100 Jahre Südzucker – vom Produzenten zum Weltkonzern
Aus einem Zusammenschluss von fünf Fabriken entstand 1926 der Südzucker-Konzern. Das wird groß gefeiert.
Als sich 1926 fünf bereits in einer Interessengemeinschaft verbundene Zuckerfabriken zusammenschlossen, war nicht abzusehen, dass daraus einmal der größte Zuckererzeuger Europas werden sollte. Dabei führte die Fusion von Frankenthal, Heilbronn, Offstein, Stuttgart und Waghäusel zur Süddeutschen Zucker-Aktiengesellschaft mit Sitz in Mannheim gleich nahezu zum heutigen Namen – und der Unternehmenssitz hat sich seitdem auch nicht mehr geändert.
Damals wie heute waren es die Marktbedingungen, die das Handeln bestimmten. Die Fusion sollte helfen, durch Überproduktion und Weltwirtschaftskrise aufgetretene Probleme zu lösen, indem ein großer Akteur mehr Marktmacht ausspielen konnte. Und so war die Gruppe 1933 bereits das größte Zuckerunternehmen im Deutschen Reich.
100 Jahre Südzucker: Expansion, Zwangsarbeit und Strukturwandel
Die Nationalsozialisten betrachteten die Gruppe aber zunächst als kapitalistischen Großkonzern, der Kleinbauern ausbeute und zudem unter „jüdischem Einfluss“ stehe. Doch die Firma schwenkte auf den neuen politischen Kurs ein und nutzte die Möglichkeiten, die sich ihr im Nationalsozialismus boten – nachzulesen in einer vor zwei Jahren veröffentlichten Studie: Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs stieg die Rübenverarbeitung sogar an.

Das Unternehmen setzte daher bereits in der Kampagne 1939/40 ausländische Ersatzarbeitskräfte ein. Im Kriegsverlauf sind es Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion, aber auch deutsche Juden, die an allen Standorten herangezogen werden. In manchen Fabriken machen sie in der Kampagne mehr als zwei Drittel der Belegschaft aus. Laut der Studie ist davon auszugehen, dass in den Kriegsjahren mehr als 10.000 Männer, Frauen und in den Landwirtschaftsbetrieben auch Kinder Zwangsarbeit leisten mussten.
Ab 1943 erschweren alliierte Bomberangriffe die Produktion. Trotz teils erheblicher Schäden produzieren die Zuckerfabriken aber bis Kriegsende weiter. Die Fabrik in Frankenthal wird jedoch komplett zerstört, ebenso die Verwaltung in Mannheim. Nach Kriegsende nehmen die Fabriken aber bald den Kampagne-Rhythmus wieder auf.

Als die Landwirte zu Anteilseignern wurden
1955 kommen die Landwirte ins Spiel: Sie fordern eine zweite Zuckerfabrik in Bayern. Als Zugeständnis wird ihnen eine Beteiligung an dem Konzern angeboten, auch um eine Konkurrenz zu der eigenen Zuckerfabrik Regensburg zu verhindern. Auf dieser Basis wird dann der Bau einer Zuckerfabrik in Rain beschlossen, die 1957 in Betrieb geht.An der Zuckerfabrik Franken GmbH in Ochsenfurt halten die Landwirte fortan über die Süddeutsche Zuckerrübenverwertungs-Genossenschaft 51 Prozent – und Südzucker den Rest. 1959 beschließen sie den Bau einer zweiten Zuckerfabrik in Franken; 1960 wird diese Anlage in Zeil in Betrieb genommen. 2001 wurde sie übrigens stillgelegt, demontiert und in Aserbaidschan wieder aufgebaut. Heute wird das Gelände als Zuckerlager genutzt.

Der Fabrikbau in der Gruppe geht weiter: 1961 geht Plattling in Betrieb, parallel wird entschieden, die Werke Züttlingen, Heilbronn und Stuttgart zu schließen und in Offenau neu zu bauen sowie Waghäusel zu erweitern. Die Bauarbeiten bei Offenau beginnen 1967, werden aber zunächst durch archäologische Funde aus der Bronze- und Römerzeit ausgebremst. Am 20. September 1971 startet dann der Betrieb. Damals wurden die Rüben zu 70 Prozent über die Schiene angeliefert und nur zu 30 Prozent auf der Straße.
Erst seit 1988 heißt der Konzern Südzucker AG
Damit war diese Phase der Expansion und Umstrukturierung abgeschlossen. Die nächste große Änderung folgt erst 1988, als die Südzucker AG mit Sitzen in Mannheim und Ochsenfurt entsteht aus dem Zusammenschluss der Süddeutschen Zucker-Aktiengesellschaft mit der Zuckerfabrik Franken GmbH. Dadurch kommen die traditionsreichen Werke Warburg und Wabern neu in den Verbund. Und seitdem halten die Zuckerrübenanbauer die Mehrheit am Konzern.
Das neue Unternehmen blickt nun über die Grenzen: 1989 beteiligt es sich an der österreichischen Agrana, die wiederum auf dem ungarischen Zucker- und Stärkemarkt aktiv ist, sowie an der belgischen Raffinerie Tirlemontoise. Jenseits des traditionellen Zuckergeschäfts geht es dann 1995 weiter mit der Gründung der Schöller Holding, zu der neben der Eismarke auch der Tiefkühlvertrieb Eismann gehört. Von diesem Geschäft trennt sich Südzucker aber im Jahr 2001 wieder.
Seit wann Südzucker Pizza produziert
1996 erwirbt der Konzern dafür die Mehrheit am Tiefkühlpizza-Hersteller Freiberger, zwei Jahre später wird auf 100 Prozent aufgestockt. Ein Freiberger-Werk ist dadurch heute mit 1200 Beschäftigten größter Einzelstandort der Gruppe. Freiberger kaufte in den vergangenen Jahren mehrfach andere Hersteller, unter anderem in den USA.In den folgenden Jahren greift Südzucker weiter international aus: 1996 in Polen, 1998 in Moldawien, 2001 in Frankreich. 2003 kommen weitere 14 Zuckerfabriken in Polen hinzu.
Im selben Jahr wird der neue Bereich Frucht geschaffen, in dem – vor allem bei Agrana – sogenannte Fruchtzubereitungen und Fruchtsaftkonzentrate hergestellt werden. Das Unternehmen wird in den folgenden Jahren auch in China, Indien, Afrika und Südamerika aktiv.
Hoffnung auf alternative Kraftstoffe
Ein ganz neues Kapitel schlägt Südzucker 2005 auf, als in Zeitz die Produktion von Bioethanol aufgenommen wird. Anfangs wird auf den Biokraftstoff E85 gehofft, inzwischen ist die daraus entstandene Tochter Cropenergies vor allem Zulieferer für E10 – und für Tiernahrung, die aus den Resten der Getreide-Rohstoffe hergestellt wird. Von 2006 bis 2024 ist Cropenergies börsennotiert mit einem Mehrheitsanteil bei Südzucker, heute werden weitere Werke in Belgien, Frankreich und Großbritannien betrieben.
Ein weiteres Geschäftsfeld hört seit 2007 auf den Namen Beneo: Dort werden funktionelle Inhaltsstoffe für Lebensmittel und Tiernahrung produziert, unter anderem aus Chicoree. Die Standorte sind weltweit verteilt, einer der größten befindet sich schon seit 2006 in Chile.
Zucker-Weltmarkt bereitet auch Probleme
Bei aller Expansion bremsen aber Weltmarkt und Regularien immer wieder das Geschäft. Die Aufhebung der EU-Zuckermarktordnung führt 2008 bereits zu Werksschließungen, eine zweite Stilllegungswelle folgt 2020, als unter anderem Warburg und Brottewitz aufgegeben werden. Erst vergangenes Jahr wurden zwei Werke von Agrana in Tschechien und Österreich geschlossen. Denn momentan ist nicht nur der Zuckermarktpreis auf einem Tiefstand, auch der Schädling Glasflügelzikade setzt mit zwei neuen Krankheiten, SBR und Stolbur, der Zuckerrübe zu. Erst im abgelaufenen Jahr haben Gegenmaßnahmen eine Besserung gebracht – die Werte aus Zeiten vor der Zikade wurden aber noch nicht erreicht.
So geht Südzucker mit ein paar Ungewissheiten in sein zweites Jahrhundert. Gefeiert wird jedenfalls – mit einem Festakt im März in Mannheim und mit den Belegschaften an jedem einzelnen Standorten im Laufe des Sommers.
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