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Neckarsulm

Audi: Heckantrieb statt Quattro

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Analyse: Nach zahlreichen Personal- und Strategiewechseln ist Audi Sport jetzt auf der Suche nach Identität und Kontinuität. Die Nachfrage nach dem R8 ist dürftig.

Von Alexander Schnell und Manfred Stockburger
Foto: Audi
Foto: Audi  Foto: Audi

Mit dem R8 RWS ist die Quattro endgültig Geschichte. Nicht nur, weil an dem Fahrzeug die Marke Audi Sport steht: RWS steht für Rear Wheel Series, also Heckantrieb. Und das ist bekanntlich das Gegenteil von Quattro. Der Sportwagen aus der Heilbronner Manufaktur, der mit einem Grundpreis von 140 000 Euro geradezu ein Schnäppchen ist, soll bei der Sport-Schmiede mit den vier Ringen wieder für Schwung sorgen - und das ist auch nötig: Weniger als 15 Fahrzeuge werden aktuell pro Arbeitstag im Industriegebiet Böllinger Höfe produziert.

Ausgelegt war die Manufaktur einst für mindestens 30 R8 pro Tag - insgeheim hatte Audi noch ganz andere Pläne für sein sportliches Flaggschiff. Dass der auf der IAA vorgestellte Heckantriebler die Stückzahlen wieder auf die Überholspur bringt, ist dennoch unwahrscheinlich: Die auf 999 Stück limitierte Serie sei im aktuellen Produktionsplan bereits enthalten, hört man in Neckarsulm.

Winkelmann geht zu Bugatti

Als der frühere Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann vergangenes Jahr in Neckarsulm das Steuer übernahm und schnell auf die Änderung des Markenauftritts pochte, hat er sich das sicherlich anders vorgestellt. Dass seine Tage bei der auch juristisch in Neckarsulm angesiedelten Audi-Tochter gezählt sind, ist bekannt. Der Manager mit Dressman-Qualitäten, einst Deutschland-Chef von Fiat, soll zum Jahreswechsel Wolfgang Dürheimer als Chef der VW-Tochter Bugatti beerben.

Damit reiht er sich ein in die illustre Gesellschaft seiner beiden Vorgänger, denen bei der Quattro ebenfalls nur eine kurze Zeit vergönnt war: Der eher blutarme Franciscus van Meel sollte nach dem Abgang des Quattro-Urgesteins Werner Frowein der sportlichen Speerspitze durch die Elektrifizierung Dampf machen. Daraus wurde allerdings nichts. Heute ist van Meel Chef der M GmbH von BMW. Auf ihn folgte Heinz Hollerweger, ein Entwickler mit richtig viel Benzin im Blut, der perfekt zur Marke Quattro passte. Bevor der erfahrene Audianer allerdings viel reißen konnte, musste er wieder Platz machen - für Stephan Winkelmann.

Ehemaliger Stadler-Assistent soll neuer Chef werden

Dessen Edelposten in Italien benötigte Audi-Boss Rupert Stadler plötzlich für den bei Ferrari eingekauften Stefano Domenicali, nachdem es mit dem bereits beschlossenen Formel-1-Einstieg von Audi nichts wurde. Nach Informationen der Heilbronner Stimme soll jetzt Dominique Boesch neuer Chef von Audi Sport werden. Der 51-Jährige leitet derzeit bei Audi den Vertrieb für Europa.

Einen neuen Technik-Chef hat Audi Sport bereits seit 1. Oktober - Oliver Hoffmann (40), einst Assistent von Audi-Chef Rupert Stadler und zuletzt in der Motorenentwicklung tätig. Er hat das Urgestein Stephan Reil (52) abgelöst, der seit 1995 bei der Tochterfirma gearbeitet hat und seit dem ersten RS4 Avant (1999) alle Modelle der einstigen Quattro zur Serienreife gebracht hat. Reil hatte bei der sportlichen Tochter in der zweiten Reihe die Fäden zusammengehalten, auch er bekommt jetzt eine andere Aufgabe im Konzern, wie es so schön heißt. Wo, das ist noch unbekannt.

Produktoffensive soll Rückenwind bringen

Foto: Audi
Foto: Audi  Foto: (AUDI AG)

Oliver Hoffmann soll nun eine Produktoffensive ins Ziel bringen: Bis 2020 soll die Zahl der Modelle von Audi Sport von elf auf 16 steigen. Ausgebaut wird dabei dem Vernehmen nach das Angebot an SUV-Modellen - unter anderem soll es entsprechende RS-Versionen von Q2 und Q5 geben. Selbst für den Nachfolger des Kleinwagens A1 (ab 2018) ist den Plänen zufolge ein besonders sportliches Modell denkbar.

Ob es eine dritte Generation des vor zehn Jahren erstmals aufgelegten R8 geben wird, steht indes in den Sternen. Bei der E-Variante, die 2016 nach nach einem mehrfachen Hin und Her auf den Markt kam, zog Audi vor einem Jahr nach nur sechs Monaten wieder den Stecker - ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als das Thema Elektromobilität begann, Fahrt aufzunehmen. Die Stückzahlen waren homöopathisch.

Neue Pläne für die Edelfabrik

Wie geht es jetzt weiter? Der Bau der Sportwagenmanufaktur im Heilbronner Industriegebiet Böllinger Höfe im Jahr 2014 sollte dem Standort Neckarsulm einen Vorsprung gegenüber der Mercedes-Edelschmiede AMG und den M-BMWs verschaffen. Im Wettstreit der Standorte sollte das ein Joker für Neckarsulm werden. Eigentlich sollte die Manufaktur im wahrsten Sinne des Wortes aufgestockt werden - um ein Entwicklungszentrum. Nicht zuletzt wegen des Dieselskandals kam dann alles anders.

Inzwischen gibt es für die Edelfabrik ganz andere Pläne, die mit Audi Sport nur noch wenig zu tun haben. Die Manufaktur könnte schließlich auch für ganz andere Modelle genutzt werden, die andere Stückzahlen versprechen als der R8, ob mit oder ohne Quattroantrieb.

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