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Energiewende als Jobmotor: Unternehmen suchen tausende neue Mitarbeiter

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Die Energiewende könnte zumindest theoretisch zu einem Jobmotor werden: Es gibt massenhaft freie Stellen in den nächsten Jahren. Doch eine Sorge treibt die Branche um. 


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Leicht steigende Arbeitslosigkeit, eine schwächer wachsende Beschäftigung, dazu Kurzarbeit: Wirklich gute Nachrichten kommen vom Arbeitsmarkt schon länger nicht mehr. Und das im zweiten Jahr in Folge negative Wirtschaftswachstum in Deutschland macht zudem wenig Hoffnung auf Besserung. Ausgerechnet die mitunter umstrittene Energiewende könnte zumindest etwas Abhilfe schaffen und sich zu einem Jobmotor aufschwingen.

Die Aussichten für Bewerber sind jedenfalls rosig, da Unternehmen in der Energiebranche nach Mitarbeitern suchen und massenhaft einstellen. „Die Energiewende ist ein gewaltiges Konjunkturpaket“, sagt Kerstin Andreae, Chefin des Bundesverbands Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Insbesondere die junge Generation habe hier die Chance, die Welt nachhaltig mitzugestalten. Allerdings würden qualifizierte Fach- und Arbeitskräfte benötigt: Ingenieure und Handwerker, die Windparks planen und bauen, Solaranlagen und Batteriespeicher installieren, die die Strom-, Gas- und Wärmenetze ausbauen, Ladeangebote für E-Autos optimieren, neue Heizungen einbauen.

Die Energiewende kann sich zu einem Jobmotor aufschwingen. Umgekehrt droht sie sich durch den Mangel an Fachkräften zu verlangsamen.
Die Energiewende kann sich zu einem Jobmotor aufschwingen. Umgekehrt droht sie sich durch den Mangel an Fachkräften zu verlangsamen.  Foto: Andreas Arnold

Energiewende als Jobmotor: Schon jetzt kämpfen Gewerke mit dem Fachkräftemangel

Und, so Kerstin Andreae, es brauche Personal, das an der Schnittstelle zum Kunden Gesicht zeigt, um über die vielfältigen Fragen zur Energiewende aufzuklären. Auch wenn es durch die Digitalisierung, Weiterbildungen, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in vielen Bereichen zu optimierten Arbeits- und Prozessabläufen kommt - es dort also perspektivisch weniger Personal brauche -, bleibt die größte Herausforderung bei den spezialisierten und technologisch ausgerichteten Arbeitsplätzen bestehen. „Eine Lücke, die allein durch Fort- und Weiterbildung nicht ausreichend geschlossen werden kann“, sagt die BDEW-Vorsitzende.

Sprich: Gut qualifiziertes Personal könnte zum Engpassfaktor werden und die Energiewende ausbremsen. Schon jetzt kämpfen eine ganze Reihe der im Klimaschutz und für die Energie- und Verkehrswende tätigen Gewerke mit einem Mangel an Fachkräften. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks geht sogar davon aus, dass mehrere Zehntausende qualifizierte Mitarbeiter fehlen. Die Anzahl werde noch anwachsen, da viele qualifizierte Mitarbeiter aus Altersgründen in den nächsten Jahren ausscheiden, heißt es.

Energiewende und Fachkräftemangel: Ausbauziele können wohl nur teilweise erreicht werden

Mit Folgen. „Viele Unternehmen gehen davon aus, dass die Transformation aufgrund des Fachkräftemangels länger dauern wird und die Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien nur teilweise erreicht werden können“, sagt Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Einer Studie der DIHK zufolge sind allein für den Ausbau der Kernbranchen Solar, Wind und Wasserstoff bis zum Jahr 2030 mehr als eine halbe Million Fachkräfte erforderlich, um das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen.

Vor diesem Hintergrund sieht Andreae die Politik in der Pflicht: „Auch der neuen Bundesregierung wird klar sein, dass ohne ausreichende Fachkräfte die Energiewende ins Stocken gerät. Sie kann nur gelingen, wenn genügend Hände mit anpacken“, sagt die BDEW-Chefin. Dafür müssten alle Register gezogen werden: „Für die Umsetzung der Energiewende brauchen wir eine gezielte Nachwuchsförderung, eine größere Attraktivität technischer Berufe insbesondere für Frauen, Fachkräfteeinwanderung und Quereinsteiger.“

Der Energiekonzern Energie Baden-Württemberg (EnBW) aus Karlsruhe hat im vergangenen Jahr 3500 Mitarbeiter eingestellt - und sucht in den nächsten Jahren Tausende weitere.
Der Energiekonzern Energie Baden-Württemberg (EnBW) aus Karlsruhe hat im vergangenen Jahr 3500 Mitarbeiter eingestellt - und sucht in den nächsten Jahren Tausende weitere.  Foto: Uli Deck

Die Energiewirtschaft scheint die Herausforderung erkannt zu haben und engagiert sich aktiv für die Sicherung von Personal auf allen Ebenen. Das zeigt das Beispiel EnBW, einem der größten Betreiber kritischer Infrastruktur in Deutschland. Knapp 3500 neue Mitarbeiter haben die Karlsruher 2024 im Gesamtkonzern eingestellt. Und der Energieversorger sucht in den nächsten Jahren viele weitere neue Arbeitskräfte.

Energieversorger gibt sich zuversichtlich, das richtige Personal zu finden

„Unser größter Bedarf liegt im Bereich der Energie- und Netztechnik. Zudem sind wir schwerpunktmäßig auf der Suche nach Spezialisten – vor allem in den Bereichen Offshore-Wind, Elektromobilität, Vertrieb und Einkauf“, sagt Colette Rückert-Hennen. Laut der Personal-Vorständin sollen bis 2027 weitere rund 7800 Mitarbeiter eingestellt werden. Zugrunde liegt dieser Planung zum einen der demografische Wandel, „aber auch unser Bedarf für den Ausbau der Netze und der erneuerbaren Energien“. In Stein gemeißelt seien die Zahlen vor dem Hintergrund der zu erwartenden Digitalisierungseffekte jedoch nicht.

Was der Energieversorger beim Recruiting feststellt: „Es ist tatsächlich herausfordernd, die richtigen Talente zu finden – insbesondere im technischen und ingenieurwissenschaftlichen Bereich“, sagt Rückert-Hennen. Durch die  Personalplanung und gezielte Recruiting-Offensiven liege das Unternehmen bei der Besetzung der Stellen aber im Plan. „Daher bin ich zuversichtlich, dass wir die richtigen Talente einstellen werden, die die Energiezukunft mitgestalten“, sagt Colette Rückert-Hennen auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels.

Energiewende ja, aber es muss schneller gehen: Einer neuen Umfrage zufolge halten 60 Prozent der Deutschen die Energiewende für langfristig notwendig. Gleichzeitig sind aber nur 15 Prozent mit dem Fortschritt zufrieden. Zu dem Ergebnis kommt eine repräsentative Online-Befragung des Wuppertal Instituts unter 2.062 Erwachsenen. „Die Ergebnisse der Studie sind ein klarer Weckruf: Es braucht einen überparteilichen Energiewende-Konsens, der als Kompass für die Energiewende dient“, sagt Katherina Reiche, Chefin des Versorgers Westenergie, der die Studie in Auftrag gegeben hatte.

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