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Wirtschaft

Unternehmen suchen Azubis auf der Straße

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Der erste Pop-Up-Store Baden-Württembergs in Stuttgart soll junge Menschen für Ausbildungsberufe begeistern. Die Not der Unternehmen ist groß. 

von Matthias Schmid
Mitten im Herzen von Stuttgart: Der erste Pop-Up-Store Baden-Württembergs solle junge Menschen für Ausbildungsberufe begeistern.
Mitten im Herzen von Stuttgart: Der erste Pop-Up-Store Baden-Württembergs solle junge Menschen für Ausbildungsberufe begeistern.  Foto: Schmid, Matthias

Die Scheibe bleibt bei Bauzeichner hängen. Bauzeichner? Auf den Gesichtszügen des jungen Mannes macht sich Ahnungslosigkeit breit. Fragend schaut er hinüber zu der Frau, die das Berufsorakel bedient. „Bauzeichner erstellen maßstabsgetreue Bauzeichnungen und Baupläne“, erläutert sie. Er lacht und sagt: „Ich bin nicht der beste Zeichner, ich möchte nicht, dass das Gebäude danach schief gebaut wird.“

Noah Lohner aus Ludwigsburg ist einer von vielen jungen Menschen, die am Schlossplatz gegenüber dem Kunstmuseum Halt machen, um an der Berufsorakelscheibe zu drehen. Es ist ein heiteres Berufefinden mit ernstem Hintergrund. Bauzeichner, Koch, Süßwarentechnologe und viele andere Ausbildungsberufe stehen zur Auswahl. Wer dreht, bekommt neben einer Beratung auch einen Glückskeks. „Die Drehscheibe kommt gut an“, sagt Maike Fleischer. Sie ist die Chefin des ersten Pop-Up-Stores Baden-Württembergs. Eine Woche lang wird er mitten im Herzen Stuttgarts stehen. „Wir wollen die Jugendlichen dort ansprechen, wo sie sich aufhalten“, sagt die Referatsleiterin Bildungsprojekte bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart.

Viele Bewerber sind nicht mehr ausbildungsreif

Die richtigen Auszubildenden zu finden, damit tun sich die meisten Betriebe und Unternehmen in Baden-Württemberg zunehmend schwerer. Fast die Hälfte von ihnen konnte nicht alle Ausbildungsplätze besetzen, wie eine aktuelle Online-Umfrage der IHK zeigt, an der 2095 Firmen mitgemacht haben. Und ein knappes Drittel hat nicht mal Bewerbungen erhalten. „Alarmierend“ sei das, sagt die stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführerin Andrea Bosch. „Wir müssen unbedingt das Image der Ausbildung verbessern und ähnlich wie beim Studium ein Lebensgefühl wecken.“ Bosch ist gleichzeitig Leiterin der Abteilung Berufliche Bildung und Fachkräfte. Sie kennt die Unwucht bei den offenen Stellen und den Lehrstellensuchenden. In Baden-Württemberg gibt es zum 30. Juni 35 000 Jobangebote, aber nur 18 700 Bewerber. Es sei deshalb wichtig, auch auf den Gymnasien für eine duale Ausbildung zu werben und die Schüler dafür zu begeistern.

Die derzeitige Unterdeckung führt unter anderem zu einer sogenannten „No-show“-Quote. 14 Prozent der Unternehmen geben in der Umfrage an, dass Bewerber, die den Zuschlag bekommen hatten, ihren Ausbildungsplatz gar nicht angetreten haben. In der Region Stuttgart liegt diese Quote sogar bei 22 Prozent. „Manche haben mehrere Verträge gleichzeitig unterschrieben und es nicht für nötig gehalten abzusagen“, sagt Bosch.

Ein Phänomen, das sie seit ein paar Jahren beobachtet. Defizite gebe es aber nicht nur im Sozialverhalten, sondern auch im Schreiben, Rechnen und Lesen. „Viele junge Menschen verlassen die Schule nicht mehr ausbildungsreif“, sagt Andrea Bosch. Die Unternehmen im Land lassen sich einiges einfallen, um die Schwächen aufzuarbeiten. So bieten manche eigene Nachhilfestunden für leistungsschwächere junge Mitarbeiter an. Oder sie richten die Ausbildung an den bestehenden Fähigkeiten aus. Ersatzschulen seien die Betriebe allerdings nicht, mahnt Andrea Bosch. Sie appelliert deshalb an die grün-schwarze Landesregierung, unbedingt die Unterrichtsqualität zu verbessern. „Wir brauchen wieder junge Menschen, die die schulischen Grundfähigkeiten beherrschen.“

Unternehmer zahlen Azubis Mitzuschüsse

Mietzuschuss Mangelhafte Schulbildung ist allerdings nicht das einzige Problem, mit dem die Firmen konfrontiert werden. Vor allem in den Ballungsräumen und Universitätsstädten fehlt es an bezahlbaren Wohnungen. In Freiburg geben 43 Prozent der Unternehmen an, dass die Wohnraumsituation ein Hindernis bei der Akquise sei. Einzelne Unternehmen (5,3 Prozent) bezahlen bereits einen Mietzuschuss, fast der gleiche Prozentsatz mietet sogar Wohnungen für Azubis an. Helfen würden, sagt Bosch, mehr Städte, die Wohnheimplätze schaffen. Mannheim und Heidelberg tun das. Aber sie sind Ausnahmen. Über das Bundesprogramm Junges Wohnen sei eine Förderung schon möglich.

Noah Lohner ist nicht abgeneigt, mehr über die Ausbildung zum Bauzeichner zu erfahren. Sogenannte Virtual-Reality-Brillen am Pop-Up-Store machen es möglich, sich digital auf Entdeckungsreise zu machen. Man kann dann einem Bauzeichner bei der Arbeit über die Schulter blicken. „Mich würde es schon reizen, in Stuttgart daran mitzuwirken, Wolkenkratzer zu bauen“, sagt der 17-Jährige. Ein Praktikum? Ja, das könne er sich vorstellen. „Der Pop-Up-Store ist jedenfalls eine gute Einrichtung, um uns Jungen zu erreichen.“

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