zugeschnittenen Lebensmittelmarkt, in dem es russische und osteuropäische Spezialitäten gibt. 2014 schloss er sein Geschäft an die ebenso spezialisierte Mix-Markt-Kette an − und gilt in diesem Franchise-Verbund inzwischen als Vorzeigestandort.
Rezept für einen milden Energydrink
Doch da war die Entwicklung schon weitergegangen. 2010 wagte Waldemar Schlemmer den nächsten Schritt. "Ich habe schon immer gerne Energydrinks getrunken", erzählt er. "Allerdings bekam ich davon immer Sodbrennen." Also tüftelte der junge Mann an einem besseren Rezept: Mild sollte der Drink sein, nicht aggressiv in Geschmack und Wirkung und besser riechend als viele Konkurrenzprodukte. "Neun Monate haben wir zusammen mit den Laboren gearbeitet, bis alles stimmte", erzählt er.
Der höchstmögliche Koffeingehalt sollte schon hinein − "schließlich wollen die Konsumenten genau diese Wirkung". Der passende Name war bald auch gefunden: Kaif − was im Arabischen, aber auch im Russischen für "Wohlbefinden" steht und für deutsche Ohren kurz und prägnant ist.
So ging das Produkt 2011 an den Start − und geriet trotz erster Aufmerksamkeit in der Szene doch noch kurz in Schwierigkeiten. Zunächst einmal: In jenem Jahr gab es neben den etablierten Marken etwa 300 Hersteller, die mit neuen Energydrinks auf den Markt kamen. "Jeder, der die Szene beobachtete, ahnte, dass der Markt noch einige Zeit wachsen wird", begründet Schlemmer dies. "Schließlich sind die heutigen Konsumenten die erste Generation, die solche Drinks von Kind auf kennt."
"Dieses Jahr wird noch besser"
Hinzu kam: Zwischen den Investoren und der Firmenleitung von Ancor gab es Unstimmigkeiten, schließlich trennte man sich. Doch alles ging gut aus: Heute gehört Waldemar Schlemmer und einem langjährigen Partner das neu aufgestellte Unternehmen. Und seit dem Neustart 2014 geht es rasant vorwärts. "Wir haben vergangenes Jahr den Break Even geschafft", erzählt der Unternehmer. "Und dieses Jahr wird noch besser." Kaif ist damit eine von nur fünf jener 300 Marken, die aus der Gründungsphase von 2011 überlebt haben.

Dafür sorgt vor allem der Export nach Afrika und Arabien. Zwar ist die Ancor Group auch in Köln auf der Messe Anuga vertreten. Doch gerade die Messen in Abu Dhabi, Schanghai und Sotschi sind wichtig geworden, um die internationalen Märkte zu erschließen. In Westafrika ist der Drink aus dem Taubertal inzwischen unter den Top3 auf dem Markt, ist Schlemmer stolz. In Nahost sorgen die Zertifikate, dass das Getränk nach den Vorschriften für Halal und Kosher hergestellt wurde, für entsprechenden Schub bei der Vermarktung.
Und dann gibt es ja noch die für die jeweiligen Regionen kreierten Artikel. In Arabien kommt zum Beispiel die Geschmacksrichtung Mokka gut an − und wer dort das nötige Kleingeld hat, kann sich eine Dose mit Gold- und Tantal-Auflage kaufen, Kostenpunkt pro Stück: im fünfstelligen Dollar-Bereich. Übrigens gerne auch mit Brillanten besetzt. In Afrika kommen hingen die Marken "4x" und "Code-X" bestens an, die von kraftstrotzenden afrikanischen Bodybuildern geziert werden.
Und in Deutschland?
Aus einer Supermarktkette hat Schlemmer sein Produkt wieder zurückgezogen − die Margen waren zu gering. Dafür besteht nun eine Kooperation mit einem Veranstalter, der individuelle Dosen bedrucken lässt, mit Namen oder Firmenlogo. Auf der Rückseite steht dann natürlich auch, wer das Getränk hergestellt hat.
Womöglich gelingt ja auf diesem Weg das, was Schlemmer für den westeuropäischen Markt als einzige Chance einer neuen Energydrink-Marke sieht: "Der Bedarf muss von der Kundenseite her kommen."
Stimme.de
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