Das Aus für die Currywurst? Warum Experten nichts von Verboten in Kantinen halten
Verpflegungsexperten setzen auf Anreize statt auf Verbote, um Menschen im Arbeitsleben zu einer gesünderen Ernährung zu bewegen. Auch die beliebte Currywurst hat weiterhin ihre Berechtigung. Aber der Trend geht hin zu pflanzenbasierten Gerichten in Kantinen.

Gesundes, leckeres Essen und Kantinen – das ging lange Zeit nicht zusammen. Schließlich dominieren in deutschen Firmenrestaurants noch immer Currywurst, Schnitzel und Frikadellen die Speisekarte. Doch Unternehmen und Beschäftigte legen zunehmend Wert auf gesundes Essen. Bei einem exklusiven Expertengespräch mit der Heilbronner Stimme zeigte sich, dass sich die Esskultur in den Firmen allmählich wandelt – aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Verbote bringen beim Thema Ernährung nichts
Die fünf Expertinnen und Experten für Ernährung sind sich einig: Verbote bringen nichts. "Essen ist eine emotionale Sache, die die Menschen berührt", sagt Katja Lotz, Studiengangsleiterin BWL-Food Management an der DHBW Heilbronn.
"Verbote führen nur zu Widerstand und Ablehnung", sagt sie. Stattdessen müsse man mit gezielten Anreizen arbeiten und die Menschen etwas anstupsen, damit sie sich gesünder ernähren. "Nudging", nennt man das auf neudeutsch.
SAP zeigt, wie man die Nachfrage nach gesünderem Essen steigert
Wie das konkret funktionieren kann, erläutert Jürgen Ziegler, Catering-Koordinator beim Walldorfer Software-Riesen SAP. Am Standort Düsseldorf hat das Unternehmen im Januar dieses Jahres den Renner Currywurst mit Pommes von der zentralen Ausgabestelle, auf die jeder Gast automatisch zusteuert, ums Eck verlegt, wo bisher die gesünderen, aber weniger gefragten Essen erhältlich waren.
Ergebnis: "In kurzer Zeit haben wir 20 Prozent mehr gesundheitsfördernde Essen abgesetzt, ohne das Angebot zu verändern", sagt Ziegler. Auch in der Mensa auf dem Bildungscampus Heilbronn habe das Umstellen von Essensstationen diesen Effekt gehabt, berichtet Katja Lotz.
Die Menschen müssen mitgenommen werden
Die Experten sehen generell einen Trend hin zu pflanzenbasierten Lebensmitteln. "Vor allem jüngere Menschen denken und essen klimafreundlich", sagt Evelyn Beyer-Reiners, Projektleiterin bei der Firma Kraaibeek, die auf betriebliche Gesundheitsförderung mit Schwerpunkt Ernährung spezialisiert ist.

Sie weiß aber auch, dass es viel Zeit und Geduld braucht, um das Gewohnheitstier Mensch von den Vorzügen gesunder Ernährung zu überzeugen. "Man muss die Menschen mitnehmen", weiß Beyer-Reiners.
Ein Ampelsystem sorgt für Transparenz bei den Gästen
Dabei sollte das Speisenangebot genauso stimmen wie die Information und Aufklärung, betont Sabine Winterstein, Expertin für strategisches Betriebliches Gesundheitsmanagement bei der DAK.
Die Krankenkasse hat gemeinsam mit Kraaibeek und Gesoca, einem Experten für gesundheitsorientierte Gemeinschaftsverpflegung, ein Verpflegungsprogramm für Unternehmen entwickelt, das nicht nur Kantinenessen berücksichtigt, sondern auch Caterer oder Lieferdienste – schließlich verfügen viele kleine und mittlere Unternehmen nicht über eigene Restaurants, sondern sind hier auf Partner angewiesen.
Ein zentraler Baustein des Programms ist das Gastronomische Ampelsystem (GAS), das von der Hochschule Niederrhein entwickelt wurde. Es bewertet alle Speisen nach Qualität der Zutaten, Zubereitungsart, Fettgehalt und -qualität, Zuckergehalt und Warmhaltezeit. Die Gäste können dann anhand der Ampelfarben sofort sehen, wie gesund oder ungesund ein Essen ist.
So wird selbst die Currywurst gesünder
Selbst die Currywurst lässt sich gesünder gestalten, betont Gesoca-Geschäftsführer Christian Feist: Salat statt Pommes als Beilage etwa. Oder weniger Zucker in der Soße. "Gesunde Ernährung heißt nicht, nur noch Grünkernbratlinge und Vollkornreis zu essen", sagt er.
Junge Menschen achten auf klimafreundliche Ernährung
Das kann funktionieren, wie das Beispiel SAP zeigt. Dort sind die Gerichte nicht nur kostenlos, sondern zunehmend fleischlos. "Am Standort Berlin machen rein pflanzliche Produkte schon 50 Prozent der Essen aus", sagt Ziegler. Vor allem für jüngere Bewerber sei das durchaus ein Kriterium bei der Wahl des Arbeitgebers. "Es hilft uns, an Talente heranzukommen", sagt Ziegler.
Die Kantine ist ein Ort der Kommunikation und des Netzwerkens
Das gilt erst recht, wenn Unternehmen nicht nur in gesundes Essen investieren, sondern auch in ein ansprechendes Ambiente. "Die Kantine ist bei uns das Netzwerkinstrument Nummer eins", erläutert Ziegler. Auch Wissenschaftlerin Katja Lotz betont die Wichtigkeit, eine Wohlfühlatmosphäre in der Kantine zu schaffen, die nicht nur der Nahrungsaufnahme, sondern auch der Entspannung und dem Austausch dienen solle. Ähnlich sieht es Evelyn Beyer-Reiners: "Die Leute müssen satt werden und zufrieden sein."
Unternehmen sollten nicht nur auf die Kosten schauen
Gesoca-Geschäftsführer Christian Feist räumt mit einem alten Vorurteil auf. "Gesundes Essen muss nicht immer teurer sein." Hülsenfrüchte etwa seien sehr günstig und lieferten hochwertige Energie. Gemüse könnte viel billiger sein, wenn die Politik die Mehrwertsteuer senken oder ganz abschaffen würde, sagt Feist.

Mit der entsprechenden Beratung der Experten seien Kantinenbetreiber durchaus in der Lage, gesund und trotzdem wirtschaftlich zu kochen. Er warnt Unternehmenschefs davor, die Kantine nur als Kostenstelle zu sehen. Man sollte sie vielmehr als Investition in die Gesundheit und damit Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter betrachten. "Wir brauchen eine Kultur, die gesündere Ernährung in Unternehmen fördert", betont Feist.
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