Die chinesisch-deutsche Zusammenarbeit im Bereich Künstlicher Intelligenz hat nach Ansicht des Generalkonsuls der Volksrepublik in Bezug auf intelligente Fertigung und autonomes Fahren bereits mehrere konkrete Ergebnisse hervorgebracht. „Als nächstes sollten wir uns darauf konzentrieren, die Zusammenarbeit schneller, stabiler und sicherer zu gestalten“, sagte Yiyang Huang. Mit dem Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz im März in China könnte die Beziehungen auf ein neues Level heben.
Nicht Angst, sondern Anpassung: Deutschlands neue China-Realität
Warum deutsche Unternehmen lernen müssen, mit der Volksrepublik auf Augenhöhe zu konkurrieren und zu kooperieren. China selber wirbt beim Gipfeltreffen der Weltmarkführer für Dialog und Partnerschaft.

Mit jedem Satz von Yiyang Huang wirkt die Bedrohung aus China kleiner. Der Generalkonsul der Volksrepublik in Deutschland, der eine große Delegation aus dem Reich der Mitte anführt, wechselt auf der Bühne des Gipfeltreffens der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall zu Beginn ins Deutsche, was ihm mehr Nähe verschafft. Doch weniger die Sprache als vielmehr seine Botschaften dürften die deutschen Unternehmer beruhigend zur Kenntnis nehmen.
Nach einem „Spektakel mit gegenseitigen Schuldzuweisungen“ auf dem Weltwirtschaftsgipfel vor einigen Wochen in Davos sei es ihm ein besonderes Anliegen, in Schwäbisch Hall – dem Davos der deutschen Industrie – „zum Geist des Dialogs zurückzukehren und die Unternehmen zur Zusammenarbeit aufzurufen“. Bei allem Wettbewerb hätten sich die chinesisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen nicht geschwächt, sondern vielmehr verzahnt.
China ist längst nicht mehr die verlängerte Werkbank deutscher Unternehmen
Gleichwohl hat sich das Binnenverhältnis der Beziehungen verändert: China ist längst nicht mehr die verlängerte Werkbank deutscher Unternehmen, die in der Volksrepublik lange Zeit günstig produziert haben. An die goldenen Zeiten aus deutscher Sicht erinnerte auch Jochen Weyrauch, Vorstandsvorsitzender des Lackieranlagenbauers Dürr aus Bietigheim. China: Das war eine wirtschaftliche Erfolgsstory für deutsche Unternehmen, „im Gegenzug haben wir den technischen Fortschritt ins Land gebracht“. Eine Win-win-Situation.
Dass sich die Situation einmal ändern würde: Daran dachte zu der Zeit niemand. „Ein Trugschluss“, sagt Weyrauch, dessen Unternehmen Mitte der 2010er-Jahre fette Umsätze in China eingefahren hatte. Während der Pandemie indes hatte das Land nach außen schwach gewirkt. „Aber hinter den Kulissen hat China die Zeit genutzt, technisch aufzurüsten“, sagt Jochen Weyrauch. Die Folge: Plötzlich ist die Volksrepublik auf Augenhöhe.
Die Zeit des Exports ist vorbei, das Zeitalter der Partnerschaft eingeläutet
Bisher, so Sebastian Heilmann, Professor am Lehrstuhl Politik und Wirtschaft Chinas an der Universität Trier, haben deutsche und europäische Unternehmen in China immer an der Spitze der Nahrungskette gestanden. „Jetzt müssen wir uns darauf einstellen, dass wir nur noch einen Beitrag zu einer chinesisch dominierten Wertschöpfungskette leisten werden.“ Das sei mit Blick auf die goldenen Zeiten bisher ein schmerzhafter Prozess, keine Frage.

Aber als Spezialist könne man Huckepack mit den Chinesen mitgehen. „Wir werden nicht mehr vom Export leben, sondern von gemeinsamer Entwicklung“, verdeutlicht auch Jivka Ovtcharova, Professorin am Karlsruher Institut für Technologie. China sei kein Gegner, sondern ein Wettbewerber, mit dem sich Kooperationen für die Wirtschaft in Deutschland lohnen. Durch die veränderten Beziehungen fühlten sich deutsche Firmen bedroht.
Der durch KI verursachte Wandel in der Industrie ist eine Chance für Deutschland
Aus Sicht von Ovtcharova mitunter zu unrecht. „Es liegt auch daran, dass viele Unternehmer China nicht verstehen und noch nie da waren“, sagt die Professorin für Informationsmanagement im Ingenieurwesen, die die chinesische Delegation in Schwäbisch Hall begleitet. Zurückzuschrecken sei der falsche Ansatz. Der durch Künstliche Intelligenz verursachte Wandel in der Industrie biete für deutsche Unternehmen eine große Chance.
Während Chinas Vorteile in einer starken digitalen Infrastruktur, vielfältigen innovativen Anwendungsbereichen und einem hochautomatisierten Fertigungssystem liegen, habe Deutschland in einer soliden Grundlagenforschung und einer langen industriellen Tradition seine Stärken. „Dies könnte unsere beiden Länder zu Golden Partnern machen“, sagt Generalkonsul Yiyang Huang in Schwäbisch Hall.
Wer global erfolgreich sein will, muss auch in China bestehen
Kein Land und kein Unternehmen allein könne technologische Durchbrüche erreichen, wenn es sich abschottet. Ein Rückzug war auch für Jochen Weyrauch keine Option. Der große chinesische Markt ist heute zu einem wichtigen Knotenpunkt für Unternehmen geworden, um ihre Lieferketten zu optimieren, Innovationsketten zu entwickeln und auch Wertschöpfungsketten zu stärken. Anlagenbauer Dürr hat seine Nische gefunden, wächst inzwischen auch in China wieder. Und lernt von China
Nach Ansicht von Georg Weber müssten deutsche Unternehmen auch über die Volksrepublik hinaus denken. „Die Einflusssphäre Chinas deckt 75 Prozent des Weltmarkts ab: Wenn wir andere Märkte bearbeiten wollen, müssen wir in China bestehen“, sagt der Technikchef des weltweit führenden Pumpenherstellers Wilo. China als Fitnessstudio für die deutsche Wirtschaft – das klingt weit weniger bedrohlich.

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