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Ingolstadt/Neckarsulm

Hinter den Kulissen der Designabteilung von Audi – wie die sportlichsten Modelle entstehen

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Vom leeren Blatt Papier bis zum fertigen Design: So entsteht die Optik für die besonders dynamischen Modelle der Audi Sport GmbH aus Neckarsulm. Zwei Designer blicken zurück auf den ersten R8 und die künftigen RS-Modelle.

Frank Lamberty (links) hat den ersten Audi R8 entworfen, Stephan Fahr-Becker zahlreiche RS-Modelle.
Frank Lamberty (links) hat den ersten Audi R8 entworfen, Stephan Fahr-Becker zahlreiche RS-Modelle.  Foto: Audi

Man könnte den beiden ewig zuhören. Und zuschauen. Beim Gespräch mit den Audi-Designern Frank Lamberty und Stephan Fahr-Becker entsteht fast eine kleine Challenge, wer an diesem Tag den schöneren R8 zeichnet.

"Meiner sieht natürlich am besten aus", sagen beide zeitgleich und lachen. Man merkt ihnen an, wie viel Spaß sie an ihrem Job haben. "Die sportlichsten Autos der Marke zu zeichnen, ist etwas ganz Besonderes", sagt Fahr-Becker. Sie sprechen von den R- und RS-Modellen der Tochtergesellschaft Audi Sport GmbH, die ihren Sitz in Neckarsulm hat.

Hinter den Kulissen bei Audi: Ein Traum für jeden Designer

Vor mehr als 25 Jahren hat Frank Lamberty bei Audi begonnen. "Einen Sportwagen zu zeichnen, ist für jeden Designer ein Traum." Als er bei der Marke mit den vier Ringen anfängt, startet gerade das R8-Motorsportprogramm für den Langstreckenklassiker in Le Mans. "Und ich mittendrin.

Gezeichnet wird immer noch viel auf Papier.
Gezeichnet wird immer noch viel auf Papier.

Die Ingenieure hatten natürlich die maximale Performance für das Auto im Fokus", blickt Lamberty zurück. "Das war für uns Designer eine ganz andere Herausforderung. Da ist die Abstimmung mit den Technikern noch mal enger als in der Serie." Als das Rennauto fertig ist, wird schnell klar: Audi will so ein Auto auch für den ganz normalen Betrieb auf der Straße haben.

Eine nicht alltägliche Aufgabe

"Es gab ja schon mehr als zehn Jahre vorher Konzepte wie den Avus quattro und den quattro Spyder. Diese Fahrzeuge waren ihrer Zeit voraus", so Lamberty. Dann ist es damals aber soweit: ein Supersportwagen für die Straße von Audi. "Man denkt ja erst mal so: Ein flaches und breites Auto zu zeichnen - das ist einfach", so Lamberty.

Doch gibt es die eine oder andere Tücke. Ein Mittelmotor-Sportwagen, der, so die knifflige Vorgabe, nicht britisch oder italienisch anmuten soll. "So ein Konzept hatte es in der Markengeschichte noch nicht gegeben, es gab keinerlei Vorbilder", sagt Lamberty. Eine nicht alltägliche Aufgabe.

Mittlerweile ist der Audi R8 Geschichte. Im Jahr 2007 kam die erste Generation mit den markanten Sideblades auf den Markt.
Mittlerweile ist der Audi R8 Geschichte. Im Jahr 2007 kam die erste Generation mit den markanten Sideblades auf den Markt.

"Da hat quasi jeder den Stift in die Hand genommen"

"Wir haben alle für das Projekt gebrannt", blickt Lamberty zurück. "Da hat quasi jeder den Stift in die Hand genommen, und angefangen zu zeichnen", sagt er lachend. Die technische Konzeption des Sportwagens bringt einige formale Vorgaben mit sich - zum Beispiel ist klar, dass der Fahrer sehr weit vorne sitzen würde.

Ebenfalls besonders wichtig beim R8: Die sogenannten Sideblades, oft in schwarz lackiert, haben erst einmal etwas Funktionales: Sie werden für die Luftdurchführung entworfen. "Die Sideblades sehen aber auch gut aus", betont Frank Lamberty. "Absolut stilprägend beim Audi R8."

Zehnzylinder unter der Glashaube

Technik sichtbar zu machen, das sei damals wie heute eines der großen Ziele im Design gewesen. Deswegen habe man sich auch relativ schnell für transparente Motorhauben entschieden, unter der die Acht- und Zehnzylindermotoren jederzeit zu sehen sind. Bei den ersten Entwürfen habe man sogar das Glas weggelassen, alles war komplett offen. "Die Besitzer eines R8 haben eine zeitlose Ikone, die nie alt aussehen wird", so Lamberty.

