Immer mehr Barber-Shops in Heilbronn: Darum zieht es Gründer in die Branche
Barbiere und Handy-Shops gibt es in Heilbronn einige, die Gründer haben häufig einen türkischen oder arabischen Migrationshintergrund. Die Gründe dafür dürften manche überraschen.

Von Januar 2022 bis April 2024 wurden in Heilbronn und Umgebung insgesamt 2252 neue Handwerksbetriebe gegründet. Das geht aus einer Auswertung der Handwerkskammer Heilbronn-Franken hervor.
Dabei sticht besonders die hohe Zahl türkischer Unternehmensgründer hervor, die mit 116 neuen Betrieben den größten Anteil unter Gründern mit nichtdeutschem Pass ausmachen. Rumänische Jungunternehmer folgen mit 91 Betrieben und Staatsangehörige des Kosovos belegen den dritten Platz mit 49 neueröffneten Handwerksbetrieben.
Die meisten neuen Friseursalons in Heilbronn wurden von Türken, Syrern und Irakern gegründet
Dabei zeigt sich im Handwerk beim Blick auf die Statistik eine Vorliebe für bestimmte Branchen: Unter den neuen Unternehmungen, die von Ausländern in den jüngsten zwei Jahren gegründet wurden, sind Friseursalons besonders beliebt. Laut Zahlen der Handwerkskammer zählen sie zu den zehn häufigsten gegründeten Unternehmensarten im Kammergebiet. Zu diesem gehören der Stadt- und Landkreis Heilbronn, der Hohenlohekreis, der Landkreis Schwäbisch Hall sowie der Main-Tauber-Kreis.
Insbesondere türkische sowie arabische Staatsangehörige scheinen in der Friseurbranche aktiv zu sein: 14 von 40 neuen Friseurbetrieben, gegründet durch Ausländer, haben türkische Inhaber, während Syrer und Iraker jeweils acht Salons eröffneten.
Viele Barbiere in Heilbronn: "Bedarf ist da. Keiner der Läden ist leer"
„Vor allem in der Heilbronner Innenstadt gibt es viele Barbierbetriebe", sagt Esra Topaloglu, stellvertretende Obermeisterin der Friseurinnung Heilbronn-Öhringen. Meistens seien Barbiere als Friseurläden eingetragen, was die genaue Erfassung der Anzahl jener Betriebe schwierig mache. Dass es viele seien, sei nicht zu bestreiten, sagt sie. „Der Bedarf ist aber auch da. Keiner dieser Läden ist leer."
Auch in ihrem Laden gibt es einen Bartservice, für den ein angestellter türkischstämmiger Friseur verantwortlich ist. „Durch den hohen Migrationsanteil in Heilbronn gibt es mittlerweile viele Einwohner mit starkem Bartwuchs. Das ist für mich natürlich ein lukratives Geschäft: Meine Stammkunden ohne Bart kommen alle vier Wochen, meine ausländischen Kunden kommen alle zehn Tage", sagt Topaloglu.
Warum gibt es so viele Barber-Shops in Heilbronn? Die Antwort liegt auf der Hand
Auch Khalil Meho aus Syrien betreibt einen Barbiersalon in der Heilbronner Innenstadt. Auf die Frage, warum es ausgerechnet arabische und türkische Bürger sind, die diesen Beruf ausüben, antwortet er: „Einen Bürojob können viele von uns wegen der Sprache nicht ausüben. Beim Haare und Bart machen reicht ein gebrochenes Deutsch. Außerdem gibt es in Syrien unglaublich viele Barbiere und Friseure, weil unser Haarwuchs so stark ist. Wir haben das alle dort gelernt und wollen hier einfach weiterführen, was wir können und lieben", erklärt Meho.
Auch seine Kunden seien meistens aus seinem Heimatland oder aus der Türkei. „Deutsche Kunden haben wir auch, aber eher selten. Die brauchen uns eher weniger, weil sie nicht so viel Bart haben oder tragen wollen. In unserer Kultur ist das wiederum Trend."
Gründer punkten mit Mehrsprachigkeit – für Kunden entsteht eine Heimat-Verbindung
Teyfik Mutlu, ein Heilbronner Unternehmer aus dem Bereich der Mobilfunkgeschäfte, erkennt eine ähnliche Tendenz: „Die Gründung von Handyshops ist bei unseren türkischen und arabischen Bürgern sehr beliebt. Türkische beziehungsweise arabische Kunden bevorzugen es, ihre Geschäfte innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft zu machen, weil sie dort handeln können. Sowas geht bei Media Markt beispielsweise nicht."

