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Neckarsulm/Oedheim

Frische Kräfte für Bauhöfe und Gartenbaubetriebe

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Von der Arbeitsagentur geförderte Teilqualifizierungen können die Fachkräftelücke in Mangelberufen verkleinern. In der Region zeigt ein Pilotprojekt für Gärtner, dass so auch die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund beschleunigt wird.

Freuen sich über das erfolgreiche Teilqualifizierungsprojekt: Katrin von Löwenstein (von links), Matthias Schmitt, Hamez Merxha, Nohad Alahmad, Neckarsulms Bauhofleiter Michel Hettich und Steffen Hertwig.
Freuen sich über das erfolgreiche Teilqualifizierungsprojekt: Katrin von Löwenstein (von links), Matthias Schmitt, Hamez Merxha, Nohad Alahmad, Neckarsulms Bauhofleiter Michel Hettich und Steffen Hertwig.  Foto: Paul, Jürgen

Wenn alle Beteiligten eines Projekts am Ende zufrieden sind, kann man wohl von einem Erfolg sprechen. Für das „Bauhofprojekt“, das die Arbeitsagentur und die Jobcenter Heilbronn gemeinsam mit Kommunen, Garten- und Landschaftsbaubetrieben und Bildungsträgern auf die Beine gestellt haben, gilt das zweifellos. Von 20 Teilnehmern haben 16 den ersten Kurs erfolgreich beendet. Nun soll die Teilqualifizierung Gärtner in der Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau breiter ausgerollt werden und Strahlkraft über Baden-Württemberg hinaus entwickeln.

Für den Grünbereich suchen viele Bauhöfe verzweifelt nach Personal

Im jetzt abgeschlossenen Pilotprojekt wurden 16 Teilnehmer für die Tätigkeit in kommunalen Bauhöfen und Garten- und Landschaftsbaubetrieben qualifiziert. Zwei Teilnehmer mit Migrationshintergrund arbeiten nun in den Bauhöfen von Neckarsulm und Oedheim. „Gutes Personal ist in diesem Bereich rar“, sagt Neckarsulms Oberbürgermeister Steffen Hertwig beim Pressetermin im Neckarsulmer Bauhof. Aktuell sind sechs von insgesamt 32 Stellen im sogenannten Grünbereich unbesetzt. „Das sehen die Bürger draußen“, sagt der OB. Wenn die städtischen Grünanlagen nicht so gepflegt sind, wie die Bürger sich das wünschen, stehen das Rathaus und der Bauhof schnell in der öffentlichen Kritik.

Diese Vorteile bietet die Teilqualifizierung

Deshalb war die Stadt Neckarsulm „sofort Feuer und Flamme, als die Arbeitsagentur mit dem Projekt auf uns zukam“, berichtet Jennifer Rauchfuß, die die Personalabteilung der Stadt leitet. Das Projekt: eine von Arbeitsagentur und Jobcenter geförderte Teilqualifizierung über etwa ein halbes Jahr mit Theorieunterricht, Deutschkurs und Praktika. Das Besondere an der Teilqualifizierung: Die Teilnehmer können schrittweise in Vollzeit oder Teilzeit in sechs Teilqualifikationen den Berufsabschluss erreichen. „Das ist ein ganz tolles Modell“, sagt Katrin von Löwenstein, Leiterin der Arbeitsagentur Heilbronn. Denn die Teilnehmer müssen nicht zu viel auf einmal machen, sondern können sich erst einmal auf ein Modul konzentrieren und danach in den Job einsteigen. Bei Bedarf können sie dann jederzeit weitere Teilqualifizierungen absolvieren, um sich weiterzuentwickeln.

Ein syrischer Automechaniker pflegt jetzt Grünanlagen in Neckarsulm

Nohad Alahmad hat am Pilotprojekt teilgenommen und freut sich über seine Tätigkeit beim Neckarsulmer Bauhof, wo er im Grünbereich tätig ist. Der gebürtige Syrer ist in seiner Heimat eigentlich Automechaniker gewesen, doch in Deutschland musste er sich wegen der unterschiedlichen Anforderungen in diesem Beruf umorientieren. Über eine Bewerbermesse kam Alahmad mit der Stadt Neckarsulm in Kontakt, danach wurde er beim Bildungsträger AK Training und zwei Praktika fit für seinen neuen Job gemacht. „Wir sind froh, dass wir ihn haben“, sagt Günter Glaser, stellvertretender Bauhofleiter in Neckarsulm. Nohad Alahmad sehe die Arbeit, sei motiviert und pünktlich, lobt Glaser seinen Schützling.

Die Teilqualifizierung sorgt auch für bessere Deutschkenntnisse

Voll des Lobes für das Projekt ist auch Matthias Schmitt. „Für uns war das eine Riesenchance“, sagt der Bürgermeister von Oedheim. Es sei immer schwierig, qualifizierte Mitarbeiter für den Bauhof zu finden. Und im Grünbereich stehe man im Fokus der Bevölkerung, weiß Schmitt. Nun habe man mit Hamez Merxha einen „Top-Mitarbeiter“, freut sich der Bürgermeister. Merxha arbeitete im Gegensatz zu Alahmad schon vor dem Projekt als Arbeiter beim Oedheimer Bauhof. Nach der Teilqualifizierung ist er eine Fachkraft, die zudem – wie auch Nohad Alahmad – viel besser deutsch spricht als zuvor. „Ich habe die Ausbildung sehr gerne gemacht“, sagt der 30-Jährige, der aus dem Kosovo stammt. Die Spezialisierung durch das Projekt habe sich gelohnt, „ich bin sehr zufrieden“, sagt Merxha. Gut möglich, dass er bald weitere Teilqualifizierungen folgen lässt. „Wir hoffen, dass er bei uns bleibt“, sagt Katharina Kübler, Fachbereichsleiterin „Planen und Bauen“ bei der Gemeinde Oedheim.

Erfolgreiches Qualifizierungsprojekt soll nun breiter ausgerollt werde

Damit auch andere Kommunen und Gartenbaubetriebe vom Angebot der Arbeitsagentur profitieren können, soll das Teilqualifizierungsprojekt jetzt breiter ausgerollt werden. „Wir hatten im Vorfeld alle Kommunen im Agenturbezirk angeschrieben, die Resonanz war aber bescheiden“, berichtet Petra Hildenbrandt vom Arbeitgeber-Service der Arbeitsagentur Heilbronn. Die Beteiligten betonen, dass solch ein Projekt sehr aufwendig sei und nur dank gemeinsamer Anstrengung erfolgreich sein könne. „Es war eine sensationelle Zusammenarbeit, auch wenn es etwas gedauert hat“, sagt Anton Kruljac, Geschäftsführer des Bildungsträgers AK Training. Und Neckarsulms OB Hertwig sagt stellvertretend für seinen Oedheimer Kollegen Schmitt: „Mit diesem Projekt hat die Arbeitsagentur den Nagel auf den Kopf getroffen.“

Jede von der Arbeitsagentur geförderte Teilqualifizierung ist bundesweit anerkannt, die Teilnehmer erhalten ein entsprechendes Zertifikat. Nach Durchlaufen aller Module können sie sich zur Prüfung bei der zuständigen Kammer anmelden und den jeweiligen Berufsabschluss erwerben. Am Heilbronner Gärtner-Projekt können Beschäftigte, Arbeitsuchende und Arbeitslose teilnehmen, sie werden zusammen qualifiziert. Es gibt Kurse mit und ohne Deutschunterricht. Das Folgeprojekt im Agenturbezirk Heilbronn startet Ende März.

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