Digitale Transformation
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Vom Jammertal ins Tuntal

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Den schwierigen wirtschaftlichen Zeiten zum Trotz verbreiten Wissenschaft und Mittelstand bei einer Veranstaltung zur digitalen Transformation in Heilbronn viel Optimismus. Im Zentrum stehen die Chancen von Künstlicher Intelligenz.

Meline von Brentano vom Software-Unternehmen Palantir berichtete im Gespräch mit Zeit-Herausgeber Uwe Jean Heuser von Beispielen aus ihrem Alltag, bei denen Künstliche Intelligenz Prozesse beschleunigt hat.
Meline von Brentano vom Software-Unternehmen Palantir berichtete im Gespräch mit Zeit-Herausgeber Uwe Jean Heuser von Beispielen aus ihrem Alltag, bei denen Künstliche Intelligenz Prozesse beschleunigt hat.  Foto: Berger, Mario

Wozu Künstliche Intelligenz einmal in der Lage sein wird, lässt sich kaum vorhersagen. In ihrer täglichen Arbeit mit Software, die selbstständig Aufgaben übernimmt, für die bisher menschliche Intelligenz notwendig war, erleben auch Wissenschaftler und Experten immer wieder Überraschendes. "Ich habe erwachsene Menschen weinen sehen vor Glück", sagte Meline von Brentano am Mittwoch auf dem Campus der Hochschule in Heilbronn.

Die Leiterin der digitalen Transformation des Software-Unternehmens Palantir berichtete bei der Veranstaltung "Rethink Mittelstand" der Technischen Universität München und des Zeit-Verlags, wie der Softwarekonzern den Unternehmen mithilfe seiner Programme hilft. Im konkreten Tränen-Fall ging es um ein Problem, über das ein  Unternehmer seit vielen Jahren gegrübelt hatte. Entsprechend groß sei seine Freude gewesen, als mithilfe Künstlicher Intelligenz das Problem quasi im Handumdrehen gelöst war.

Vorteile Künstlicher Intelligenz in die Wirtschaft bringen 

Angesichts riesiger, mitunter über Jahrzehnte angehäufter Datenmengen sei unheimlich viel "Sand im Getriebe, das wir mit Künstlicher Intelligenz rausnehmen können", sagte von Brentano. Sie berichtete von anderen Beispielen, die vor KI eine Woche Zeit in Anspruch genommen hätten - und mit KI vier Stunden. Prozesse zu digitalisieren sei ein wahnsinniger Effizienz-Fortschritt, sagte die Expertin und warb vor den Mittelstands-Unternehmern dafür, Aversionen gegen Softwarelösungen abzulegen.

"Eine Krise ist auch immer eine Chance. Eine Polykrise eine Polychance."

Helmut Krcmar

Auch Thomas Hofmann, Präsident der TU München, sprach sich für ein furchtloses und mutiges Herangehen an die neuen Themen aus. "Wir müssen weg von einer hundertprozentigen Präzision, sondern die Dinge auch schon mit 80 Prozent vorantreiben und auf dem Weg anpassen." Es gehe darum, die Vorteile von Künstlicher Intelligenz in die Wirtschaft zu bringen, gerade in den Mittelstand, dem Rückgrat des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

Unternehmen helfen, innovative Wege zu beschreiten

Und wo sonst ließe sich besser über digitale Transformation sprechen als in Heilbronn, das sich "vom schwäbischen Liverpool zu einer Wissenschaftsstadt" entwickele, fragte Martin Diepgen. Der Erste Bürgermeister der Stadt wollte die Veranstaltung auf dem Campus bewusst als Gegenpol zur aktuellen wirtschaftlichen Lage in Deutschland mit vielen dunklen Wolken am Himmel verstanden wissen. "Unternehmen zu helfen, innovative Wege zu beschreiten: Das ist genau das, was es in unsicheren Zeiten braucht", sagte Diepgen.

Die Zeiten seien herausfordernd, keine Frage, meinte er. Sorgen bereite ihm aber die aufkommende "Larmoyanz einhergehend mit Lähmungserscheinungen", die es zu bekämpfen gelte. Verantwortung übernehmen statt sie abzugeben, das sei der Weg. An die Unternehmer gewandt sagte er: "Fragen Sie sich: Wer will ich nach der Krise in der Krise gewesen sein."

Die Zukunft wartet nicht auf uns: Unter diesem Motto diskutierten Wissenschaftler und Unternehmer am Abend über die Chancen Künstlicher Intelligenz für den deutschen Mittelstand.
Die Zukunft wartet nicht auf uns: Unter diesem Motto diskutierten Wissenschaftler und Unternehmer am Abend über die Chancen Künstlicher Intelligenz für den deutschen Mittelstand.  Foto: Andreas Henn

Eine Botschaft der Zuversicht: Das wollten auch die Gastgeber um Helmut Krcmar von Heilbronn aus in die Welt senden. Es sei an der Zeit, vom Jammertal ins Tuntal zu wechseln, sagte der Gründungsdekan der TU München am Campus Heilbronn. "Eine Krise ist auch immer eine Chance. Eine Polykrise eine Polychance", sagte er. Das Heil in der Krise könne nicht sein, sich weiter abzuschotten. "Wir müssen die Krise gemeinsam angehen."

Teilnehmer entdecken das gemeinsame Ökosystem wieder

Die Digitalisierung biete dafür einen neuen Ansatz. "Die Veranstaltung hat den Teilnehmern gezeigt, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind", sagte Krcmar. Und: Dass sie über Unternehmensgrenzen hinweg gemeinsam an Lösungen arbeiten könnten. Das war auf der Bühne in Heilbronn schon sichtbar, auf der sich Unternehmen Seite an Seite zeigten. Der Gründungsdekan sprach von einer "Wiederentdeckung des gemeinsamen Ökosystems".

Bei der Suche nach Lösungen seien KI-Anwendungen ein Beschleuniger. Und gerade jetzt, machte Meline von Brentano deutlich, trenne sich die Spreu vom Weizen. "Wir haben nun die entsprechenden Werkzeuge, man sieht, in welche Richtung es geht." Die nächsten ein, zwei Jahre versprechen eine spannende Entwicklung. Mit Potenzial für weitere Glücksgefühle.

Mit "Rethink Mittelstand" haben die Organisatoren einen Nerv getroffen. Viele der über 300 Gäste, zumeist Unternehmer, blieben bis zum späten Abend und verfolgten auch noch die Talk-Runde. "Es braucht mehr solcher Veranstaltungen", findet Alexander Wonner von der Heilbronner Unternehmensberatung GrowX. "Aufklärung ist jetzt wichtig, durch Unwissenheit sind viele Unternehmen zurückhaltend."

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