Mehr als Wohnen: Warum Bauen laut Robert Habeck auch die Gesellschaft formt
Nach seinem Rückzug aus der Politik spricht Robert Habeck überraschend klar über die Zukunft der Bauwirtschaft. Beim Baugipfel skizziert er, warum Gebäude mehr sind als Beton – und was Deutschland jetzt zusammenhalten könnte.

Um die wirtschaftspolitische Situation kommt Robert Habeck nicht herum. Die geladenen Gäste beim Baugipfel 2026 im Panoramahotel in Waldenburg aber beruhigt der ehemalige Vizekanzler und Minister für Wirtschaft und Klima gleich zu Beginn seines Vortrags. „Es wird kein Berlin 2.0“, sagt Robert Habeck in gewohnt eloquenter Manier mit einem Lächeln. Schließlich befinde er sich nach dem Ausscheiden aus seinen Ämtern in der Abkühlphase und versucht, Abstand zum politischen Geschehen zu finden. Weshalb er auch in Kopenhagen lebt, wie er verrät.
Aber die geopolitische Situation einordnen, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen betrachten – sehen, was ist: Das muss schon sein, sagt Habeck an diesem Abend. Er spricht vor Entscheidern aus Politik und Wirtschaft über das Thema Bauen für die Gesellschaft. „Das kann alles und jedes, aber auch nichts bedeuten“, sagt er beim Baugipfel im Panoramahotel. Es ist die dritte Auflage der Reihe, bei der die Gastgeber von H3 Projektbau aus Schwäbisch Hall in jedem Jahr eine andere Persönlichkeit aus Politik und Gesellschaft einladen.
Ziel des Baugipfels: Miteinander reden, über den Tellerrand hinaus blicken
Im vergangenen Jahr war Günther Oettinger da, nun also Robert Habeck. Es gebe in der Region viele Unternehmer, die investieren und die Verantwortung übernehmen, erklärt Jan Hoffmann, einer der Geschäftsführer von Hoffmann & Hermann Projektbau, kurz H3. „Genau denen wollen wir mit dem Baugipfel eine Plattform geben - für Austausch, neue Ideen und ein starkes Netzwerk.“ Die Referenten sind bewusst aus unterschiedlichen Lagern ausgewählt. Als Unternehmer müsse man nicht die Meinung der Grünen oder Habeck teilen. „Aber es ist wichtig, miteinander zu sprechen. Wer nur in seiner eigenen Bubble bleibt, verpasst Perspektiven, die man als Unternehmer braucht.“
„Räume, in denen wir leben, entscheiden darüber, wer wir sind.“
Robert Habeck
Neue Denkanstöße bringt auch Habeck mit, der den Bogen von seiner aktuellen Wahlheimat Kopenhagen – in der Stadt hatte er einst studiert und seine Frau kennengelernt – nach Deutschland schlägt. „Die Stadt war vor 35 Jahren dunkel und pleite, voller düsterer Industriebrachen“, sagt Habeck. Heute sei Kopenhagen eine lebenswerte – wenn auch teure – Stadt. Die Verantwortlichen haben damals die dreckigen Industrieanlagen, die Brown-Field-Areas, aus der Stadt genommen, das Wasser allen zugänglich gemacht – „damit die Stadt wieder zusammenwachsen kann“.
Im ländlichen Raum prägen verlassene Dorfkerne immer mehr das Bild
Diesem gesellschaftlichen und auch klimafreundlichen Aspekt räumte Habeck einen hohen Stellenwert ein: Zumal das Bild Deutschlands im ländlichen Raum immer häufiger von verlassenen Dorf- und Kleinstadtkernen geprägt sei, während am Rand immer mehr Wohnraum entstehe und „Aldi und Lidl auf die grüne Wiese bauen“. Es gehe beim Bauen darum, gemeinsame Räume zu schaffen und zu teilen und dabei den sozialen Wohnungsbau zu integrieren.
„Räume, in denen wir leben, entscheiden darüber, wer wir sind“, sagt Habeck. Beim Bauen gehe es auch um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, „wir müssen aufpassen, dass der Laden Deutschland nicht auseinanderfällt – und die Gesellschaft zusammenbleibt“. Bei der Umsetzung bedeutet das aus seiner Sicht: dass alle etwas geben. Denn bei der Finanzierung hinkt das Beispiel Kopenhagen, das mit dem Geld staatlicher Rentenfonds die Infrastruktur im Land entwickelt.

Um die anfänglichen Risiken zu schmälern und die Einstiegshürden für Bauherren und Investoren zu minimieren, schwebt Habeck eine Partnerschaft von öffentlicher Hand, Banken, Investoren und Bauherren vor. So könnte doch beispielsweise die KfW-Bank über neuartige Finanzierungsmodelle das Anfangsrisiko abfedern und Risiken, die zu Beginn besonders hoch sind, übernehmen. „Über die Finanzierung bekommen wir einen sehr großen Hebel in die Bauwirtschaft hinein“, sagt Habeck.
Ziegel aus Enzymen: Im Bereich der Baumaterialien steckt ungeahntes Potenzial
Klimaschutz beim Bauen spiele eine wichtige Rolle – bisher sei das Thema beinahe ausschließlich in Bezug auf die Heizung diskutiert worden. „Ich weiß, wovon ich Rede“, sagt Habeck, dessen Ministerium einst das viel diskutierte Gebäudeenergiegesetz auf den Weg gebracht hatte. „Ich habe gerade eine Umfrage gesehen, nach der 80 Prozent der Deutschen gerne eine Wärmepumpe hätten. Ich nehme das zur Kenntnis“, so Robert Habeck. Politisch sei die Messe gesungen, die Technik werde sich durchsetzen.
Zumal der Iran-Krieg das Vertrauen in das Funktionieren des globalen Energiemarkts zerstört habe. „Das bedeutet, dass eigenproduzierte Energie wichtiger werden wird, wir mehr aus eigenen Quellen schöpfen müssen.“ Im Bereich der Baumaterialien sieht er einen in Sachen Klimaschutz ein leicht zu erreichendes Verbesserungspotenzial, wenn es darum geht, bisherige Materialien abzulösen und nachhaltiger zu bauen. Das gehe viel über Holz, aber auch über Ziegel, die aus Enzymen hergestellt werden.
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