Außerdem punkte man mit Mehrsprachigkeit. Für Kunden, die weder Deutsch noch Englisch können, sei dies eine große Hilfe. „Ich selbst spreche Türkisch, Deutsch und Englisch. Meine Mitarbeiter können Kurdisch, Persisch, Afghanisch, Arabisch, Englisch und Deutsch. Das können wir bieten, weil wir alle multilingual aufgewachsen sind."
Mehrsprachigkeit und die Möglichkeit zum Handeln ziehe Kunden auch zu türkischen An- und Verkäufern für Goldschmuck, das erläutert Mervan Adirbelli, Inhaber von Bereket Gold in Heilbronn. „Der Handel mit Gold ist fester Bestandteil unserer Kultur. An Festtagen, insbesondere an Hochzeiten, wird Gold als Wertanlage für das Brautpaar verschenkt, und das teilweise wirklich in großen Mengen." Derart große Goldstücke seien bei deutschen Händlern aber nicht zu finden. Dort kaufe man vielmehr mit der Absicht, das Gold als Schmuck zu tragen, sagt Adirbelli.

Wie viele Gründer haben wirklich einen Migrationshintergrund? Statistik wird durch Einbürgerungen verzerrt
Doch Ausländer sind nicht gleich Ausländer. Eine Sprecherin der Handwerkskammer erklärt, dass nur diejenigen im System als ausländische Gründer erfasst werden, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. „Die Zahlen beantworten nicht, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund handwerklich arbeiten", sagt sie. Viele von ihnen seien ihren Papieren zufolge deutsch. Das bestätigt auch ein Sprecher der Industrie- und Handelskammer Heilbronn-Franken.
Eine weitere Schwierigkeit bei der genauen Erfassung des prozentualen Anteils ausländischer Inhaber stellen häufig angewendete Umgehungsstrategien dar. Beispielsweise ist in Deutschland für das Arbeiten mit bestimmten Chemikalien, wie Haar- und Bartfärbemitteln ein Meistertitel erforderlich. Dieser kann entweder vom Inhaber selbst oder von einem angestellten Meister vorgewiesen werden.
In vielen arabischen und türkischen Ländern allerdings sei für das Betreiben eines Friseursalons kein Meistertitel nötig. Was dazu führe, dass sich eine Person mit einem solchen Titel formal als Inhaber eintragen lasse, während die tatsächliche Geschäftsführung von jemand anderem übernommen wird. Demnach seien die Zahlen ungenau. Die Sprecher vermuten daher sogar einen noch höheren Anteil an ausländischen Gründern.

Stimme.de
Kommentare
Stefan am 17.05.2024 10:14 Uhr
Starker Bartwuchs. Hat man je einen größeren Unsinn gelesen?
Jürgen Mosthaf am 16.05.2024 15:12 Uhr
Über einen Grund sollte man hier auch einmal deutlich reden. Der Anteil an Barumsätzen ist in den vorgenannten Branchen sehr hoch. Kassenbons sind eher die Ausnahme wie die Regel. Wenn nur der gesetzliche Mindestlohn bezahlt werden würde kann es unmöglich sein einen Haarschnitt für + - 13 anzubieten oder einen Döner für 6 Euro auf die Hand zu legen. Ich kaufe seit Jahren auf dem Stuttgarter Großmarkt in Wangen ein. Dort existieren zwei Paralellgesellschaften unter den Großmarkthändlern. Bargeld bündelweise in den Taschen mit sich herumzutragen kann auch ein Teil einer Kultur sein. Auf diesem Markt kommt man jedoch nur rein, wer einen Gewerbeausweis hat. Während der Speiseölkrise gab es dort durchaus Öl - direkt Import mit türkischem Aufdruck- gegen bares. Zwar sehe ich oft Zollfahrzeuge, das scheint mir aber eher Kosmetik zu sein wie hartes Durchgreifen. Deutschland ist ein schönes Land.
Jürgen Mosthaf