Lebensmittel

Prezero macht Insekten zu Nutztieren

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Bei Buchen entsteht eine Zuchtanlage für die Schwarze Soldatenfliege. Und das hat einen bestimmten Grund.

Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege stehen im Mittelpunkt eines Zuchtprojekts von Prezero
Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege stehen im Mittelpunkt eines Zuchtprojekts von Prezero  Foto: nicht angegeben

Sie trägt einen martialischen Namen, und der Legende nach deshalb, weil sie zuerst auf den Leichen toter Soldaten entdeckt wurde. Tatsächlich aber gehört die Schwarze Soldatenfliege schlicht zur Gattung der Waffenfliegen. Und das knapp zwei Zentimeter lange Insekt, schwarz und etwas schmaler als die bekannte Stubenfliege, verlebt auch nur die geringste Zeit seines Lebens als Fliege. 40 Tage von der kleinen Larve bis zum Tod bleiben dem Tier, und davon sind die acht Tage des späten Larvenstadiums für die Schwarz-Gruppe am interessantesten. Denn die Schwarze Soldatenfliege, genauer gesagt ihre bis zu drei Zentimeter lange Made, ist Teil der Nachhaltigkeitsstrategie der Handelsgruppe. Daher soll im nächsten Jahr bei Buchen eine erste Zuchtanlage für die Insekten entstehen.

Erste Erfahrungen in Kalifornien gesammelt

Zum Essen sind die Maden freilich nicht gedacht, jedenfalls nicht für den menschlichen Verzehr, erläutert Mark Ebeling, Projektleiter bei der Entsorgungssparte Prezero. Vielmehr geht es dem Unternehmen darum, was die Tiere essen: Sie sollen nämlich mit Lebensmittelresten aus der Produktion und den Handelsstandorten gefüttert werden. Am Ende werden die Maden selbst dann unter anderem zu Tierfutter verarbeitet. Und dieser Schritt bedeutet, dass Lebensmittelverschwendung reduziert wird – aus Lebensmittelresten werden über das Verfüttern an die Maden und deren anschließende Verarbeitung neue Lebensmittel für Tiere.

Es ist ein Pilotprojekt, dass Prezero für die Schwarz-Gruppe hier aufstellt. Dabei hat das Unternehmen schon erste Erfahrungen gesammelt. 2018 hatte Prezero das Recyclingcenter Ontario Yard in Kalifornien übernommen, ein Jahr später wurde das Black Soldier Fly Technical Center gründet. „Wir haben dort viel gelernt“, erzählt Mark Ebeling. „Das übertragen wir jetzt auf Europa.“ Dabei nutze das Unternehmen die Tiere, die in den USA über die Jahre herangezüchtet wurden. „Sie sind auf die Verarbeitung von gemischten Lebensmittelresten trainiert worden“, erläutert er. Denn eigentlich sind diese Fliegen Fleischfresser, könnten aber auch mit vegetarischen Resten leben. Im EU-Recht ist seit BSE die Verfütterung von Fleisch und anderen tierischen Resten an Nutztiere verboten – und diese Fliegen gelten als Nutztiere.

Aus den Larven wird Tierfutter

Eine Handvoll weiterer Unternehmen experimentiert auf dem Kontinent mit der Fliege. Aber nur Prezero füttert sie mit allen Resten aus Produktion und Handel, die nicht aus Fleisch sind. „Die meisten anderen verwenden nur wenige Grundstoffe oder Monoströme, etwa Kartoffelschalen“, erklärt er. Das Schwarz-Unternehmen greife als einziges auf alle möglichen Reste zu, von Joghurt über Käse bis zu Obst und Gemüse.

Am Ende entsteht daraus nicht nur Tierfutter. Ebeling rechnet vor, dass 80 Prozent der Masse zunächst einmal als Wasser beim Trocknen abgeschieden wird. Die Hälfte des Rests ist sogenannter Frass – übriges Nährsubstrat, Verdauungsreste, Chitinpanzer. Dies kann als Dünger oder Biogas weiterverwendet werden. Nur aus der verbleibenden Masse werde das Tierfutter gewonnen, als ganze Larve oder als Proteinpulver, außerdem können daraus Öle, Klebstoffe und Seifen hergestellt werden. Größter Kundenkreis dürften anfangs Hersteller von Trockenfutter sein, vor allem von hypoallergenem Futter für empfindliche Hunde und Katzen. Das Ganze ist auch Teil des Forschungsprojekts Inbira unter Federführung des Landes Baden-Württemberg und des Fraunhofer Instituts.

"Ein Baustein gegen Food Waste"

„Ich sehe großes Potenzial in der Larve“, sagt der Projektleiter. „Es ist nicht die einzige Lösung, aber ein Baustein gegen Food Waste.“ Das sieht auch Florian Schütze so, in der Schwarz-Gruppe zuständig für Nachhaltigkeit. „Wir sind in der Lage, das skalierbar umzusetzen. Wir haben ein einzigartiges Ökosystem, das uns in die Lage versetzt, nachhaltige Innovationen wirtschaftlich voranzutreiben.“

Spatenstich soll in Buchen Mitte nächsten Jahres sein. Spätestens Ende 2026 soll der Standort dann in Betrieb gehen. 50 bis 100 Tonnen Lebensmittelreste sollen dann pro Tag angeliefert werden, von den Logistikzentren von Lidl und Kaufland, aber auch von Nahrungsmittelherstellern und -verarbeitern. Von den eingesetzten Larven dürfen etwa drei bis fünf Prozent das Fliegenstadium erreichen, um neue Eier zu legen. Die Fliegen selbst sterben nach vier bis sechs Tagen ab, da sie keinen Rüssel für die Nahrungsaufnahme haben – sie verhungern schlicht. Ebeling und Schütze wollen auf Basis dieser Erfahrungen expandieren: „Buchen soll die Blaupause für Europa werden, weil die ganze Schwarz-Gruppe an diesem Thema arbeitet.“

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben