"Wir sehen mehr Insolvenzen": Wirtschaftsverbände in großer Sorge
Sinkende Aufträge, weniger Beschäftigung, zunehmende Insolvenzen: Mehrere Verbände aus der Wirtschaft schlagen Alarm. Es droht der Abbau von Arbeitsplätzen.
Die Südwestwirtschaft schlägt angesichts der Konjunkturschwäche Alarm. Mehrere Verbände fordern von der Bundesregierung rasche Maßnahmen, um die Unternehmen zu entlasten und der Konjunktur dringend benötigte Impulse zu verleihen. Sowohl Südwestmetall als auch die Bauwirtschaft Baden-Württemberg und das Handwerk BW warnen vor Stellenabbau und Insolvenzen im Land.
Aufträge und Produktion in Metall- und Elektrobranche rückläufig
"Die Talfahrt setzt sich nunmehr seit gut eineinhalb Jahren nahezu ungebremst fort", sagte Oliver Barta, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall am Freitag in Stuttgart. Im Juni verbuchten die Unternehmen der Branche zehn Prozent weniger Aufträge als im Juni 2023. Damit lagen den Angaben zufolge die Neuaufträge in den letzten 19 Monaten mit einer Ausnahme immer im Minus.
Auch die Produktion ist seit Jahresbeginn mit mehr als zehn Prozent rückläufig. "Wir sind damit nicht nur meilenweit vom Niveau vor Beginn der Corona-Krise entfernt. Wir fahren auch deutlich der globalen Industrieentwicklung hinterher – ein Beleg für die zusätzlichen Belastungen am Standort", sagte Barta.
Metall- und Elektroindustrie: Beschäftigung in der Branche sinkt
Diese Belastungen schlagen laut Südwestmetall auch auf die Beschäftigung in der Metall- und Elektroindustrie durch. Im Juni sind demnach die Beschäftigtenzahlen sowohl im Land als auch im Bund leicht gesunken. "Große Firmen kündigen eine erheblichen Abbau an Arbeitsplätzen an, die Kurzarbeit nimmt Fahrt auf, Investitionen in Neugeschäft werden vermehrt im Ausland getätigt", zählt Barta auf. "Mehr als jedes dritte Unternehmen schreibt rote Zahlen oder eine schwarze Null, wir sehen mehr Insolvenzen", sagt der Hauptgeschäftsführer.
Das alles habe viel mit den Rahmenbedingungen am Standort Deutschland zu tun. "Wir brauchen daher dringend Maßnahmen, die den Standort stärken und Investitionen in die Zukunft hierzulande wieder attraktiv machen", sagte Barta. Er nannte die Themen hohe Steuern- und Abgabelast, wettbewerbsfähige Energiepreise, Beschleunigung von Verfahren und spürbare Bürokratieentlastung.
"Das Hickhack um das Heizungsgesetz, das plötzliche Aus für die Förderung von Elektroautos, aber auch der mancherorts schleppende Ausbau von Ladeinfrastrukturen waren keine Beiträge dazu", so Barta. Die Bürger seien verunsichert und würden von Kaufentscheidungen abgehalten, Betriebe investierten nicht in Zukunftstechnologien. Die bisher von der Ampel-Koalition beschlossenen Maßnahmen wie das Wachstumschancengesetz seien nicht ausreichend.
Südwestmetall fordert von der Gewerkschaft Lohnzurückhaltung
Die Sozialpartner forderte Barta angesichts der anstehenden Tarifrunde zu Zurückhaltung auf. Die ohnehin hohen Kosten weiter nach oben zu treiben, schade dem Standort, sagte er mit Blick auf die Lohnforderung von sieben Prozent mehr Geld.
"Das ist die dritthöchste Forderung der letzten 30 Jahre", sagte Barta. "Sehr vielen Firmen geht es derzeit nicht gut. Zudem wollen sie eigentlich jeden verfügbaren Cent in die Zukunft investieren", betonte der Hauptgeschäftsführer von Südwestmetall. Diese Unternehmen wüssten nicht, woher sie das Geld für solche Lohnsteigerungen nehmen sollten. "Aber auch für sie brauchen wir eine Lösung", betonte Barta.
Bauwirtschaft äußert große Sorge um den Standort Deutschland
Auch die Bauwirtschaft im Land ist in großer Sorge um den Standort. Im Gegensatz zur Metall- und Elektroindustrie habe die Bauwirtschaft nicht die Möglichkeit, im Ausland zu investieren, sagte Markus Böll, Präsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, am Freitag. "Umso mehr ist die Baubranche von Insolvenzen und Betriebsaufgaben bedroht", sagte Böll. Offenbar ziehe die lahmende Baukonjunktur die Metall- und Elektrobranche mit nach unten. "Eine erschreckende Parallelität", so der Verbandspräsident.

Böll fordert ein radikales politisches Umdenken. "Wir vermissen dringend wirksame Impulse seitens der Bundes- und der Landesregierung, die die Wirtschaft wieder auf Kurs bringen." Im Wohnungsbau etwa reagiere die Politik völlig hilflos und könne sich nicht zu einem umfassenden Maßnahmenpaket durchringen, um die Bautätigkeit anzukurbeln, kritisiert Böll. "Wir brauchen durchgreifende Reformen, die unseren Standort sichern, Investitionen stärken und für eine Aufbruchstimmung sorgen."
Handwerk fordert mehr Unterstützung
Das Handwerk in Baden-Württemberg schließt sich diesen Analysen und Forderungen an. Vor allem im Bauhandwerk sei die Flaute im Wohnungsbau deutlich zu spüren, teilte Handwerk BW am Freitag mit. So hätten im ersten Halbjahr deutlich mehr Maurer- und Betonbauerbetriebe aufgegeben als sonst üblich.
Von einer Pleitewelle könne man zwar nicht sprechen, die Zahlen seien aber durchaus alarmierend, sagte Hauptgeschäftsführer Peter Haas. Nach dem Kabinettsbeschluss zur Landesbauordnung müsse das Land weitere Schritte gehen, um die Wohnbautätigkeit wieder anzukurbeln. Notwendig seien die Senkung der Grunderwerbsteuer und mehr öffentliche Investitionen in den sozialen Wohnungsbau, so Haas.
Er kritisierte die Kürzungen bei den Zuschüssen für die Energieberatung, die zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kämen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) verkenne den Ernst der Lage, wenn er diese Zuschüsse in einer Situation kürze, wenn der Wohnungsbau in der Sackgasse sei, sagte Haas.
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