Kein Vorbild für den R8

Bei der zweiten Generation des Supersportwagens, von der Ende März am Standort Böllinger Höfe in Heilbronn das letzte Exemplar vom Band gerollt ist, hat Frank Lamberty den Designprozess natürlich ganz genau verfolgt. Es sei nicht einfach, eine Ikone weiterzuentwickeln, aber viele Details zeigen die Evolution des R8 - wie der flachere und breitere Kühlergrill. Oder die flachen Schlitze oberhalb davon - sie erinnern an den legendären Audi Sport quattro.

Beim R8 gab es bei der Gestaltung kein Vorbild. "Bei RS-Modellen ist ja zumindest ein Grundmodell vorhanden", sagt Stephan Fahr-Becker. Und dann gehe es an die Details: Grill, Kotflügel, Heck und so weiter. Für ihn hat sich als Designer bei Audi ein Traum erfüllt. "Ich bin extrem auto-affin. Kraftvolle Autos haben mich schon immer begeistert. RS-Design steht für Power, Dynamik und Souveränität. Es bedeutet, die sportliche Linienführung von Audi noch einmal zu schärfen, auf die Spitze zu treiben."

Eine Skizze des aktuellen Audi RS 6 Avant, der am Standort Neckarsulm gebaut wird. Typisch für den Sport-Kombi sind die großen Räder und ein kraftvolles Heck.
Eine Skizze des aktuellen Audi RS 6 Avant, der am Standort Neckarsulm gebaut wird. Typisch für den Sport-Kombi sind die großen Räder und ein kraftvolles Heck.  Foto: Stark Andreas

Proportionen sind entscheidend

Die RS-Modelle sind die extremsten im Audi-Portfolio. "Die Proportionen sind für ein Fahrzeug entscheidend", führt Fahr-Becker aus. "Dazu gehören bei sportlichen Autos insbesondere eine breitere Spur und betonte Kotflügel an allen vier Rädern, denn sie visualisieren den Allradantrieb quattro." Zudem seien große Lufteinlässe und eine effiziente Aerodynamik wichtig. "Design darf nicht nur gut aussehen, sondern muss auch funktional sein", betont Fahr-Becker. "Wenn Technologie und Design eine Einheit bilden, haben wir für unsere Kunden einen emotionalen und progressiven Audi erschaffen."

Stephan Fahr-Becker kann bei seiner Begeisterung nicht verstecken, dass der RS 6 Avant, der im Werk Neckarsulm gebaut wird, eines seiner Lieblingsautos ist. Er schaut auf die Skizzen, die vor ihm liegen. "Allein dieser Blick - konsequent und kompromisslos", so der Designer.

Breite Backen, große Räder

"Wir Designer haben einfach eine Schwäche für große Räder", wirft Frank Lamberty ein. Stephan Fahr-Becker bleibt an Skizzen des aktuellen Audi RS 6 Avant hängen. "42 Millimeter pro Seite breiter im Vergleich zum Serien-A6", sagt der Designer. "Breite Backen, große Räder, so steht das Auto super hochwertig auf der Straße."

Wie die Räder im Radhaus stehen, das seien große Herausforderungen - nicht nur optisch, sondern auch im Hinblick auf die Gesetzgebung. Ein Kombi gepaart mit hoher Alltagstauglichkeit und coolstem Design, da sind sich Fahr-Becker und Lamberty einig, das sei bis heute ein absolutes Erfolgsrezept.

Bald kommen die sportlichen E-Autos

Abgesehen vom vollelektrischen RS E-Tron GT, der in den Böllinger Höfen in Heilbronn gefertigt wird, sind die Modelle der Audi Sport GmbH noch mit konventionellem Antrieb unterwegs. Noch, denn auch die Audi-Tochter aus Neckarsulm startet in den nächsten Jahren mit teil- und vollelektrischen Fahrzeugen in eine neue Ära. Das stellt auch die Designer vor neue Herausforderungen, wenn es dann Ende 2024, Anfang 2025 mit einem vollelektrischen SUV, dem RS Q6 E-Tron, losgeht. Darauf folgen mit dem RS 6 E-Tron und dem RS 6 Avant E-Tron eine Limousine und ein Kombi.

Neue Elemente für die Optik der Stromer

"Wir freuen uns darauf, wenn wir die neuen Autos zeigen können", sagt Stephan Fahr-Becker. "Die RS-Kunden werden nicht enttäuscht sein, denn wir bleiben den Wurzeln des RS-Designs treu." Dazu gebe es viele neue Elemente. Für die kommenden Modelle liegt der Designprozess schon ein paar Jahre zurück. "Wir haben uns viele Fragen gestellt, etwa wie wir die RS-Gene vom Verbrenner- ins Elektrozeitalter transportieren und damit genauso viel - oder sogar ganz neue - Begeisterung wecken können", so Fahr-Becker. Vieles bleibt bis zur Premiere noch geheim. Nur so viel: Der Austausch zwischen Design und Technik habe sich intensiviert, "das Design bleibt faszinierend".

 
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